Logbuch

Der Lateiner sagt: GRAVITAS. Jemand von Gewicht sein. Einen Raum ausfüllen können. Einen Satz sagen, der kein Geplapper ist, nur einen. Eine Vision vertreten können, zumindest eine Ansicht . Etwas geleistet haben. Meine Frau Mutter hat sehr genau zu unterscheiden gewusst, ob ein Anzug leer war oder nicht. Auch eine Posse hat sie verziehen. Aber nicht die Pose. CHARAKTER. Wir vermissen das in der politischen Klasse. Jetzt gerade im Fernsehen der halbe SPD-Vorsitzende oder der Kinderbuchautor, der die Grünen anführen soll. Norbert Walter Bore-Dance spricht von seinen „Vorgängern“ mit der Nachsicht eines Sonderpädagogen. „Meine Vorgänger“, sagt er. Er hat sich für das Sommerinterview ein neues Hemd besorgt, so ein legeres mit Innenbordüre. Leider nicht in seiner Größe. Immer wenn der Blick auf das Große und Ganze ins Leere geht, schaut man auf das Kleine. Und unfeine. Es bleibt dann dieser schale Nachgeschmack. Aber das ist vielleicht ungerecht. Man darf nicht als Zeitgenosse urteilen. Es braucht den historischen Blick. Alles Charisma entstammt dem Rückblick. Na ja. Fast alles. Nein, nicht alles. Wir werden dauerhaft unter unserem Niveau regiert.

Logbuch

Mein Doktorvater ist am Freitag achtzig geworden. Er hat bis heute eine Fan-Gemeinde. Eigentlich zwei. Er hat, wenn man den Lutherschen Begriff nutzen darf, Jünger. Nach wie vor. Und er hat Verehrer, wenn man das Wort mal ganz ohne erotische Konnotationen nimmt. Ich war nie sein Jünger und bin bis heute ein Verehrer seiner Gelehrsamkeit. Die Dinge zu Ende denken können. Alles, schlicht alles gelesen zu haben. Latinitas. Sein Werk ist auf einem Niveau, dass ihn selbst unter den Fachwissenschaftlern allenfalls fünf Prozent verstehen. Der Mann hat die kognitive Gnadenlosigkeit eines Kant. Das macht natürlich einsam. Sein Leben ist nicht frei von Rückschlägen; besonders einer schmerzt beim bloßen Zurkenntnisnehmen. Ich habe ihm in einem kleinen Brief per Post gewünscht, dass er hundert werde (im Internet ist er nicht, er wird dies hier nicht lesen können).

Logbuch

Es regnet. WASSER. Endlich.

Auch wenn Gardena das nicht so gerne sieht, dann braucht der Garten heute keinen Schlauch. Mein Freund Udo, der Motorräder repariert, sagt: “Benzinmangel wird es nicht geben, aber Wasser, das wird knapp.“ Er hat Recht, man frage die Bauern und Förster. Noch knapper ist Sand. Nicht das vulgäre Zeug aus Sylt oder den Wüsten, das die Gezeiten und der Wind schon rund gerollt haben. Das ist wirklich unnütz. Sansibar Deko, sonst nichts. Kristalliner Sand, der sich zu Betonherstellung eignet. In Indien werden ganze Flussufer ruiniert, um diesen wirklichen Sand dann per Schiff in die Wüsten des Vorderen Orients zu bringen, wo sich die Ölscheichs damit Paläste bauen. Wasser und Sand. Ich hätte da eine Idee, wenn North Stream 2 nicht mit russischem Gas befüllt werden darf, weil wir amerikanisches Gas aus deren Cracking kaufen müssen. Was tun mit den Rohren? Wasser und Sand aus Sibirien.

Logbuch

VOM FUCHS ZUM WOLF.

Von einem Restaurantbesuch in Mitte (Gendarmerie) nach Hause (Moabit, Kleiner Tiergarten) kommend, finde ich die Nachbarin mit der netten Tochter vor der geöffneten Haustür, leicht erregt, weil ein Fuchs im Hausflur. Ich bin als Mann nun zu Mut gezwungen und gehe rein. Da sehe ich ihn, den wilden Gesellen, erhobenen Hauptes, mit frechen Blick, den buschigen Schwanz erhoben. Wir leiden hier am Rande des Volksgartens an Tauben, Raben und gelegentlich auch an Meister Reinicke.

Ich beginne ein Gespräch mit ihm und der wilde Hund erzählt mir munter, wie er kürzlich die elenden Raben verarscht habe. Die nette Pointe am Schluss, denn zunächst mein Zweifel, weil die Nachbarin am Vortag eine zerfledderte Taube im Innenhof gefunden, die er offensichtlich verspeist hatte. Ich mache ihm Vorhaltungen, man jage doch keine Friedenstauben. Biblisches Symbol. Er lenkt ab und verweist darauf, dass Isegrimm ganze Lämmer aufreißt. Das passiere auf dem Land, dass das Lamm Gottes sich zerrissen auf der Weide finde. Er ist rhetorisch schon ein Fuchs, der Fuchs. Er sagt nämlich, der Wolf sei des Menschen Wolf, nicht er.

Nun beginnt er auch noch eine Schmährede gegen die Raben, die die Früchte des Nussbaums auf die Dächer des Hochhauses flögen, um sie von dort runterzuwerfen und sie so knackten. Das stimmt, wie ich leidgeprüft weiß. Frontscheibe meines Audi hatte davon einen Sprung; Ersatz kostet 3k. Auch seinem Hinweis auf die Lackverätzungen durch Taubenscheisse weiß ich zu folgen. Hilft aber alles nix, der Rotfuchs gehört nicht ins Haus. Man steht sich wie beim Duell gegenüber. Wir einigen uns, dass ich vor den Damen den wilden Mann spiele und er kommod über das Gartentor hinten raus in den Volkspark fliehe. So wäre jedermanns Ansehen gewahrt. Er ist schlau, der Fuchs.

Und immer gut gelaunt. Das unterscheidet ihn vom Wolf, der gefräßig und stets von tumben Trübsal. Isegrimm. Ach so, ja, die Geschichte vom krächzenden Raben. Der schwarze Geselle hatte ein prächtiges Stück Käse im Schnabel, als der Fuchs ihn ob seiner wunderbaren Gesangeskunst lobte. Dieser, eitel von dem Lob angetan, wollte darauf seine vermeintlich stolze Stimme unter Beweis stellen und hob zu Gesang an, worauf ihm der Käse entfiel, der den hinterhältigen Lober nun nährte. Der Hinterhalt der Uneitlen.

Mit zunehmendem Alter weiß ich nicht mehr zu trennen, was ich wirklich erlebt habe oder nur irgendwann irgendwo gelesen. Man ist mental halt oft im Paulaner Garten. Oder war es der Wein in der Gendarmerie? Egal. Der Mensch wandelt sich, so er grau wird, vom Fuchs zum Wolf.