Logbuch
NUR IM ERSTEN.
Die ÖFFENTLICH-RECHTLICHEN haben einen Hauskabarettisten, der sich „Dieter Nuhr im Ersten“ nennt und so schon ausweist, was er als seine Rolle begreift. Ich finde ihn abgeschmackt und seine TV-Show eine peinliche Retorte, weil sie seine auswendig gelernten Scherze mit fremden Zuschauerlachen montiert, obwohl unterschiedlichen Ursprungs. Kolportage, eine Blamage. Unterhaltungshumor als Fertiggericht.
Ich habe mal mit seinem Produzenten zusammengesessen, der rühmte, dass „der Dieter“ (nur im Ersten) seine Texte selbst schriebe, während andere (er nennt Namen) für sich texten ließen. Nun, das ist jetzt gründlich schiefgegangen. Nur im Ersten wurde von Nuhr im Ersten unterstellt, dass sich weibliche Mordopfer auf Zufallssex ohne Ansehen der Person einließen. Frauen, die rumficken. Täter-Opfer-Umkehr: brüllkomisch. Empörung im Netz. Ein Gag ging daneben; das passiert.
Was mich an diesem Spaß-Spießer weit mehr stört, das ist seine Routine, wo er woken Widersinn billig veralbert und ausgerechnet die piefigen Piefkes, sprich sein Publikum, sich vor Glück nicht lassen können. Mancher Gag ist gelungen, sein Publikum ist schlicht ekelhaft. Kleinbürger, die über Proleten lachen. Dieter Nuhr ist der Heinz Ehrhardt der Baby-Boomer, ein Witzchenreisser für Realschullehrer. Paaah, wie profan.
Was das breitere Publikum, weil nur im Ersten, nicht so weiß, in seiner Freizeit ist der Dieter auch noch Künstler. Er montiert (siehe oben) Graphisches mit Fotografischem zu Bildern, die wir Normalsterblichen allerdings schon von IKEA kennen. Es gibt Fotobände mit dem blasierten Quatsch. Nuhr ist die Aufzugsmusik der Bildenden Kunst. Ebenso ambitioniert wie abgeschmackt.
Mein Rat: Er möge sich auf seine Rolle als Ansager fremder Äußerungsakrobaten beschränken und ansonsten Mutti in Ratingen beim Einkaufen helfen. So sah ich ihn kürzlich. Der Hausmann als Hampel. Sie hätte sich ja mal vorher angucken können, mit wem sie… Sie wissen schon.
Logbuch
WELTMÄNNISCHES.
In der friedlichen Sommerfrische eines frühen Sees lese ich eine Stadtgeschichte von einem nun wirklich fernen Ort; ich blättere in den Annalen Thessalonikis, das ist im Norden des Helenischen Reiches, in Mazedonien. Der Ort muss seinen Charme gehabt haben, sonst hätten sich nicht Generation über Generation die Kehlen durchgeschnitten, um hier eine vorübergehende Heimat zu finden. Ich lese von Herrschaften des Byzantinischen, des Osmanischen, der immer großkotzigen Römer, von kleinen jüdischen Siedlungen ursprünglich spanischer Juden. Slawen haben auch hier gesiedelt.
Ein Viel-Völker-Reich unterschiedlicher Regentschaften, immer neue Fremde rauften sich zusammen. Einen Tempel als Moschee genutzt, dann als Kirche geweiht, dann zur Markthalle erblüht. Bevor man hieran als Symbol Gefallen findet, welch ein Menschenbild? Wir sind doch wirklich ein unfriedliches Pack als Erdenbewohner. Immer wieder treffen wir als FREMDE aufeinander, wo Vertrautheit erst als Ausnahme entstehen muss, wenn der andere sich nicht vorher von seiner schlechtesten Seite hat zeigen dürfen. So bilderreich die Geschichte, so elend das sich dabei offenbarende Menschenbild, nicht in den Bibeln, aber in den Geschichtsbüchern.
Der Mensch, die Krone der Schöpfung, das Schwein. Neben meiner Idylle all überall Niedertracht, Verrat, Verbrechen. Aber Alexander der Große stammt doch von hier und der einmalige Kemal Atatürk. Große Männer großer Reiche. Viele Vertreibungen vieler Völker. Und was ich noch sagen wollte, das Blätterteiggebäck aus Thessaloniki schmeckt echt widerlich, schon wenn mit Honig gefüllt, erst recht, wenn darin Spinatartiges in Ziegenkäse vergammelt. Einzubilden braucht der Griech aus Griechenland sich rein gar nix. Damit das mal klar ist. Ich will jetzt einen Kaffee und ein Hörnchen. Nicht diesen fremden Fraß.
Logbuch
BINGO BENKO.
Wer vom Fach, schätzt in der Presse bestimmte Blätter mehr als andere, vor allem aber bestimmte Federn. Immer ein Signal für Lesevergnügen und Erkenntnisgewinn ist der Franke Uwe Ritzer aus Nürnberg, Investigativer bei der Süddeutschen. Ohne Journalisten seiner Handwerkskunst wäre das Blatt noch dünner; es ist schon dünn genug.
Heute also präsentiert Ritzer Stilblüten aus den Ermittlungsakten gegen den Finanzjongleur Benko, die nicht ohne Komik sind. Es gab in dem weitverzweigten Imperium einen regelrechten „Staubsauger“, der das filigrane Gebilde ganz ordinär absaugte, damit in Benkos Taschen landete, was hier und dort gewonnen worden war, vieles heimlich unter den Teppich gekehrt, um dann doch eingesammelt zu sein. „Der Staubsauger ist da!“ So hieß es dann bei Benkos. Man lese Ritzer.
Mit den Staubsaugern ist das ja so eine Sache. Man kennt den Kalauer aus dem Direktvertrieb der Wuppertaler Firma Vorwerk, die an der Wohnungstür verkaufte, wo der Vertreter sein Vorwerk zu zeigen ankündigt und die Hausfrau sich das entschieden verbietet. Zudem unvergessen der Vertreterbesuch der fiktiven Firma Hainzelmann bei Hoppenstedts mit der Erkenntnis: „Es saugt und bläst der Hainzelmann, wo Mutti sonst nur blasen kann.“
Bei Benkos Buberln Partie schließlich die finanzwirtschaftlich fundamentale Erkenntnis „follow the money“; es sind nicht die Beträge als solche entscheidend, egal wie hoch. Man achte vor allem auf die Fließrichtung. Es waren nicht seine wundertätigen Millionen, die dann wohltätig Kaufhäuser retteten, damit Innenstädte wieder blühten, wo biedere Hausfrauen dann ihr Konsumglück nicht mehr fassen konnten. Obwohl das so in der Presse gefeiert wurde. Außer bei Uwe Ritzer. Aber das hatten wir ja schon eingangs.
Logbuch
SCHLAUMEIEREI.
In einem früheren Leben war ich mal Rotarier, was, neben einem gewissen sozialen Reichtum an bürgerlichen Kreisen, auch bestimmte Pflichten mit sich bringt, allen voran, die der Präsenz. Man kann da schlecht schwänzen. Und die Herren tagen wöchentlich.
Also, ich sage bei meinem Präsidenten ab, weil ich beruflich verhindert bin: „Wir haben heute eine Preiserhöhung.“ Der ältere Herr verstand die Welt nicht mehr. Wegen so einem Scheiß sagt man bei Rotary nicht ab. Nun, ich war bei einer Tankstellengesellschaft und eine saftige Benzinpreiserhöhung führte immer zu einem Ansturm der Presse. Man sollte das begründen, fand der Volkszorn. Heute zahle ich als Verbraucher exakt das Zehnfache für den Liter wie als Studiosus, ein wenig Argumentation scheint also schon angesagt.
Ich habe in meiner aktiven Zeit bei den Spritties am liebsten mit Niedrigwasser auf dem Rhein begründet. Ein güldenes Argument. Sollte es zu viel geregnet haben, habe ich mit Hochwasser auf dem Rhein begründet. Sollten wir normale Pegelstände haben, bietet sich der Dollarkurs an. Bei steigenden Dollar wie bei fallenden; aber das hatten wir ja schon. Hauptsache, es gab einen sachlichen Grund; so als wenn der Hase da im Pfeffer läge. Normalisierungspropaganda. Lebenslügen.
Klartext: Was die Shells dieser Welt gerade machen, nennt sich in der Branche, „den Retailmarkt aus-cashen“. Fachlich: aktuelle Wiederbeschaffungspreise auf dem Spotmarkt als kalkulatorische Kosten ansetzen für Ware, die zu gänzlich anderen Konditionen kontrahiert wurde. Und dem Spotpreis die Schuld geben. So was kommt von so was. Die gegenläufige Bewegung gibt es auch, aber viel langsamer. Das ist das ganze Geheimnis.
Im Grunde und im Kern geht es um IMPORTABHÄNGIGKEIT und die Fähigkeit der liefernden Oligopole zu nehmen, was der abnehmende Markt hergibt. Den Hauch einer Chance der Gestaltung hat man als Bezieher nur bei Wettbewerb unter den Oligopolen und einer diversifizierten Beschaffung. Ich könnte das jetzt an der Gas-Versorgung plausibel machen, würde aber den Zensor wecken. Das ist nicht ratsam.
Ich liege in allem quer. Ich bin ein Freund heimischer Energie. Ich weiß um das Erdgas unter der Lüneburger Heide. Um das Öl unter der Nordsee. Ich wäre aus der Kohle nicht ausgestiegen. Ich halte Kernenergie für importunabhängig. Ich bin für den Ausbau von Wasser, Wind, Sonne und Bio. Ich bin alles mögliche, wenn ich die Augen schließe und träume. Und ich weiß, dass der Liter Diesel 2,50€ kostet wg. Niedrigwasser auf dem Rhein.