Logbuch
PUBLIC RELATIONS.
Dem Medienrechtsanwalt Christian Schertz widmete die ARD ein umfängliches Porträt, das ihn als Anwalt juristisch wie moralisch in hohem Ton würdigt. Nicht nur Kanzlei-Werbung, geradezu eine Hagiographie. Ich gönne ihm das, Neid ist mir nicht gegeben. Oft schafft er tatsächlich Recht.
Schertz wird weitgehend gerühmt. Seine Briefe seien gefürchtet, noch mehr aber ginge Wirkung von den Dingen aus, die er im Verborgenen tue. Und er stehe auf der Seite des Guten; manchmal wählt er selbst, was das Böse ist, gegen das er dann auch als Informant wirke. Ein Loblied mit einer solchen Emphase, dass man staunt, was im Öffentlich-Rechtlichen alles möglich ist.
Ich sage dazu nichts. Weil ich zu nah dran bin. Ich habe andere Kanzleien des Presserechts kennengelernt und schätze andere Anwälte dieser Disziplin; einem schulde ich sogar was. Erwähnenswert wäre allenfalls der Januskopf des Redaktionsleiters der ZEIT, der sich auch hier als Warner und Wahrer zu inszenieren weiß, während es Thema ist, dass der Anwalt sein Kampagnengehilfe war. Auch das werde ich nicht durch Tadel ehren.
Erwähnenswert erscheint mir, dass in diesem Stück Rechtsanwälte wie Redakteure mit der größten Selbstverständlichkeit als PR-Manager agieren. Sie sind es, sie tun es, aber sie sagen es nicht. Es macht sich süß und ehrenvoll PR, wenn eine Robe am Haken hängt oder eine Haltung. Asinus asino pulcher.
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TAUBENSCHISS.
Zu Pfingsten feiert man, wenn gebildet, Völkerverständigung; und das ist mehr als Dolmetschen. Für die christlichen Seelen unter uns, die noch bibelfest sind, ist das das Ausgießen des Heiligen Geistes in der Urkirche fünfzig Tage nach Ostern mittels Taube. Versteht kein Mensch. Die Urgemeinde findet zusammen; man versteht einander, obwohl man ganz unterschiedlicher Muttersprache war. Der Grieche nennt das XENOGLOSSIE. Der Gläubige spricht nicht, es spricht aus ihm und alle verstehen es. Eigentlich ist es die initiale Indoktrination.
Während ich in meinem Katechumenenwissen um die Taube krame, sehe ich im Fernsehen Bilder von diesen Demos mit Palästinaflaggen und den notorischen Tüchern. Eine arabisch anmutende junge Frau mit Pallituch hält ein Plakat hoch, auf dem das Wort WERTEDIKTATUR steht. Das ist so dumm nicht. Unsere Rechtsordnung, die Verfassung also, beruht auf einem absolut gesetzten WERT, der allerdings wirklich schwammig ist, auf einem unbestimmten Rechtsbegriff: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Dazu fehlt auch dem Kalifen das Recht.
Die Annahme von unveräußerlichen Menschenrechten ist die politische Taube der Moderne, der Heilige Geist der Verfassung. Steht zuerst 1776 in der Unabhängigkeitserklärung der abtrünnigen Kolonien Amerikas und vor 75 Jahren dann wieder im deutschen Grundgesetz. Der Geist dieser Moderne beruht auf einer Hypothese; das muss man einräumen. Die Annahme ist das Selbstbestimmungsrecht des Menschen. Diese Würde zu achten und zu schützen, das ist die Aufgabe aller staatlichen Gewalt. Weil das so gesetzt wird, bin ich bereit, es eine WERTEDIKTATUR zu nennen. Ja, daran kommt man nicht vorbei, wenn man hier bleiben will.
Würde also. Für alle? Auch für Frauen? Auch für Ungläubige? Auch für Gestrauchelte? Auch für Juden? Oder Hongkong-Chinesen? Und unveräußerlich? Das kann der Fremde also nicht durch seine eigene Würdelosigkeit verwirken? Nicht mal der Feind? Eine ziemliche Zumutung, die Taube zu Pfingsten.
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LUXUS.
Wer sich ein Schiff nur zum Vergnügen leisten kann (niederdeutsch: zur Jacht), der ist stolzer Yacht-Besitzer. Die Hobbyboote können den Wind nutzen oder veritable Motoren und sollten länger als 10 Meter sein; die längste Luxusyacht misst gerade 163 Meter; das kann morgen schon zu kurz sein.
Size matters. Ich habe mal mit einem prahlsüchtigen Stahlbaron aus dem Osnabrücker Land gesprochen, der sich damit zu adeln wusste, dass sein Pott länger als die Germania der Krupps sei. Ich bemerkte, dass mir das imponieren sollte. Nun, ich fahre nicht zur See und habe kein Geld. Unterscheidet mich auch von einem korpulenten Prothesenhersteller, den ich mal in Hannover im Hotel von einer Pink Lady faseln hörte, die soundso lang sei, sein Boot. Man will den längsten haben.
Da ich weder in französischen Yachthäfen herumlungere noch an der sardischen Küste von Frau Esmeralda, kenne ich all das nur dem Hörensagen nach. In der Kanzlei eines Hamburger Medienanwalts sehe ich ein Foto des Inhabers aus besseren Tagen auf der Yacht des Aga Khan, bloßer Oberkörper in mediterraner Abendsonne. Meine Urlaubsbilder zeigen mich in Ölzeug auf einem stinkigen Fischerboot eines elenden Hummerkutters in irischer See. Aber ich bin zu Sozialneid nicht wirklich in der Lage.
Die Luxusyachten sind Fluchtorte der wirklich Reichen aus der Welt derer, denen sie das Geld haben nehmen können, in eine utopische Idylle. Und ab und zu ein Paparazzi; das darf. Man will ja nicht nur der Welt der Profanen entfliehen, sondern dessen auch beneidet werden. Es ist kein anonymes Glück, das sie erstreben, vielleicht ist es gar kein Glück. Ich lese, dass der Bürgermeister von Rotterdam eine Brücke abreißen lassen wollte, damit der Besitzer von Amazon, ein gewisser Jeff Bezos, da mit seiner Yacht durchkommt. Gigantomanie. Auf mich wirkt der Kerl wie sein eigener Avatar.
Dann doch etwas, was mir imponiert. Da die riesigen Segelyachten keinen Platz für Hubschrauberlandeplätze an Bord haben, gibt es eigene Versorgungsschiffe mit dicken Dieselmotoren, die grau und groß hinter dem Segler hertuckern. Mein Gewährsmann sagt mir, immer so, dass sie hinter‘m Horizont verschwinden. Bei Bedarf holen sie dann auf und versorgen. Das ist Luxus.
Dort gibt es zwei Heli-Landeplätze, superschnelle Beiboote, Surfbretter, die Golfausrüstung einschließlich Batterieauto, Strandpavillons, hunderte Flaschen Champagner auf Eis und ebenso viele Tausenddollar-Nutten in Wartestellung.
Sowie immer frische Erdbeeren. Bei Seenot reicht ein Funkspruch und die Support-Vessel kreuzt auf. Also das mit den Erdbeeren, das hat dann doch einen gewissen Eindruck auf mich gemacht, wenn ich ehrlich bin.
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KLEINER KRACH UM KRACH.
Der SPD-Kandidat um das Amt des Regierenden, ich weiß, dass ich ein gut gehütetes Geheimnis verrate, heißt Steffen Krach. Krach wie Lärm; ist aber eher ein leiser Treter, ein netter, stiller Typ. Seine innerparteiliche Popularität gründet darauf, dass er wahrnehmbar nicht (!) die populäre Kandidatin Franziska Giffey ist, die der einschlägige Pate der Sozen nicht mag. So geht hier Macht. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Wegen eines Verdachts der Bestechlichkeit hat die Staatsanwaltschaft Hannover die Privatwohnung von Krach und die Räume der Berliner SPD durchsuchen lassen, vier Tage vor der Kommunalwahl in Hannover und elf vor der in Berlin. Much a do about nothing. Grund sei ein angejahrtes Ermittlungsverfahren wegen einer versuchten Parteispende von einem Bieter in einem Vergabeverfahren um eine alte Klinik in Niedersachsen, wo Krach als Amtsträger im Aufsichtsrat saß. Inzwischen ist klar, dass die Spende damals sofort von der Partei zurückgezahlt wurde. Annahme verweigert. Und der Spender den Zuschlag nicht erhalten hat. Weshalb also die Nacht- und Nebelaktion mit dem Effekt der Wahlbeeinflussung? Das wissen nicht mal die Götter. Apropos Götterdämmerung.
Der örtliche ÖRR, er heißt RBB, im Volksmund Dämmerfunk genannt, macht eine ganz große Nummer draus und bietet unbeabsichtigt und ganz am Rande ein Indiz. Die ursprüngliche Quelle kommt zu Wort, nämlich die Chefredakteurin der HAZ, das Lokalblatt an der Leine, und sie verplappert sich. Man habe in anderer Sache die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft angerufen und dabei habe die sich verplappert, da gebe es übrigens noch ein Ermittlungsverfahren. Kann das? Kann das sein? Jedenfalls hatte ich als Zuschauer diesen Eindruck. Kann eine so hohe Behörde sich schlicht verplappern? Eine Handbreit vor Wahlen?
Eine Staatsanwaltschaft ist eine weisungsgebundene Behörde, aber die weisungsbefugte Ministerin von der SPD. Kein Anlass zu Verschwörungstheorien. Warum zieht die Intendantin des Dämmerfunks, eine Frau Ulrike Demmer, die Nummer dann so hoch? Sondersendung für ein schlichtes Dementi. Nun, von der Dämmerung liest man unschöne Dinge über ihre Intendanz; da kann es Morgenröte bringen, wenn man sich plustert. Dabei lese ich vom Honorar ihres Kommunikationsberaters. Schau an, eine Intendantin mit Spin Doctor. Das Honorar ist stattlich, hätte ich auch genommen. Aber sie, die dahin Dämmernde, mich nicht. Tjo. Viel Lärm um nichts.