Logbuch
Die Filmtipps von Francois Triffaut waren immer gut; ich hörte ihn an der Filmhochschule in München. Ich erinnere mich da an einen Western namens JOHNNY GUITAR oder so ähnlich, in dem der Held sagt: „Manche stehen auf Saloon Girls, andere auf Whiskey, wieder andere auf Kippen, was aber braucht ein Mann am Ende wirklich? Eine anständige Tasse Kaffee.“ Dem ist nicht zu widersprechen. Wort des Tages. Der Western hatte einen deutschen Verleihtitel mit dem Zusatz „...oder wenn Frauen hassen.“ Das gab es damals Filmverleihe, die die Kinos mit Filmen und Plakaten für die Schaukästen bestückten. Und aus dem Haus Melitta, Minden, Papiertüten zum Filtern mit, Achtung, AROMAPOREN. Glatte Werbelüge. Denn der Kaffee pladderte aus primitiven Automaten mit lauwarmen Wasser in diese Papiermasken und dann in eine Thermoskanne, schmeckte eher lausig. Das haben erst die italienischen Maschinen geändert. Aufwendig wie Weltraumfähren. Und jetzt die segensreichen Alu-Kapseln. Mein Ernst? Ja, aber diese Plastikkapseln sind auch nicht schlecht. Der Kaffee schmeckt.Gestern sah ich einen Bodyguard in der Stadt, blickte ihn fragend an und er schüttelte den Kopf. Er war privat, außer Dienst. Ich hätte seinem Schützling sonst die Hand geschüttelt (den Ellbogen geboten). DIENSTBARE GEISTER. Wenn man lange mit Politik zu tun hatte, erkennt man die Spitzenpolitiker am KOMMANDO. So nennen sich die Sicherheitsbeamten, die die Großkopferten routinemäßig begleiten. Und die kennen einen, man nickt sich stumm zu. Auch wenn ab und zu so etwas wie „Bad in der Menge“ inszeniert wird, Merkel im Supermarkt etwa, die Sicherheitslage ist so prekär, dass sich VIPs ohne Kommando gar nicht mehr bewegen können. Das John-Lennon-Syndrom hat sich in Volkszornzeiten ins Absurde gesteigert. Dass die AfD inzwischen schon den Mob ins Parlament schleusen kann, ist mehr als ein Skandal. Die Verachtung, die ich als postpubertanter Revoluzzer vor den „Schweine Bullen“ rhetorisch hatte, ist Respekt gewichen. Die machen einen Scheißjob für wenig Geld. Und wenn etwas schief geht, läuft der Instinkt der Medien als erstes gegen sie. Vielleicht zu Recht, aber ich kenne viele Situationen, in denen die Beamten wirklichen Frechheiten ausgesetzt sind. Die Knochen hinhalten. Ja, Übergriffe gibt es wohl auch, aber ich sehe weit öfter die andere Zumutung. Schließen wir versöhnlich mit KANT und seinem Diener Lampe, der ihm ein Leben lang treu gedient hatte. Selbst als dieser schon verstorben war, rief Kant noch nächtelang nach ihm. Seine einsetzende Demenz ließ ihn dessen Tod immer wieder vergessen. So fand man, als auch Kant das Zeitliche gesegnet hatte, auf seinem Nachttisch einen Zettel mit einer Notiz in der Handschrift des dement gewordenen Meisters: „Lampe unbedingt vergessen!“
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Bei den GEBRÜDERN GRIMM, den beiden der Göttinger Sieben, die Volksmärchen gesammelt haben, gibt es einen gefürchteten Wicht namens RUMPELSTILZCHEN. Ich weiß gar nicht mehr in welchem Zusammenhang, aber wenn man dessen NAMEN weiß, dann zerreißt es sich selbst, das böse Wesen. „Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“ Das ist nicht nur ein skurrile Vorstellung aus einem Volksmärchen; der RUMPELSTILZCHEN EFFEKT ist ein Wissenschaftsprinzip. Gib einer komischen Sache einen einprägsamen Namen und sie ist entzaubert. Die Psychoanalyse des Sigmund Freud hat viel von dem. Oder die Physik des Albert Einstein, jedenfalls diese Astronomie. Ich sage nur SCHWARZES LOCH. Finde ich als Laie. Wenn der Rumpelstilzchen-Effekt schon kein ganz astreines Prinzip der Wissenschaft ist, in der Politik funktioniert er garantiert. Ich habe jüngst zwei neue Wörter gelernt, die so was können. Beide schwer zu merken, aber von großer Wirkkraft. RESILIENZ. Das ist die Fähigkeit, schnell wieder auf dem Damm zu sein. Der Resiliente erholt sich ratz fatz. Na ja, und der, dem sie fehlt, der kränkelt lange rum. Insbesondere Unternehmen sollen resilient sein, lerne ich, damit sie Simsalabim aus der Krise kommen. Das andere Rumpelstilzchen-Wort ist REAKTANZ. Das ist, wenn einer die Faxen dicke hat und gar nicht mehr will. Zum Beispiel Hausaufgaben machen, Steuern zahlen oder Masken tragen. Ein Führungsversagen, wenn der geschlagene Esel auch durch weitere Prügel nicht mehr dazu zu kriegen ist, den Karren zu ziehen. Seitdem ich weiß, was Reaktanz ist und was Resilienz, geht es mir schon viel besser. Hoffentlich ergibt sich heute mal eine Gelegenheit, das in einer Zoom-Konferenz das eine oder andere Zauberwort so ganz beiläufig einzuflechten.
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Zu vielen Themen habe ich keine MEINUNG.
Das geht eigentlich nicht, dass man einfach keine Meinung hat, aber ich lebe mit diesem Dilemma. Insbesondere in den Sozialen Medien verbietet sich das eigentlich. Allen voran auf TWITTER. Twitter ist voll von Menschen, die zu allen möglichen Themen entschieden einer bestimmten Meinung sind. Und streitlustig, wenn nicht streitsüchtig. Es herrscht eine stets gereizte Grundstimmung. Immer auf Krawall gebürstet. Geht mir ab. Ich habe den ersten starken Kaffee des Tages genutzt, um mir über mein Defizit Gedanken zu machen. Zunächst sind da die Dinge, die mich nicht interessieren, weil sie mir egal sind. Dazu habe ich auch auf Vorhalten einfach keine Meinung. Dann sind da die Dinge, von denen ich weiß, dass ich sie nicht wissen kann. Warum sollte ich dann dazu eine Meinung haben? Beispiele? Wer im Fußball in dieser oder jener Liga als Nächstes gewinnt; mir egal. Zweitens: Ob es einen Gott gibt; kann ich nicht wissen. Da ist der Unterschied zwischen einem Atheisten, der eine Meinung hat, und einem Agnostiker, der weiß, was er gar nicht wissen kann. Also entspannt bleiben. Und dann sind da die kontroversen Themen, bei denen man in Treibsand gelockt wird. Achtung Sackgasse! Wenn ich keine Böcke habe, mich nutzlos zu verkämpfen, habe ich eben dazu keine Meinung. Etwa, ob der Mohr von Magdeburg dort noch im Dom stehen darf oder nicht. Kommt so ein Thema auf, tue ich so, als hätte ich keine Meinung. Ganz ehrlich ist das nicht. Aber da ich ahne, was der empörungswillige Fanatiker entgegnen wird, bitte ich um Dispens; leider keine Meinung. Na und dann die Situation, wenn „die Blonde“ (A A Gill) vom Frisör kommt und fragt, wie ich die neue Frisur finde. Das habe ich KEINE ABWEICHENDE MEINUNG. Gründe siehe oben. So wie „Blonde“ ( gemäß A A Gill) keine abweichende Antwort auf die Frage des Galans haben, wenn der fragt: „Na, wie war ich?“ Da denkt sich die kluge Frau wie der alte Lateiner: „Anathema est!“ Einfach kein Thema.
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WAS DER DOKTOR SAGT.
Ärzte gelten, wenn Chefs ihrer Krankenanstalt, als Halbgötter in Weiß, was zum Teil dem notorischen Kittel geschuldet und zum Teil der gnadenlosen Hierarchie in Kliniken. Wirkliche Grundlage ist aber die schon religiöse Verehrung durch den Patienten, der Heilung erfährt, eine Wundertat, die ansonsten nur Gottessohn für sich reklamiert. Und natürlich ist man ganz infantil froh, wenn vom Schmerz befreit.
In dieses göttliche Gewerbe ist Konkurrenz eingetreten, unerwünscht und schlecht gelitten. Der Geduldige (das heißt eigentlich Patient) wartet nicht die Diagnose vom Onkel Doktor ab, sondern befragt vorher dessen Kollegen im Internet, Dr. Google. Mit dessen KI-generierter Diagnose sitzt er nun, gänzlich ungeduldig, vor dem Arzt, den er schlecht gelaunt zu belehren gedenkt, wenn der nicht gleich spurt und verordnet, was an Droge gewünscht. Lehrsatz: Es konstituiert sich verdeckt mittels Künstlicher Intelligenz ein normativer Diskurs dazu, was Gesundheit eigentlich ist; das ist nicht nebensächlich.
Ich rede darüber mit einer wirklichen Koryphäe, einem medizinisch wie ethisch hochgebildeten Arzt, der, obwohl sonst sanftmütig, ganz banal Zorn zeigt. Der Doc ist sauer. KI kann nicht heilen, sagt er. Wenn er ans Bett träte, passiere mehr als Stochastik; das ist Wahrscheinlichkeitsrechnung, die zurecht für die Krückenwissenschaft der Kybernetik gehalten wird. Mir wäre als Patient schon recht, wenn es um mich als Individuum ginge.
Meine Skepsis ist deshalb so groß, weil ich schon als Laie sehe, wie, ich nenne ein Beispiel, in der Propaganda für die Abnehmspritze der Gesundheitsbegriff verschoben wird, um das Lieblingswesen der Pharmaindustrie zu schaffen, den Chroniker. Denn da sind sie von der primitiven Mentalität des Pushers der Drogen-Subkultur; sie schaffen sich sehr gern eine Stammkundschaft, to say the least. Da hilft die Stigmatisierung von Persönlichem als Perversion.
Ich rate zu einer großen empirischen Studie unter dem Titel „Was Doc Google rät“. Freilich nicht um mit den Diagnosen zu hadern, sondern um zu erfahren, was die Leute dort so erfragen. Anamnese. Denn Medizin ist Mentalität. Woran leiden die Menschen wirklich? Natürlich ist das dann ein Parameter der Politik. Deshalb wird sie auch niemand finanzieren wollen, die Studie. So, jetzt übermittle ich Blutdruck, Temperatur und Zucker an mein iPhone und ermittele so, was es zum Frühstück gibt. Echt? Bircher Müsli? Gymnastik? Nein. Full English. Und dann die Spritze.