Logbuch
HATE SPEECH.
Lese eine Besprechung einer Biographie des amerikanischen Schriftstellers ROBERT STONE. Woher auch immer dieser Name in meinen Ohren klingt. Dort heißt es: Seinen Vater müsse es gegeben haben, weil es sonst ihn ja nicht gebe; mehr wäre über den aber nun wirklich nicht zu sagen. Seine Mutter sei eine Irre gewesen, die wahrscheinlich nur einmal Verkehr gehabt habe, nämlich anlässlich seiner Empfängnis. Oh ha. Es gibt einen Grad der üblen Nachrede, der schon aus sich selbst unannehmbar ist. Da würde die Erörterung, ob die Schmähung stimme oder stimmen könne, schon eine Anerkenntnis darstellen, die solch ein Hass prinzipiell nicht verdient hat. Dann sagten zurecht die Antiken: Anathema est. Das ist kein Thema. Man schweige.
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NATIONALCHARAKTER.
Die Annahme, dass es Charaktereigenschaften gibt, die aus der Nationalität folgen, ist falsch und vielleicht sogar bös. Es gibt aber schon unterschiedliche Kulturen, oder? Machen wir ein kleines Experiment. Wir haben einen Herrn A und einen Herrn B, die sich unterschiedlich verhalten. Herr A führt seine Mitarbeiter eher gleichberechtigt und entscheidet gern im Konsens. Herr B führt sie hierarchisch und regiert top-down. Sollte man sich nicht einigen, so geht Herr B sofort und unmissverständlich in die offene Konfrontation, Herr A vermeidet das lieber. Wenn es um Überzeugen und / oder Überreden geht, so richtet sich Herr A danach, wie es im Augenblick praktisch am besten passt, und Herr B nach seinen Prinzipien. Also genug des Spiels. Einer von beiden kommt aus Luzern am Vierwaldstätter See und der andere lebt am Starnberger See. Na, wer hat den Stiernacken? Oder: Der eine kommt aus Russland und der andere aus Schweden. Oder noch anders: der eine aus Australien, der andere aus Japan. So lässt mich meine Geschichte mit meinen Vorurteilen allein.
PS: Vor 31 Jahren hat die Eiserne Lady in London einen Minister verloren, der seine Warnungen vor einer angeblich drohenden deutschen Vorherrschaft in der EU mit dem Nationalcharakter „der Hunnen“ begründet hatte, hinter denen die Franzosen als bloße „Pudel“ nur herdackelten. Der legendäre Nicolas Ridley. Ich habe ihn in seinem Club (Garrick in Covent Garden) mal kennengelernt. Gintrinker. Sehr englisch, der Herr.
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KLUGER KOPF.
Rabenmaske für Jens Spahn? Die SEUCHEN-ÄRZTE im Mittelalter trugen solche VOGELMASKEN. Für jedermann sichtbar, groß mitten im Gesicht. Evidenzbasiert, sozusagen. Man stelle sich vor: Lauterbach als schwarzer Rabe (übrigens gestern wieder mit fettigem Haupthaar im TV, aber das ist eine andere Geschichte). Zurück zu den Rabenmasken. Mir ist klar, warum die Pestärzte die trugen. Der alten Tante FAZ ausweislich der gestrigen Ausgabe aber nicht. Ha! Ich bin also jener kluge Kopf, der angeblich hinter ihr steckt. Das ist ein historischer Werbespruch des Blattes, dass hinter ihm immer ein kluger Kopf stecke. Ausgezeichnete Werbung damals aus mindestens zwei Gründen. Erstens lobt sie den Kunden, nicht den Hersteller. Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Den Kunden loben: So klug ist nicht jeder. Zweitens sagt sie klar, was man von ihr hat, wenn man sie erwirbt: Zeitgenossen finden selbst einen durchschnittlichen Tropf genial, wenn er das Blatt vor dem Antlitz hochhält. Man zeigt sich mit der FAZ. Wer will schon beim Lesen der BILD oder von Open Pussy beobachtet werden? Also, das konservative Blatt rätselte gestern über die mittelalterlichen Vogelmasken; die Wissenschaft, schrieb es, rätsele auch. Das stimmt nicht. Die rabenhaften Schnäbel trugen die Kämpfer gegen die Pandemie aufgrund einer sehr aufmerksamen Naturbeobachtung; ihnen war nicht entgangen, dass sich Flöhe wie Ratten wie Menschenkinder mit dem Virus infizierten, aber nicht die Vögel. Und so wollten sie, wenn sie denn nächtens in den engen Gassen des unglückseligen Venedig dem Schwarzen Tod begegneten, von ihm für einen Vogel gehalten werden. Denn die Vögel mied die Pest, wie die Pest. Das nennt man evidenzbasierte Medizin.
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MÖBIUSBÄNDER.
Es gab eine Zeit, da konnte man noch nicht mit Maschinen reden und diese mit ihrem Nutzer. Man hatte noch allein das Sagen. Man konnte die Apparate an- und abstellen. Den Stecker ziehen. Sie auf den Müll werfen. Diese Zeiten gehen zu Ende.
Am Abend des 14. April 1912 erklangt im Äther das Morsesignal CQD für „an alle Stationen: Notfall“. Keine Reaktion. Die Funker der Titanic versuchten es deshalb noch mit dem neueren Code SOS, also drei kurz, drei lang, drei kurz, vertextet als „save our souls“. Die Carpathia hörte den Notruf, nahm Kurs auf die Unglücksstelle und rettete 700 Passagiere aus den Booten. Seitdem dient das Modell von Sender und Empfänger zur Erklärung von Kommunikation; und die Frage des gemeinsamen Codes erscheint auch Doofen plausibel.
Dem Morser gerät die Abfolge von kurzen und langen Tönen zu einer Melodie, die als zweite Sprache vertraut wird. Mit dem tippenden Finger an der Taste und dem Ohrhörer auf dem Schädel entwickelt sich eine Symbiose von Mensch und Maschine, heutzutage von Computer und Gehirn; kein Wunder, dass der kalifornische Capo di tutti capi der Informationstechnologie heutzutage über „Neurolinks“ nachdenkt, sprich die Implantierung von Chips ins menschliche Hirn, die den Morsefinger überflüssig machen. Es fallen alte Trennungen.
Ich lese bei Anna-Verona Nosthoff, dass früher widersprüchliche Kategorien miteinander vermählt werden: „Sender und Empfänger, Mensch und Maschine, Gehirn und Computer, Dezentralität und Zentralität, Freiheit und Kontrolle.“ Damit eröffne sich ein neues Reich der Freiheit, das ein Imperium der vollständigen Unterwerfung sei. Heute genießt das schon das Auto. Der von der EU verpflichtend eingeführte E-Call, erkennt unabhängig vom Fahrer einen gravierenden Unfall und fordert die Rettungskräfte seiner Wahl automatisch an. Dafür muss er wissen, wo die Titanic gerade ist; was kein Problem ist, wenn er die Schüssel dort schon autonom hingesteuert hat. Nicht die Eisberge werden gesteuert, die Schiffe. Klar?
Das ist die wahre Dystopie des Internets: Es fallen alle Modi der Abgrenzung. Nur noch Möbiusbänder. Es fallen zusammen: Wirklichkeit und ihre Darstellung, Original und Kopie, sowohl privat wie öffentlich, vor allem Wahrheit und deren Inszenierung.