Logbuch
EIN EWIGER RUHRGASIANER.
In diesem Jahr wäre die Ruhrgas AG in Essen hundert geworden, wenn sie denn nicht im Wandel der Zeiten vor zehn Jahren in der Uniper verschwunden. Da ich dort mal Direktor war und von meinem damaligen Chef mit einiger Nachsicht und großem Engagement gefördert, hänge ich dem nach, was die Routine der Geschichtswissenschaft als Aufstieg und Niedergang der Ruhrgas beschreibt; ich lese sogar vom Ende des Marktführers. Erloschen.
Das narrative Konzept von „rise and fall“ ist beliebt, weil es eine Geschlossenheit des Gegenstandes suggeriert, mehr noch, eine durchgängige Entwicklungslogik unterstellt, die aber vor allem in den Augen des Betrachters liegt und nicht so sehr der Sache selbst. Von einem Historiker erwartet man, dass er nicht nur Ereignisse zitiert und in Sitzungsprotokollen herumnistelt, sondern Hintergründe herausschält und Geheimnisse offenbart, die dann als die wahre Geschichte gelten können. Statt stupider Faktenhuberei eine sensationelle Enthüllung. Fehlanzeige.
Es hat sich ein Bochumer Historiker um die Ruhrgas-Geschichte bemüht und daraus eine Venia Legendi gezogen, aber eine große Begeisterung war ihm beim Schreiben nicht anzumerken. Die Rezensionen des Wissenschaftsbetriebes loben nach Druck des Elaborats brav, kauen aber auf der Inspirationsleere des Schinkens. Nun muss man sagen, dass der Autor auch in einer ungewöhnlichen Weise Versuchen der Einflussnahmen der unterschiedlichen Fraktionen des ehemaligen Ruhrgas-Managements ausgesetzt war, und sich dabei charakterfest zeigte.
Man kann die Geschichte der Ruhrgas nur erzählen, wenn man sie einbettet in die internationale Energiewirtschaft dieser Epochen. Kohle, Öl, Kernenergie, Erdgas. Das schließt den Aufstieg der Montanindustrie an der Ruhr ein, so es um die Anfänge geht. Röhren für Gas. Das behandelt eine fatale Ministererlaubnis für eine falsche Fusion. Und endet noch nicht mit dem aktuellen Gas-zu-Gas-Wettbewerb, in den uns der befreundete Hegemon geschickt hat.
Die offizielle Ruhrgas-Geschichte erklärt ihren Gegenstand für erloschen, weil das so heißt, wenn man ins Handelsregister schaut. Aber die Rohre liegen noch, die allermeisten. Mein Lebensgefühl ist deshalb anders: „Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen | Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“
Logbuch
NICHTS IN BUTTER, MUTTER.
Die Feinkostkette Lindner, eine Berliner Institution für gehobenen Bedarf an Lebensmitteln, stellt ihren Markennamen um und geht auf die historische Form zurück. Wir heißen wieder „Butter Lindner“. Das freut die Werbeagentur, ist aber unzeitgemäß. Man hat sie uns nämlich längst genommen, die Gute Butter.
Das war eine stehende Redewendung meiner Jugend, das man auf Gute Butter stolz war, weil man keine billige Margarine nutzen musste, das aus einer Fabrik stammende Ersatzprodukt aus Rapsöl und Wasser. Die dem Rahm der Kuhmilch entstammende Gute Butter war mit dem wertenden Attribut fest verbunden. Ein fundamentaler Konsens unserer Ernährung. Das Substitut Margarine benannte sich neidisch und fehlleitend „Botterram“; von wegen.
Meine Frau Mama gab, wenn es mal wieder knapp war, die Gute Butter dem Jungen und schmierte sich selbst ein Margarinebrot. Mutterliebe. Das war fest Milch, Sahne und Butter. Wer das hatte, war glücklich. Hafer fraß das liebe Vieh.
Es ist eine eigene Geschichte, wie in den USA durch gezielte medizinische Falschinformation das Fett der Guten Butter stigmatisiert wurde; angeblich führt es zu Herzkasper, während ein Volk von Adipösen durch ordinäre Zuckersucht herangemästet wurde. Hierzulande hat man einen Handhabungsvorteil erfunden, die sogenannte Streichfähigkeit. Doll für Doofe.
Ich finde im Kühlregal bei Edeka keine Butter mehr, dafür ein Produkt ohne substanziellen Namen, aber mit der Bezeichnung „streichzart“. Ich komme mir veralbert vor. Ich will nicht wissen, was es angeblich tut, sondern was es ist. Einzelne Marken erwähnen gar, dass es eine Zugabe von Butter gebe, aber nicht worein man das geferkelt hat, in billige Margarine.
Und wieviel. Man verarscht uns.
Ich lobe hiermit das Butterbrot und Kartoffeln in zerlassener Butter. Von mir aus auch Sandwiches mit Butter und Orangenmarmelade und gebuttertes Gemüse. Und wenn ich das aus deutschen Molkereien nicht mehr kriege, dann halt aus Irland. Früher gab es das in Berlin vom Milchmann im Pferdewagen vor die Tür. Bimmel-Bolle genannt, der Glocke wegen. Auf dem Land hatte man selbstverständlich eigene Kühe im Stall. Auch der Butter wegen.
Während ich das schreibe, bestellt am Nachbartisch eine junge Dame einen Kaffee ohne Koffein, aber bitte mit Hafermilch. Das ist eine elende Sürge, Perdemiege, aber keine Milch. Ich bin ein Fremder in eigenem Land.
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MIGRATION.
Mir mögen Migranten fremd sein, was ihre Religion angeht, aber nicht ihr Schicksal. Nie ihr Schicksal. Dabei meine ich die soziale Frage, nicht die ethnische. Und ich meine ehrliche Leute, die ihren Fleiß belohnt sehen wollen, indem ihre Kinder etwas Anständiges werden.
Jetzt ein Beispiel nicht aus dem Zufluchtsort Berlin oder dem italienischen Wolfsburg, sondern vom Lande, wo ich auch lebe. Ich will erinnern an das Dorf Sespenroth im Gelbachtal des unteren Westerwalds, bei Montabaur, nahe Reckenthal und Heilberscheid.
Am 29. März 1853, dem Osterdienstag, brachen von hier, ihrer Heimat, 13 Familien mit 48 Personen gemeinsam nach Amerika auf. Der ganze Ort. Über Bremen und New York gelangten sie nach Milwaukee im US-Bundesstaat Wisconsin.
Bittere Armut, blanker Hunger und pure Verzweiflung hatten diesen Entschluss reifen lassen. Das Dorf wurde abgetragen und der Wald holte es sich zurück. Ich habe nach einem Gedenkstein gesucht, aber keinen gefunden; deshalb die ausführliche Angabe von Orten aus den Archiven.
Man tadele mir den Migranten nicht, der seinen Kindern eine Zukunft bieten will und dafür einiges auf sich nimmt. Das gilt eben nicht nur für die Italiener, die es über die Welt zerstreut hat, sondern auch für die deutschen Hungerleider, die ihre Heimat nicht nährte und so vertrieb. Hut ab!
Das Einwanderungsland Amerika war damals auch für Deutsche eine Verheißung. Dass im Zuge dessen auch schräge Pfälzer dort gelandet sind, das bitte ich uns als Nation nachzusehen. Wie auch Jüngstes. Sapienti sat. Den Schlauen weiß, wie ich mein.
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POZILEI.
Wir sind hier ja nicht im Wilden Westen. Oder bei der alternativen Rechten. Über die Polizei macht man keine blöden Witze, schon gar nicht im europäischen Mutterland westlicher Demokratie. Mich hat immer beeindruckt, dass der Bobby in Westminster unbewaffnet war, bewehrt nur mit einer Trillerpfeife, ganz Autorität aus der Achtung der Bürger. Soviel zur Pozilei, die ich nicht mit Vieh der Klasse Bulle oder Schwein vergleiche. In Berlin Anwohner des Kleinen Tiergartens, eines Parks, der sich zum Hotspot von Drogendealern und ihrer verwahrlosten Klientel wandelt, bin ich froh, wenn es jemanden gibt, der den wüstesten Übergriffen Einhalt gebietet. Wir hätten gern Kinderspielplätze ohne Spritzen. Ich sage den jungen Beamten oft, wenn ich ihre Einsätze sehe, dass ich ihre Arbeit schätze.
Aber der Missbrauch liegt nahe. Ein Journalist seriöser Presse ist von der Kripo in Oxbridge aufgefordert worden, einen Professor der altehrwürdigen Uni keine Fragen mehr zu stellen, weil dieser sich ob seiner Hautfarbe diskriminiert fühle. Diskriminiert wegen Nachfragen zu seiner öffentlichen Funktion. Nun, das Seelchen hatte, wie inzwischen klar, seine Doktorarbeit gefälscht, von olympischen Sporterfolgen gelogen und sich der Teilnahme an TV-Sendungen gerühmt, die vor seiner Geburt gedreht worden waren. Der pathologisch Prahlsüchtige reklamierte zudem Patientenschutz, weil gelernter Autist. Exotismus extremer Art. Er hat inzwischen seinen Lehrstuhl aufgegeben, der längst überfälligen Prüfung der Alma Mater vorgreifend.
Mir geht es nicht um den Verwirrten, obwohl Betrug durch Plagiate kein Kavaliersdelikt; denn das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Darüber soll die Academica selbst wachen. Mir geht es darum, dass der Staat einschreitet, wenn eine Recherche der Presse unerwünscht. Fragen verboten. Da müssen wir ja nicht nach England schauen; auch hierzulande gab es eine Praxis, dass morgens die Kripo klingelt und mal den PC sehen möchte, mit dem man einen Beitrag in den Sozialen getippt hatte.
Jetzt mal die Juristen nach vorn. Was ist das, diese „Untersuchung als Strafe“? Hier ist ja völlig klar, dass der Zirkus niemals für einen Staatsanwalt reichte oder gar einen Richter. Aber zur Einschüchterung, da reicht es? Das darf die Kripo, in England Met genannt? Ich kenne ähnliche Fälle eine Stufe weiter, wo abstruse Anklagen erhoben werden, die erkennbar unbegründet sind und es auch bleiben, nur um den so bedrohten Schergen zu erschrecken und damit abzustrafen. Das mag ja als zivilrechtlicher Rechtsmissbrauch noch durchgehen, aber im Strafrecht? Mittels politisch motivierter Pozilei? Der Bobby als Schutz- und Putztruppe? Ich bitte Euch. „It never rains in California. Man, it pours!“