Logbuch
WAS AUS MUTTI WIRD.
Es gibt ein Menschenrecht, vergessen zu werden. Das erfahre ich zufällig, da irgendein Schrat klagt und verlangt, aus dem Geburts- und Taufregister seiner Heimatgemeinde gestrichen zu werden; jedenfalls dass die Archive nicht mehr zugänglich. The right to be forgotten. Steht so im EU-Recht, der Datenschutz-Grundverordnung. Das finde ich nicht in Ordnung.
Es fängt damit an, dass Schriftlichkeit ein wesentliches Kulturprinzip ist. Wir wissen wenig von jenen Jahrhunderten unserer Geschichte, in denen man das hat schleifen lassen und sich auf mündliche Überlieferung verlassen hat. Schriftlichkeit ist die Grundlage von Recht, wenn man die Willkür jeweils herrschender Eliten ausschalten will. Wir wollen Gerichtsbarkeit ja nicht den Launen alter Männer unter der Ting-Eiche überlassen. Oder gar rachsüchtigen Witwen.
Ich kenne ein Papstwort (Ratzinger), nach dem die Einführung der förmlichen Inquisition durchaus ein Fortschritt war, weil es für die Prozesse zur Hexenverbrennung nunmehr wenigstens die Schriftlichkeit verlangte. Das geht vielleicht zu weit, zeigt aber, was ich meine. Und es gilt natürlich das Luther-Lied mit dem Vers „Das Wort sie sollen lassen staan.“ Gerade noch im Reformationsgottesdienst gehört. Eine feste Burg ist unser Gott, eine gute Wehr und Waffen.
Was mir aber noch wichtiger scheint, das ist die Furcht, dass man mit seinem Nachruhm leben werden muss. So kann man ja die Hoffnung haben, dass die Menschen sich zu Lebzeiten halbwegs vernünftig benehmen. Wenn schon nicht mehr die Angst vor dem Jüngsten Gericht erzieht, so vielleicht noch die Furcht, als Unperson zur Schande seiner Nachgeborenen zu werden.
Die stärkste Kraft zur moralischen Erziehung der Eliten ist deren Angst, bei ihren Untaten erwischt zu werden und vor den Augen aller beschämt worden zu sein. Diese Scham vor Schande schützt einfache Leute vor ihren Potentaten; deshalb sollte man niemals auch nur die Möglichkeit andeuten, dass ihnen über die Untat Grad wachsen könnte. Wir vergessen nichts und verzeihen wenig.
Ich höre nun die Stimme jener, denen auf Erden keine Gerechtigkeit widerfahren ist, die mit Schimpf in die Schande gekommen sind. Es sind ja angeblich nicht wenige Menschen, die sich verkannt fühlen. Haben denn wenigstens diese Verzweifelten ein Recht, vergessen zu werden? Nach meiner Erfahrung sind das rare Ausnahmen. Den meisten schwebt Ewiges Leben vor. Weshalb sie nach der Kanzlerschaft auch noch Bundespräsidentin werden wollen. Kann ich das mit der Hexenverbrennung noch mal hören?
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RUDI VÖLLER HATTE RECHT.
Wem es um Einsicht in das Vertraute geht, der sollte es betrachten, als sei es im fremd. Ich rede von sozialer Anthropologie, bei der man seine Nachbarn ansieht, als seien sie ein Stamm primitiver Wilder in einem entlegenen Urwald. Völkerkundler am eigenen Volk. So nähere ich mich der Neuen Rechten in meinem Vaterland und bin überrascht, wie primitiv die Primitiven sind.
Der Journalist Waldemar Hartmann bei NIUS stört sich an dem Ergebnis der Kommunalwahl in Berlin, weil die anstehende Oberbürgermeisterin der deutschen Metropole Elif Erap heißt, also aus einer türkischen Familie stammt. Geht gar nicht. Das ist woanders anders. Das Stadtoberhaupt in London heißt John Bull und das von Paris Francois Fromage. Der von Moskau Sergej Sowjetowitsch.
Im Ernst. Sie sollten, wenn am Englischen Wesen interessiert, Baron Kahn of Tooting kennen, Mitglied im House of Lords. Das ist der Sohn eines pakistanischen Einwanderers, der seine Familie als Busfahrer durchbrachte. Sadiq Kahn studierte Jura, trat der Labour Party bei und wurde als erster Muslim das Stadtoberhaupt von Greater London. Sein Ruhm rekrutiert sich auch aus Beschimpfungen durch Donald Trump, der ihm nachsagt, ein übler Kerl zu sein; was adelt.
Darf Waldemar Hartmann der Juristin Elif Erap vorwerfen den falschen Namen zu tragen? Ja, darf er. Denn Waldemar stammt aus dem Germanischen; es bedeutet im althochdeutschen, das zu beherrschen ich mich rühmen darf: berühmter Herrscher (waltan mari). Jetzt kommt hinzu, dass es sich dabei nicht um eine Mutti an der Macht handelt, sondern, wie der Nachname schon sagt, einen harten Mann. Das alles ist im Namen von Waldi: ein Macho viriler Exzellenz auf höchstem Thron. Waldemar der Hartmann.
Dem ist nicht zuzumuten, von einer muslimischen Mutti repräsentiert zu werden; so lautet der Kern seiner Einlassung. Ich erlaube mir über diesen intellektuellen Abgrund kein Urteil. Aber könnte ich noch mal die Szene mit Tante Käthe aus der Sportschau sehen, wie er den Waldi abputzt, der wie immer mindestens zwei Weißbier drin hat? Köstlich. Lehrsatz: Den Xenophoben sollst Du nicht loben.
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EINFACH DIE KLAPPE HALTEN.
Man wird morgens in dem Bett wach, in das man sich abends gelegt hat. Capisce?
Eine publizistische Fachfrage beschäftigt die breitere Öffentlichkeit: Warum werden Interviews mit Presseleuten autorisiert? Ist das nicht eine deutsche Unart, am Ende gar eine Manipulation? Hintergrund ist ein Patzer einer Berliner Kommunistin, die an die Spitze der dortigen Macht möchte und dafür ein Bündnis mit SPD und Grünen schmieden will. Sie erweckt fahrlässig Zweifel an ihrer Handlungsfähigkeit wg. zweifelhafter Milieubeziehungen. Der dabei zu beklagende handwerkliche Fehler ist pure Dilettanz und bedarf keiner weiteren Erörterung. Anfängerfehler.
Gute Praxis ist folgendes: Man spricht mit Journalisten Klartext und die fertigen dazu eine gekürzte schriftliche Fassung, die der Freigabe bedarf, dazu kann der Wortlaut der Antworten vom Interviewten redigiert werden. Alles fein. Zwei wichtige Punkte in diesem Regularium: Wenn die nachträglichen Eingriffe so massiv, dass insgesamt sinnentstellend, kann die Redaktion das ganze Interview absagen. Und wenn man seitens des Interviewten sich durch polemische Fragestellungen fehlgeleitet fühlt, kann man das ganze Interview für nicht geführt erklären. Hat nicht stattgefunden. Im Zweifelsfall formuliert man diesen Vorbehalt vorher in einem Vertrag.
Aus einem nicht geführten Interview kann eine Redaktion nicht zitieren, auch nicht in der grammatischen Variante der indirekten Rede. Es hat ja faktisch nicht stattgefunden. Das ganze Paket nennt sich Chatham House Rule. Was, wenn nun ein Journalist das nicht vereinbaren will? Dann sage ich halt nix; entweder verbleibe ich im Vagen von leeren Sprachregelungen oder ich schweige halt ganz. Kein Kommentar. Ende, aus, Micky Maus.
Es ist im Interesse des Journalisten, dass er offen mit einem Zeitzeugen reden kann, der wiederum das tut, weil er sicher ist, dass er die Endfassung seines Wortlauts redigieren kann oder ganz aussteigen. Jetzt höre ich die Quarknasen, die sich für Investigative halten, was vom Recht der Vierten Gewalt auf Regelbruch faseln. Das ist eine ideologische Selbstermächtigung, zu der ich nichts anzumerken habe. Denn hier liegt der Grund, warum diese Schlaumeier nichts erfahren; weil schlicht niemand, wenn bei Verstand und von einiger Erfahrung, mit ihnen überhaupt redet. Gut so.
Der guten Ordnung halber: Ja, es gibt explizit gefälschte Interviews. Ja, es werden auch lauteren Seelen Unworte in den Mund gelegt. Nein, man kriegt hinterher nicht immer Recht. Und der Presserat, der taugt nun gar nix. Was also rät der alte Fahrensmann? Zwei Lehrsätze. Zunächst und allererst: Erst grübeln, dann dübeln. Und dann: Wer dem Milieu einen Gefallen schuldet, schuldet dem Milieu einen Gefallen. Capisce?
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SEI OHNE SORGE.
Aus meiner Deutschstunde an der Penne klingt in mir immer noch nach, was die Dichterin Ingeborg Bachmann als „Reklame“ beschreibt, die Aufforderung, sich keine Sorgen zu machen, die das Versprechen birgt, dass man ohne Sorge sein könne. Sei ohne Sorge. Am überzeugendsten löst das für mich im Moment Miele ein; ja, der Hersteller weißer Ware aus Westfalen. Sein Herd sagt: „Nichts kocht über. Nichts brennt an. Einmal Miele, immer Miele.“ So will ich KI haben.
Ich hasse es, wenn Automatisierung verlangt, dass ich umerzogen werde, um so verquer zu denken, wie der verquere Apparat es will. Beispiel UBER, der Vermittler von Fahrten, Chauffeure für Arme. Nicht alle mit Führerschein, fürchte ich. Die Uber-App fragt mich zuerst nach der Straße meiner Zieladresse, dann nach der Hausnummer. Als drittes nennt sie mir Städte, in denen es dieses Haus so gibt und bittet um Auswahl der Stadt. Wie bekloppt; was ist das denn? Natürlich vertippe ich mich und bin versehentlich auf dem Weg nach Brandenburg statt nach Berlin. Aber Straße und Hausnummer stimmen. Nur falsche Stadt.
Ich nutze das Uber-Unternehmen überhaupt nur, weil ich bargeldlos zahlen kann und automatisch Belege bekomme. Unbemerkt hat sich aber irgendwann meine App auf „Bargeld“ umgestellt und fragt nun, ob ich auch genug Knete bei mir trüge. Mit dem Ausfall von Apple Pay merke ich überhaupt nur, dass ich auf dem falschen Weg bin. Ich heiße den Fahrer, sofort rechts ranzufahren und formuliere meine Sorge (siehe oben). Der junge Iraki, der sein Navi auf Arabisch bedient, nimmt mir mein iPhone ab und korrigiert die Fehleinstellungen. Er ist Mitte zwanzig und spricht Deutsch noch sehr gebrochen. Ich gebe ihm einen Zehner als Trinkgeld, dem Helfer in der Not.
Von dem Autohersteller meines Vertrauens höre ich, dass er einen automatischen Taxi-Dienst in Hamburg zu verscherbeln gedenkt, dessen Software aus Israel komme, während man auch eine kalifornische erprobe und noch zwei oder drei Alternativen an anderen Orten anwende, was insgesamt Milliarden verzehre. Nun weiß man nie, wie viel von dem so stimmt, was die Pressefritzen so dichten, aber ich hätte einen Rat. Das autonome Taxi soll können, was mein Herd kann. Siehe oben. Sei ohne Sorge.
Bis dieses halbwegs perfekte Robo-Taxi sich gegen einen jungen Araber rechnet, der hier mit dem Job als Chauffeur eine Migrantenkarriere begründet, werden noch einige Blütenträume der KI verwelken. Wieso muss ich auch nach meiner Lust und Laune durch die Gegend kurven, statt zuhause zu daddeln? Vielleicht ist die Dezentralität das Problem; wenn alles zentral über das WLAN und den Rechner von Elon M. liefe, wären wir unsere Sorgen los. Sei ohne Sorge. Das, genau das, hat Ingeborg Bachmann gemeint. Übrigens geschrieben 1956; da kam ich in den Kindergarten. Es begann, was jetzt umerzogen werden soll. Man kritzelte dort individuell mit Griffeln auf Schiefertafeln und malte sorglos mit Kreide. Alles, was man wollte.