Logbuch
ABERGLAUBEN.
Gegenüber von der Privatwohnung Angela Merkels steht auf der Museumsinsel eine Kopie des Pergamonalters aus der heutigen Türkei, seinerzeit Griechenland. Die Maskengegner glauben, dass hier ein Zugang zur Hölle sei. Nachts würden Satan und die Seinen hier Menschenopfer feiern und Kinder schänden. Der einschlägige Irre Attila H. hat hier bereits eine Gefährderansprache durch die Polizei erfahren. Er bringt die Kanzlerin in den Verdacht, eine Buhlin Satans zu sein. Hexenverbrennung wird konnotiert. ABERGLAUBE. Man muss das leider ernstnehmen, lehrt die Geschichte. Und man kann nicht über das Irrationale des Abergläubischen reden und vom GLAUBEN schweigen. „Alle Kritik beginnt mit der Kritik der Religion.“ Hat der Bärtige aus Trier gesagt.
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Wichtig für die Geltung, die man in der Welt erstrebt, ist der GRÜNDUNGSMYTHOS. Da macht es schon einen Unterschied, ob man ein HURENSOHN ist, den ein Schweinehirt aufgezogen hat, oder Spross des Kriegsgottes Mars und einer frommen Königstochter. Fangen wir mit der aufgehübschten Version an. Um Nachkommen seines ermordeten Bruders zu verhindern, schickt ein etruskischer Herrscher einst, es waren raue Zeiten, dessen Tochter ins Kloster, wo diese aber trotz Keuschheitsgelübde nach einer Affäre mit dem Gott Mars Zwillinge gebiert. Dafür hat man sie in den Tiber geworfen und die Knaben im Schilfbötchen ausgesetzt. Raue Zeiten. Das Aussetzen unerwünschter Kinder hatte aber Tradition. Siehe MOSES. Weiter im stolzen Rom. Dann aber nimmt sich die KATOLINISCHE WÖLFIN der ausgesetzten Knaben Romulus und Remus an und säugt sie an ihren Brüsten. Was für Kerle! Mit Wolfsmilch gestillt... Alle Achtung. Die beiden gründen dann Rom. Der eine erschlägt dann noch den anderen aus Gründen der Ehre; aber das ist eine andere Geschichte, wie Kipling sagen würde. Der für Rom reformierte Mythos referiert eine altgriechische Vorlage und die bis heute bildgebende WÖLFIN stammt auch nicht aus dem Altertum, sondern ist jünger, aus dem Mittelalter. Wissen muss man, dass Kindesvertauschungen ein Thema waren, solange es Ammen gab, die neben ihren eigenen Kindern noch solche reicher Mütter mitstillten. Weil diese sich nicht binden wollten oder ihren Busen ruinieren. Oft waren diese Ammen Alleinerziehende, nicht selten solche, deren Lebenswandel ihnen häufig Nachwuchs bescherte. Man ahnt, welcher Mythos zum „framing“ anstand. Was man als Mythos nachbesserte, das war die Geschichte, dass die Gründungszwillinge des ehrwürdigen Rom von einer „lupa“ gestillt wurden. Eine lupa ist umgangssprachlich nämlich auch das, was im Englischen eine „bitch“ ist; da bekommt dann „son of a bitch“ eine andere Konnotation. Davon will heute im stolzen Rom aber niemand mehr etwas wissen. Überall sieht man die putzigen Knaben an den Zitzen der mächtigen Katolinischen Wölfin.
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Der ins Amerikanische exilierte Professor Gumbrecht regt in der Schweizer Zeitung NZZ, Heimat konservativen Denkens, an, dass man dem notorisch überschätzen JÜRGEN HABERMAS ein Denkmal setze, damit er nicht verblasse wie der ostwestfälische NIKLAS LUHMANN oder der Pariser JACQUES DERRIDA. Das führt bei mir zu instinkthaften Reaktionen. In meiner Jugend gehörte man SCHULEN an. Man war, wenn nicht in den vielfältigen marxistischen Welten oder den Lustgärten des französischen Strukturalismus, entweder Habermas- oder Luhmann-Schüler. Die Doofen waren in der Frankfurter Etappe, also bei Habermas. Die Schlauen hatten ihren Papst in Bielefeld, man war Luhmann-Schüler. Der galt als schwer verständlich. Habermas war VHS, Volkshochschule. Und der Gumbrecht galt an seiner Uni, die auch meine ist, als sonderbegabt. Da liegt also der Witz, dass er nun ex USA in der NZZ den Konversationswissenschaftler Habermas lobt. Kann nämlich nicht sein Ernst sein. Gott wohnte in Bielefeld; als es das noch gab. Und ihn noch. Jetzt musst Du Dir ein Schweizer Seniorenblatt leisten, weil es an deutschen Unis ödet.
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GENOSSENSCHAFT.
Die innere Ordnung einer Ansiedlung wie Berlin bemerkt man selten gut an der Art der Anrede. Jenseits einer unsichtbaren, aber doch bestimmten Linie am Rande meines Kiezes reden sich Jugendliche mit „Bro“ an, was wohl kurz für „brother“. Überrascht stelle ich fest, dass die jungen Frauen dort genau dieses Präfix untereinander auch nutzen; erwarten können hätte man ein „Sis“ oder ähnliche Bildungen. Ich kenne das Brüderliche aus meiner Jugend als christlicher Pfadfinder, die die Würdenträger der Kirche mit „Bruder“ plus Nachnamen zu adressieren hatten; es wurde gesiezt. Weniger förmlich ist der Rotarier oder Lion; er duzt, setzt aber ein „Freund“ vor den Vornamen. Was die Freimaurer anredetechnisch so treiben, weiß man nicht, weil, wie alles dort, streng geheim.
Womit wir uns in unserer kleinen Stilkunde der Anredekunst an den Genossen herangerobbt hätten. Die Anrede als Genosse ist, als sie im 19. Jahrhundert aufkommt, die Versicherung einer gemeinsamen Überzeugung. Eigentlich einer Haltung. Ruiniert wurde dieser wunderbare Brauch der Sozialdemokraten, wie so vieles, durch Nachäffen der Kommunisten und Faschisten. Die letzteren führten ihre Mitglieder als „PG“ oder „Parteigenossen“, was dieses Wort auf alle Zeiten diskreditiert. Und die ersten sogen die Vertrauensformel in den Staatsapparat ihrer Diktatur; es gab nunmehr einen „Genossen Generalsekretär“. Damit ist der Nimbus natürlich auch im Arsch.
Eigentlich ist der Genosse seit alters her der kluge Mitbesitzer, mit dem ich eine gute Sache teile, um sie gemeinschaftlich in gegenseitigem Nutzen zu verwalten, sprich zu verantworten. Genossen, das müssen nicht nur Soldaten sein, die eine Kammer teilen, sprich Kameraden. Oder Freunde. Die Welt des Korporatismus ist größer. Man kann sich auch als Aktionär diesem Prinzip zuwenden und eine Firma per Anteilsschein teilen und dann zusammenführen. Shareholder Value. Der börsennotierte Kapitalismus ist nichts als eine Genossenschaft, respektive viele derer. Ob die Herrschaften in der Volksbank bei mir an der Ecke das ahnen? Ich spaziere da mal rein und rufe freundlich in den Saal: „Guten Morgen, Genossen! Weitermachen. Keine Meldung!“ Nun, zumindest die gelernten Ossis werden zusammenzucken.