Logbuch
Höhere Töchter und Söhne aus besserem Haus erkennen sich gegenseitig an einem stillen Stigma. Das sind die unsichtbaren Spuren der Internatsjahre. Bessere Bildung einerseits; man rezitiert schon mal die Ilias in Altgriechisch. Oder den Zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Aber dann sind da andererseits auch okkulte Narben, Spuren des Hospitalismus und frühpubertärer Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht. Spuren der Jahre im Heim. Die stillen Stigmata der Oberklasse. Der diskrete Charme der Bourgeoise. Es hat mich immer wieder fasziniert, sie erkennen sich untereinander aus dem Augenwinkel. Das ist Etikette. Der Unterschied von Manieren und Etikette. Manieren machen den Umgang angenehm. Etikette grenzt die aus, die nicht dazu gehören. Man erkennt, wenn man Etikette hat, den Outcast schon daran, wie er das Besteck hält.
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Erziehung in der Kleinfamilie konnte, wenn sie gelang, ein Idyll sein, in dem ausgewogene Persönlichkeiten heranwuchsen. Internaterziehung konnte, wenn es misslich lief, ununterbrochenes Mobbing sein, Bettnässer produzierend, die vom Quälen und Gequältwerden ein Leben lang nicht mehr lassen konnten. Warum sage ich das? Das Kommunikationsmilieu auf TWITTER ist von Heimzöglingen geprägt. Überall der Furor von jakobinischen Bettnässern. Mich fröstelt.
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Provinz vs Metropole. Wie entlegen ist der Westerwald? Nun, die Lahn zur einen Seite, Mittelrhein und Mosel zur anderen. Von den vier Flughäfen in der Nähe schließt jetzt allerdings einer, so dass nur Frankfurt, Köln/Bonn und Düsseldorf bleiben. Alle drei in Betrieb und mit Zuganbindung. Bahnstrecken zwei: ICE ex Montabaur oder Koblenz. 15 oder 30 Minuten entfernt. Autobahnen zuhauf. So, und jetzt Du, liebes Berlin, einsamer Sehnsuchtsort mitten in Brandenburg. Brandenburg!
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DIE MAGDEBURGER HOCHZEIT.
Seit der Dreißigjährige Krieg Sachsen-Anhalt geschleift hat, sprechen wir von der Magdeburger Hochzeit; freilich mit Sarkasmus, weil die Braut sich damals in die Arme eines wirklichen Unholds geworfen hatte. Gemach. Was allen Hagestolzen der Altparteien als Mesalliance erscheint, war diesmal eine Liebesheirat. Die entscheidende Zahl liegt nicht in den 40 Prozent der rechten AfD, sondern in der 80 der Wahlbeteiligung; selten hoch. Signifikant.
Der Wähler hatte wirklich das Wort. Und der Wahlkampf war fair. Wenn also Magdeburg als Braut sich ins Bett der Neuen Rechten legt, vor wem ist die Magd gewichen? Das lässt sich klar sagen. Der Verlierer ist die CDU; sie hat sich halbiert. Klarster Ausdruck des Erdrutsches: Die Schwarzen holen kein einziges Direktmandat mehr; ihr Spitzenkandidat, dessen Namen niemand weiß, nicht mal seinen eigenen Wahlkreis. Der CDU-Kanzler, dessen Namen man weiß, war im Wahlkampf in Hinterzimmern zu verstecken, damit er nicht bespuckt werden konnte. Fritze Merz, das wird schwer. Mönchlein, Mönchlein, Du gehst im Bund nun einen schweren Gang.
Die SPD hat sich bei ihrer Stammwählerschaft hier in der Fläche so gerade mal gehalten. Das macht mich nicht froh, aber ist auch kein Anlass zu Spott. Gilt auch für die Grünen, die Gelben und die Linken. Nur ist jetzt klar, dass die Magd sie nicht mehr heiß und innig mag. Die Brandmauer hat sich nicht als Hindernis erwiesen, wie in allen Klostergärten mit devianten Diven. Die Magd erweist sich als Schlampe und will partout in die blauen Linnen. Aber ist das ein gerechtes Urteil über die Magdeburger Hochzeit? Ich glaube nicht. Die Gattenwahl ist erkennbar nicht dem Rat der Omas gegen Rechts, diesem Tantenverein von Klageweibern, gefolgt. Aber es war doch recht eindeutig, wem die Gunst der Stunde gilt.
Verdutzt steht der politische Publizist da, wie schon im Englischen beim Brexit oder der Wiederwahl des rechten Poplisten in den USA. Das Volk hat leider falsch gewählt. Der türkische Bub in Baden-Württemberg mahnt den Souverän, einen solchen Blödsinn nicht noch mal zu machen. Der grüne Humor der Realitätsverleugnung. Ja, das wird helfen.
Wir werden mit einem Drittel rechter Wähler im Westen leben lernen müssen, wenn es nicht die Hälfte werden soll. Dass ist die Realität, deren Leugnung schlicht albern ist. Ja, wir werden mit diesem Teil der Wählerschaft reden müssen. Immer. Überall. Und selbstverständlich in den Parlamenten gegebenenfalls koalieren. Es gibt in der Demokratie keine Voten vermeintlicher Relevanz. Alles Volksentscheide. Macht was draus. Das ist die historische Ansage aus dem Magdeburger Dom.