Logbuch
KILL BY SMILE.
Wer ein Geschäft hat, muss lächeln können. Das ist ein Kaufmanns Spruch, der ein rüderes Wort aus den Weisheiten begattungswilliger Burschen abwandelt. Die gesellschaftsfähigere Variante des maskulinen Mottos war immer, dass der Kunde König sei. All diese Alltagsweisheiten sind in der DIGITALISIERUNG verloren gegangen.
Viele klassische Anbieter im Internet halten es für angebracht, Ohrfeigen zu verteilen. Man verwechselt die Vergewaltigung mit dem Flirt.
Ich erzähle mal das Ding mit den Oberhemden. Früher nahm ich mir das klassische Oxfordhemd aus der Jermin Street mit, wenn ich ohnehin in London war. Dann schickten sie mir Kataloge. Mein Vorrat stieg, weil ich bei der Postbearbeitung nie an deren Katalog vorbeikam. Stets habe ich bestellt und noch irgendetwas hineinsticken lassen, konnte also nie umtauschen. Dann war ihnen das Papier zu teuer, sie wandelten den Katalog zur Brücke; man musste von der Website aus bestellen. Und mit Paypal zahlen. Nachdem nun der x-te Versuch gescheitert ist, für mein Ponem Geld locker zu machen, um das Scheiß-Shirt zu kriegen, habe ich den Newsletter abbestellt. Es lächelt nun niemand mehr, weder der britische Schneider noch der deutsche Schlipsträger noch der elektronische Bezahl-Kumpel (denn das heißt Pay Pal eigentlich).
Ich könnte meine Verärgerung an Beispielen aus der Publizistik erläutern; Stichwort BEZAHLSCHRANKE. Zustände wie im Türstehergewerbe. „Heute leider nicht!“ Im Klartext: Du kommst hier nicht rein, Alta!
Apropos Kumpel. Ich hab dann noch Apfel-Pay; das klappt wunderbar. Ich muss an der Tanke mein Handy anlächeln und komm vom Hof. Alles gut. Die gleiche Erfahrung mit AMAZON. Man kriegt alles und zwar an die Tür gebracht und wird notorisch über die saftigen Retailpreise hinweggetäuscht, indem die Tonalität stimmt: alles, sofort und zwar günstig. Eine abgestufte Wahrheit. DIGITALISIERUNG im Vertrieb ist keine Frage des „ob“, sondern eine Frage des „wie“. Bei manchen Anbietern ist die Sperrigkeit für meine Begriffe gewollt; man hat gar keine Lust mehr auf „retail“, weiß nur noch nicht so richtig, wie man den alten Kunden los wird.
Warum sonst kann eine Großbank germanischen Namens nicht, was einer Spaß-Kasse perfekt von der Hand geht? Weil sie gar nicht will. Womit wir wieder am Anfang sind. Junggesellenerfahrung: Wenn sie gar nicht will, nützt auch das Lächeln nicht.
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UNSERE DAMEN.
Was in der Sprache der PR eine „event location“ ist, das dürfte mit der Wiedereröffnung von NOTRE DAME in Paris klar sein, es sind die Bretter, die die Welt bedeuten, der Theaterboden, auf dem ein Stück aufgeführt wird. Die Medien konzentrieren sich in Paris auf die Bilder mit dem alten und nun wiedergewählten Präsidenten der USA, Donald Trump. Auch seine Begleitung durch den Unternehmer Elon Musk wird ins Zentrum der Berichterstattung gerückt. Das deutsche Staatsoberhaupt sitzt in der zweiten Reihe und bleibt unbeachtet.
Darf ich erwähnen, dass es sich bei NOTRE DAME um eine Kathedrale handelt? Das ist ein katholisches Gotteshaus. Es entstammt dem 12. Jahrhundert; es ist damit ein Ikon des europäischen Christentums. Selbst die Französische Revolution hat es nicht geschliffen, sondern zum TEMPEL DER VERNUNFT umfirmiert. Dazu muss man angesichts des Marienkultes um unsere LIEBE FRAU schon tief Luft holen, aber doch ist der Ort dadurch nicht wirklich geschändet.
Nun also der Tanz um das Goldene Kalb. Man macht sich in deutschen Medien Sorgen um unseren Ruf in der Welt, weil der Scholzomat auf den Götzenbildern fehle und die vielversprechende Außenministerin. Und der Architekt der deutsch-russischen Gas-Allianz nur in der zweiten Reihe hocke, unbeschienen von den Blitzlichtern, die die Welt bedeuten. Diese Sorge teile ich nicht.
Ich bin unmusikalisch in Dingen der Religion, aber doch nicht wirklich zu Gotteslästerungen aufgelegt oder zu Krönungsgottesdiensten. Ich wähle diese meine Worte mit Bedacht. Man wird wissen, was ich meine, wenn bei einem künftigen Event mein Vaterland wieder in der ersten Reihe sitzt und die Blitzlichter unsere Damen erleuchten, Frau Le Pen mit Frau Meloni, zusammen mit der deutschen Kanzlerin Alice Weidel, begleitet von der Außenministerin Frau Wagenknecht.
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BRO HAT BEULE.
Ich wollte es unkompliziert regeln. Mir ist ein Trottel auf dem Parkplatz in die Karre gefahren und ich erreiche bei seiner Versicherung niemanden am Telefon; Mail haben die noch nicht. Man schreibt Briefe. Nach Wochen ein Anruf von einem Prepaid-Handy und die Nonchalance von jemandem, der mich „Bro“ nennt, im Getto kurz für Bruder. Mail geht nicht, Post sind die leicht im Rückstand; ich soll ja nicht zum Anwalt gehen, sondern „Fotto von Handy“ schicken, dann macht er mir Termin bei Beulendoktor.
Früher hieß der ideale Versicherungsvertreter HERR KAISER und war ein kreutznetter Nachbar. Die Verbraucher hatten die Geschichte dank extensiver TV-Werbung gelernt. Ich kenne das auch von einem Professor für Versicherungswesen, der sagt: „Versichern lässt man sich vom Norbert von Nebenan.“ Das hängt mit einer Vertriebsstruktur zusammen, die sich des Maklerwesens bedient. Dort sind die wirklichen Sitten weniger romantisch. Der Makler nimmt erstmal Provision, gern und gut.
Ich kenne einen einschlägigen Schergen aus Hannover, der das Motto dieses Vertriebsunwesens mit „anhauen/umhauen/abhauen“ beschrieben hat. Aber es geht mir heute nicht um Drücker und die Struckis (so heißen die Halbseidenen in den Strukturvertrieben). Es geht mir um die normalen Tante-Emma-Läden, die Versicherungsvertrieb noch immer ausmachen; in einer Zeit da selbst ALDI nicht mehr „commodity“ ist und AMACON das Vorbild für „retail“, Vorbild des ambitionierten Einzelhandels.
Die Branche der Finanzdienstleistungen nennt zeitgemäße Vertriebe „Direktversicherung“, typisch für residuale Finanzverwaltungen im Modus des Franz Kafka: das Normalste wird als Defizitprodukt verhökert. Direkt, weil kein Herr Kaiser und keine Tante Emma. Nur (!) AMACON und Check24. Eine wirkliche Tür würde aufgeschlagen, wenn die Direktversicherung als der Premiumabschluss gelte. Sie könnte das, wenn sie wollte. Wir warten aber noch auf die SMARTE Welt; Versuche wie „wefox“ waren das ja irgendwie nicht.
Aber auch dazu will ich eigentlich nichts sagen; nachvertragliche Treuepflicht. Aber versuchen Sie mal bei einem Schadensfall mit ihrem Herrn Kaiser zu telefonieren; Sie werden nicht mal Tante Emma erreichen. Ein Insider sagt mir, es gehe telefonisch in Festnetz nur noch mit Geheimnummern. Die Chance, dass Sie stattdessen in Anatolien bei einem remigrierten Kreuzberger Drücker landen, stehen nicht schlecht. „Hast Du Beule, Bro? Hab isch Doktor für!“ Bei dem Gedanken, dass die auch mein Steuergerät einstellen, wird mir übel.
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GEHEIMER DIENST.
Der Bundesnachrichtendienst BND ist keine Nachrichtenagentur. Während diese alles Wichtige in die Welt posaunt, behält jener alles Wichtige für sich. Sollte man meinen. Außer der alte Chef braucht Knete, weil verspekuliert. Dann vermittelt er auch schon mal exotische Schlapphüte an Hoteliers-Eltern, die sich gegenseitig ihre Kinder entführen. Willkommen in der Halbwelt der Geheimdienste, wo Widersprüchliches wahr und die Moral vom Metzger.
Ehrlich gesagt, habe ich von diesem Thema keine Ahnung, gar keine. Ich kenne allerdings drei oder vier von diesen Geheimdienstkoordinatoren persönlich; das sind die als „Leiter BK“ getarnten Herrscher im Bundeskanzleramt, die dort regelmäßig alle Schlapphüte-Chefs zur Besprechung der „Lage“ versammeln. Das ist so geheim, dass an deren Privatwohnungstüren Müller steht, selbst wenn sie Meier heißen. Unauffällig sein, ist alles. Jetzt rückte ein ehemaliger BND-Chef echt wenig unauffällig in U-haft ein, aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Ich wollte von DA BRUNO erzählen. Der war seinerzeit in Bonn eine Institution als „Kohls Italiener“, ein Trivialmythos. Dessen Lokal lag in Godesberg neben der nigerianischen Botschaft, von der man in Kreisen der Dienste wusste, dass die Jungs immer klamm. Bruno konnte Pasta und hatte Zimmer zu vermieten. Es zog dort zur Untermiete ein der erste freigewählte Oberindianer der DDR, Lothar de Maziere, dessen Presse-Tusse eine gewisse Angela Merkel war. Bei Bruno war immer voll. Alle Tische ausgebucht. Entweder waren die Schlapphüte da wg. Kohl. Oder wg. der Zehndollaragenten aus Afrika. Oder wg. dem Ostdeutschen und seiner Pfarrerstochter. Oder zur vorsorglichen Beobachtung der anderen Agenten. Mittendrin meiner Mutter Sohn. Viel Spaß gehabt damals.
Berlin war schon immer ein Moloch dessen, was die Bonner Republik nur als Puppenstube übte. Also Frage vom Fach: Woran erkennt man einen Agenten? Das ist nicht schwer. Er ist unauffällig. Je unauffälliger, desto geheimer. Sollte einer total unauffällig sein, ist es höchst wahrscheinlich ein Doppelagent.