Logbuch
PENDLER.
Früher, in den Zeiten vor Corona, gab es ein Lebewesen in einem doppelten Habitat. Es verbrachte die Nacht in Siedlungen auf dem Land, den Tag im Kern von Metropolen. Dazwischen pendelte es. Das verzehrte zweimal ein Viertel des Tages, also die Hälfte.
Mit der Rückverlegung der Arbeit an die Schlafstätte, Home Office genannt, konnte der Irrsinn des Pendelns aufhören. Die sehr hohen Mietpreise in den Innenstädten, die ursprünglich die Flucht aufs Land erzwungen hatten, verfielen. Ganze Bürokomplexe standen leer, bis man begann, sie in Wohnraum zu konvertieren. Aus der Unzahl von Büros wurde eine Unzahl von Wohnungen. Die weniger betuchten Mieter der dicht besiedelten Stadtteile zogen in die Innenstädte. Es entwickelten sich in den ehemaligen Palästen sehr lebendige Binnenkommunen. Die Versorgung basierte auf informellen Kleinmärkten. Buntes Treiben.
Das neue Überangebot an Wohnraum führte zu einem Verfall der Mietpreise, dem ein Verfall der alten Investoren folgte und am Ende der Übergang des intensiv genutzten Wohnraums in öffentliches Eigentum. Es ging eine Schere auf zwischen den schmucken Reihenhäusern in den Vorstädten und den neuen Gettos im ehemaligen Bankenviertel. Man kannte das aus der Behandlung öffentlichen Eigentums im „real existierenden Sozialismus“, wo alle Liebe in die Datschen floss, während die Innenstädte verfielen. Jetzt organisierten AIR B n B und die Behörde und Clans die Stadt.
Ich kenne den Verfall von Metropolen. Aus Detroit zum Beispiel. Ein Alptraum. So begannen die Menschen sich wieder nach dem Pendeln zu sehnen ... Der Wecker klingelt. Ich erwache aus einem Traum. Alles nur geträumt. Träume sind Schäume.
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SINGULAR.
Die Politik, sagt der EINSINNIGE, folge nicht der (!) Wissenschaft. Der Einsinnige hat beides nur in der EINZAHL. So wie er DIE Wahrheit nur im Singular hat. Und die (!) richtige Meinung, seine.
Das Wesen kluger Entscheidung ist aber leider vorheriges Nachdenken und umsichtiges Verhandeln. Das Öl dieses Motors heißt ZWEIFEL. Am vorläufigen Ende des Abwägens steht dann mal eine Entscheidung. Aber nur vorläufig. Das gefällt den Populisten nicht. Sie hätten es gern Knall auf Fall, ruckzuck, eisenhart. Sie wollen keine grübelnde Elite, sondern einen entscheidungsfreudigen Führer. Der Führer, den die meinen, verkörpert den Willen des Volkes. Alles im Singular.
Akademisch nennt sich das Verfahren der „Geburt der Gewissheit aus dem Zweifel“ etwas sperrig REFLEXION & DELIBERIEREN. Unentschiedene Menschen wiegen ihre Häupter und reden miteinander. Dem steht etwas gegenüber, was man, noch sperriger, DEZISIONISMUS nennen könnte, das Prahlen mit spontanen Entschließungen. Aus dem Bauch. Oder noch tiefer liegenden Organen. Die Meute möchte, dass der Führer Eier hat. Meint: sie in seinem symbolischen Handeln zeigt. Hier äußert sich ein Männlichkeitskult ganz grimmiger Tradition; die sollen auch noch hart, vorzugsweise aus Stahl sein. Hart wie Kruppstahl. Nicht von ungefähr zeigt der STETS ZUM ÄUSSERSTEN ENTSCHIEDENE den Zögerern und Zauderern den durchgereckten Mittelfinger.
Der Kult der Cäsaren auf der einen Seite, die nachdenkliche Gemeinschaft der Zweifler auf der anderen. Vielleicht ist damit ja der Charme der Diktatur gemeint, im Unterschied zum Elend der Demokratie. Das ist nicht beiläufig, worum es hier geht. Der Dichter Bert Brecht hat diese Gegenüberstellung „gegendert“, mit Alters- und Geschlechterrollen versehen. Er gestaltet es als Geschichte vom (jungen männlichen) Soldaten und einer älteren weiblichen Person. Mir geht der Schlussvers nicht aus dem Kopf. Wenn ich mich recht erinnere, geht der Soldat zu Grunde, und es heißt: „Ja, bitter bereut, wer des Weisen Rat scheut. / Sagte das Weib zum Soldaten.“
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SPAZIEREN GEHEN.
Der Mensch muss möglichst oft an der frischen Luft sein, damit er gesunde. Das ist eine Einstellung von Städtern; und zwar zu Gunsten jener aus den nicht ganz so guten Vierteln. Was für Pest und Cholera galt, gilt auch für Corona: beengtes Wohnen fördert die Ansteckung.
Einer ländlichen Bevölkerung, hart arbeitenden Bauern braucht man mit einem idyllischen Naturbegriff nicht zu kommen. Zu bitter ist der tagtägliche Kampf gegen die Natur, um Kohl und Kalb hoch zu bringen. Nur der Winter brachte etwas Ruhe und reichlich Hunger. Im Sommer war man auf den Beinen, solange die Sonne am Himmel stand. In den armen Gegenden, dazu zählte der Westerwald, gab es die Kombination von Bergbau (man ging auf Erze) und Landwirtschaft (im Nebenerwerb), ein doppelt bitteres Los. Es sind die Städter, die vom Osterspaziergang schwärmen. Man ergeht sich. Im 18. Jahrhundert sind dies in Thüringen der verrückte Geheimrat Goethe zu Weimar und sein intimer Freund, der Oberbergrat Alexander von Humboldt.
Der Spaziergang täuscht Interesse an der Natur lediglich vor; in Wirklichkeit nutzt man die Natur vorwiegend als Resonanzkörper. Man ist an der frischen Luft, um seinen Vergnügungen nachzugehen. Obwohl der Goethe-Biograf Stefan Bollmann ganz und gar nicht meiner Meinung ist (oder ich seiner), lässt sich bei ihm ein wunderschönes Zitat stehlen, das uns Recht gibt. Dieser Goethe war, man verzeihe den Ausdruck, ein Lustmolch.
Zu Goethe als Naturforscher gehöre nämlich, erfahren wir: „… der Waldspaziergang genauso wie sich auf eine Wiese zu legen, dem Wind zu lauschen und den Wolken hinterherzuschauen; einen Berg zu besteigen oder nackt in einem abgelegenen See zu schwimmen; auf allen Vieren durch Höhlen zu kriechen oder selbst Blumen und Gemüse zu ziehen, bei Wind und Wetter die Wildheit auch ungezähmter Natur zu erleben.“ (Stefan Bollmann, Der Atem der Welt, Johann Wolfgang Goethe und die Erfahrung der Natur, klett-cotta)
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LEBENSART.
Wenn es einen durchgängigen Imperativ westlicher Moderne gibt, so ist es die Verfeinerung des Genusses. Dazu hatte ich gestern Gelegenheit. Ein netter Berufskollege hatte mich zu einer Verkostung des Brauerbundes eingeladen. Es gingen die sechs Oktoberfestbiere an den Start, die die dort zugelassenen Brauereien eigens auflegen. Nun wird man schlecht sechs Maßkrüge voll davon zu sich nehmen können und noch zu einem Geschmacksvergleich in der Lage. Es gab daher kleinere Gläser, etwa so wie im Rheinischen üblich. Ergebnis: Ich bleibe beim Hacker.
Geladen wurde in ein bayrisches Wirtshaus, dass man in Ostberlin nachgebaut hatte, nahe am Ambiente einer Touristenfalle, aber immerhin. Aufwendig und mit Klasse. Der alltägliche Bierkonsum ist hierzulande zu einem Massenkonsum mittels Mehrwegflaschen und Bauarbeiterkästen verkommen, der als Commodity felsenfest unter einer bestimmten Preisgrenze klebt, für die das Spülen der Pullen nicht mal lohnt. In einer sehr mittelständisch geprägten Industrie scheint niemand die Kraft zu haben, in diese Breite ein Premiumprodukt zu setzen, für das die Leute auch richtig Geld auszugeben gedenken. Und die Giganten wollen vermutlich nicht: Intercourse in a canoe.
An meinem Tisch sitzt der Kollege von Coca-Cola, den ich zu einem Trend befrage. Ich sehe immer öfter die klassische Flasche Kocka mit Strohhalm zu ordentlichem Essen. Wohl eine Marotte von Muslimen, die dem Alkoholverbot ihrer Religion folgen. Wir unterhalten uns über Alu-Dosen; ein Trend, den ich mal leidenschaftlich verfolgt habe. Can the can. Jetzt treibt der Ersatz von Zucker das Geschäft, wie es die Entalkoholisierung bei Bier ist. Selbst Wein und Sekt gibt es schon als Plörre. Das Leben als ein einziger Kindergeburtstag.
Anmerkung: Die Karte in der Schwemme bietet diverse Kräuterliköre. Das geht nicht. Man nimmt zum Bier nur Brände. Doppelkorn. Aus Getreide. Zum Rebensaft Weinbrand. Likör nie. Das ist Sirup. Alles muss man sagen.