Logbuch

EILE MIT WEILE.

Zwischen den beiden Büros, in denen ich gelegentlich schaffe, liegen knapp sechshundert Kilometer, die ich dank Dreiliterdiesel bequem in fünf Stunden schaffe. Früher fuhr ich Bahn, als die Bahn noch fuhr; geflogen nie, obwohl drei Flughäfen ringsherum, weil auf kurzen Strecken schlicht doof.

Mit der neuen ICE-Strecke zwischen Köln und Frankfurt hatte die BAHN auch die ländlichen Gebiete zwischen den Metropolen an den Fortschritt angeschlossen. Berlin lag nah. Bequem und behend gelangte man von Montabaur an nahe Flughäfen und flog in die weite Welt oder gleich im Zug nach Brüssel wie Paris oder London. Der Fortschritt kommt mit der Schiene.

Am modernen ICE-Bahnhof zu Montabaur, gerade zwanzig Jahre jung, sind die Gleise baulich im dritten Stock, wohin den Fahrgast Rolltreppen leiten, wenn sie mal rollen, und natürlich stets Aufzüge. Jetzt sollte man die Gelegenheit zum Aufzugfahren am Wochenende noch mal nutzen, da die Geräte erneuert, sprich ausgetauscht werden. Ein Schild informiert seit gestern, dass der Service ausfällt. Ich zitiere: „vom 12. Januar bis voraussichtlich Sommer“. Ups, der steht ja schon fast einen Monat.

Mich fasziniert nicht die halbjährige Bauzeit für einen Aufzugersatz, sondern die Zeitangabe zur Fertigstellung. Man misst in Jahreszeiten und nach dem Prinzip Hoffnung. Der Kölner Dom hat zudem sechshundert Jahre gebraucht. Darüber würde ich gerne mit der neuen Bahnchefin Festina Lente mal reden, eine Italienerin vom Fach. Das unterscheidet sie laut Hauptstadtpresse von ihren Vorgänger:innen. Einfach hat es Frau Lente nämlich auch nicht. Nachtrag: Die Literangabe ist Hubraum, nicht Verbrauch.

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WENN DIE GESCHICHTE WAS LEHRT.

Wenn die Geschichte lehrt, geht es mit strengen Maßstäben zu, da Geschichtsklitterung eine gefährliche Ambition der Propaganda. Im Pressewesen sind die Kriterien lockerer, nur Schleichwerbung, die versucht man eigentlich immer zu vermeiden. In den Public Relations aber durchaus üblich; da tut man einem Kumpel schon mal verdeckt einen Gefallen. Das ist heute Thema.

Lufthansa ist Ikon der Transparenz; das ist das Thema des Tages. Der Lufthansa gebührt Lob, da sie ihre hundertjährige Unternehmensgeschichte von wissenschaftlich getriebenen Historikern hat aufarbeiten lassen und dabei ihre eigenen Wurzeln in der Aufrüstungsindustrie des Faschismus nicht leugnet. Ich kenne einen der drei Historiker ganz gut; akademisch erste Wahl. Wo ich kann, lobe ich den Mann; Manni heißt er.

Die Frankfurter Allgemeine (FAZ) lässt die Lufthansa-Geschichte einen ihrer Herausgeber eigens in einem persönlichen Kommentar preisen. Er hebt dabei eine „Gesellschaft für Unternehmensgeschichte“ aus Frankfurt namentlich hervor, die damit wirtschaftet. Es hätte dem Anspruch wie der Sache genützt, wenn der FAZ-Herausgeber dabei nicht verschwiegen hätte, dass die Geschäftsführerin eben dieses Ladens die Ehefrau eines Herausgeber-Kollegen bei der FAZ ist, wie übrigens Hochzeitsfotos beider im Netz zu entnehmen. A related person. Ein zarter Schatten legt sich auf die Reputation. Keine Transparenz in eigener Sache: ärgerlich.

Der akademische Anspruch ist nämlich unteilbar. Wenn es der Laden der Gattin des Kollegen ist, dann gibt man das zu. Ich selbst gehöre ihm gar nicht an, dem akademischen Anspruch, da kein wissenschaftlich ausgewiesener Historiker. Trotzdem steht mir ein Urteil zu, als Leser, Zeitgenosse und Bürger. Nachgeschmack.

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STERBE OHNE ERBE.

Mein Erbe habe ich, weil aus kleinen Verhältnissen, schon zu Lebzeiten angetreten; es bestand aus Liebe, Fürsorge, Charakter, Bildung und Aufstocken des Bafög. Neid war uns wesensfremd. Zufällig fällt mir gestern eine Hetzschrift einer Julia Irgendwas in die Hand, die gegen Erben hetzt. Das befremdet mich zutiefst.

Es gibt unter den Erbsünden den NEID, der manchem gar nicht so verdammenswert erscheint wie andere Verfehlungen, die in dem Katalog des Verwerflichen gelistet sind. NEID verkleidet sich immer; er tritt auf im Talar höherer Gerechtigkeit. Es kann auch eine rote Robe sein: Tax the rich.

Umgekehrt ist es so, dass ERBEN den Neidern wirklich zu schaffen macht; nicht eigener Erwerb, der durch den Tod eines lieben Anverwandten jemanden zufällt, sondern anderen Menschen, die dadurch besser gestellt sind. Das Erben anderer gelten dem Neider als Skandalon. Es erscheint als schändliche Leichenplünderung; außer der Staat langt zu: Tax the dead twice.

Jetzt nehmen wir mal an, es handelt sich bei der Hinterlassenschaft um ordnungsgemäß versteuertes Vermögen; Vater Staat ist also bereits zu seinem Recht gekommen. Das ist argumentativ fundamental. Woher soll nun das Recht zu einer erneuten, möglicherweise deutlich höheren Strafsteuer kommen? Man merkt, ich habe vom Steuerwesen keine Ahnung und frage naiv als Bürger, der frei von Neid.

Das Recht auf eine postmortale Pönale scheint mir, unbedarft, wie ich bin, durch die Vorzeitigkeit des Todes gegeben. Terminvergehen. Hätte ich das Erbe bereits zu Lebzeiten versoffen, wäre alles gut. Oder gelebt, als gäbe es kein Morgen. Die Dinge aber für die Seinen zu hegen und pflegen, das ist jedes Neides wert. Man soll seine Familie eher verachten dürfen, als das Leben seiner Nachgeborenen fördern? Pervers.

Die großen Vermögen werden ohnehin Mittel und Wege finden, einer exzessiven Erbschaftssteuer aus dem Wege zu gehen; da bin ich ganz sicher. Es geht um Omma ihr sein klein Häusken. Und die Pinsel von Enkel, die gefälligst Überstunden kloppen sollen, wie einst den Oppa. Krabbenkorb, ich sage, Krabbenkorb.

Gegenteiligen Bekundungen der Neider begegne man mit Skepsis.

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PRO DOMO. KEINE KLARNAMEN.

Von dem größten aller Sprücheklopfer stammt der Satz: „Die Welt möge sich in Acht nehmen, wenn ich zur Feder greife!“ Was erwarte ich also von dem Tagebuchschreiber? Dass er nicht nur von sich erzählt, sondern seinen Blick auf die Welt schildert, damit sie sich nach seinen Wünschen richte; jedenfalls nicht gänzlich ignoriere, was der Flaneur so empfindet. Dabei darf er sich von Vorbildern leiten lassen. Ein solches ist das „arbeitsjournal“ des großen Bertolt Brecht, der sich über all die Bitternis nicht die FREUNDLICHKEIT nehmen lassen wollte. Wenig erträglich dagegen die Tagebuchschreiberei des Thomas Mann, der seiner Tinte auch intime oder gänzlich banale Privatheiten nicht erspart. Peinlich.

Es gibt auch unter meinen Zeitgenossen böse Beispiele. Erschreckt soll man sein über jene Notate, die den Humor und die Leichtigkeit der Ironie verloren haben und nun ihrem Zorn freien Lauf lassen. Ich sehe da gerade gestern einen ehedem akademischen Geist, der sich nun mit Bibelsprüchen zum Hassprediger geriert. Ach, wie vordergründig diese aufgesetzte religiöse Ambition doch ist. Sagt zurecht der große BB: „Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge, auch der Zorn gegen das Unrecht macht die Stimme heiser. Wir, die den Boden bereiten wollten für Freundlichkeit, wir konnten selber nicht freundlich sein.“ Diese Ausrede sei nicht jedem gegönnt.

Einen anderen Akademiker meiner Tage habe ich gar vom Hass in den Wahnsinn abdrehen sehen. Er hatte die Verfolgung von Unrechtmäßigem zur Berufung und dann einer tiefer sitzenden Rache verkommen lassen und sucht nun seine Grobheiten als Mission zu leben. Ja, der Hass verzerrt die Züge. Dem Tagebuchschreiber ist eine spitze Feder gegönnt und ein kräftiges Urteil, das auf einen groben Klotz schon mal den groben Keil setzt. Aber doch nicht notorisch Hexenverbrennung, sprich Menschenverachtung und böser Wille.

Wir leben nicht in Zeiten, die so satanisch wären, dass wir selbst uns von ihnen verteufeln lassen müssten. Die vermeintliche Allmacht hat Ränder und Brüche. Des Kaisers neue Kleider. Auch regelrechte Vorbilder in den Sozialen sehe ich stottern, dünnhäutig nach Argumenten suchen und dann trotzig doch nur etwas Abgegriffenes aus der untersten Schublade der rechten Volksverhetzung kramen. Da helfen dann auch endlose Reichweiten an Lesern nicht, wenn das Hemd zu kurz. Die Allmacht steht stets auf tönernen Füßen. Demagogie ist nämlich immer ein prekäres Verlangen, solange ihr Diktatur nicht hilft. Lehrsatz.