Logbuch
DULCINEA DEL TOBOSO.
Es gibt im Spanischen diesen Ritter, der die Windmühlen seiner Heimat für Ungeheuer hält und sie zu bekämpfen gedenkt. Sein Knecht hält ihn für irre; er dagegen sich selbst für tapfer und schlau. Die Wahrheit kann nicht auf der Mitte liegen, wie immer, wenn sich Wahn und Wirklichkeit gänzlich unterscheiden.
Gestern durfte ich erleben, wie sich der ÖRR, sprich Öffentlich-Rechtliche Rundfunk, rechtfertigt. Vor einem politischen Salon sprach die Intendantin des RBB, Kürzel vom Rundfunk für Berlin und Brandenburg. Man sicherte der ehemaligen Regierungssprecherin Ulrike Demmer zu, dass ihre Ausführungen „unter Drei“ seien, also werde auch ich hier keine Indiskretionen begehen. Es dürfte aber doch im Sinne der guten Sache sein, den Grundgedanken zu wiederholen.
Der ÖRR pflegt einen unabhängigen Journalismus, der den Bedrohungen durch das von Multinationalen Konzernen gesteuerte Internet zu widerstehen weiß, weil er auf einer solidarischen Finanzierung beruht und am Gemeinwohl orientiert ist. Es gibt keinen staatlichen Einfluss. Er ist die Stimme des Gemeinwohls und damit eine der Grundfesten der Demokratie. Im publizistischen Wettbewerb liefert er nicht der immer das Aktuellste, aber er beruht auf Fachredaktionen, die die Dinge durchschauen und deshalb gut erklären können. Sollte es mal zu Fehlern kommen, werden diese freimütig eingeräumt.
Er konzentriere sich auf die Provinz und widerstünde so den modischen Irrungen der Metropole. Man sehe die fundamentale Bedeutung des ÖRR für die Demokratie schon darin, dass autoritäre Regime andernorts seine Führungspersönlichkeiten als erstes abräumten. All das höre ich fast atemlos, auf meine Schuhe starrend, dann auf die der Dame. Oh Mann, Dulcinea. Das ist sehr weit entfernt von den Diskursen über den Staatsfunk, der seine Propaganda zugunsten der herrschenden Klasse durch Zwangsgebühren finanziert, mit denen er ebenso nachlässig wie freigiebig umgeht. Die Moderatorin des Gesprächs fragt, wie soll ich sagen, höflich; das Publikum nimmt sich sein Recht auf Beiläufigkeit. Ich danke abschließend der wirklich netten Intendantin, dass sie sich die Zeit genommen hat.
Der Fall Schlesinger wie der Fall Gelbhaar werden im Salon nicht wirklich Thema, jedenfalls nicht im Sinne einer paradigmatischen Bedeutung, etwa dass diese Ausnahmen die Regel seien. Am Ende gibt es Blumen. Ich habe das bedrückende Gefühl unvereinbarer Welten, die so weit auseinanderliegen, dass man sich höflich, aber mit psychiatrischer Distanz gänzlich verkennt. Es spricht niemand der Gegner aus, dass er den ÖRR ersatzlos abzuschaffen gedenkt. Und das sagen AfD wie FDP und eine ganze Generation ausschließlich Digitaler. Die Intendantin betont, das sei laut Forsa nicht die Mehrheit.
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DEM KARL MARX SEIN MANTEL.
Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.
Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.
Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.
Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.
Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?
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DER FLIEGENDE HOLLÄNDER.
Spräche mich ein bankrotter Komponist auf der Flucht vor seinen Gläubigern an, ob mir an einer Auftragsarbeit läge, etwa der Fassung meiner Lebensgeschichte als Oper, so würde ich die günstige Gelegenheit nutzen und mein Schicksal als die Tragik des fliegenden Holländers auf die Bühne bringen. Dessen Fluch liegt ja seit Alters her darin, dass er durch alle Stürme zu gehen hat, aber niemals einen ruhigen Hafen findet. Als Geisterschiff erscheint er den braven Fahrensleuten, die das Kap der Guten Hoffnung zu umsegeln haben, um die Verlockungen Indiens zu erreichen. Mag es Vasco da Gama gelungen sein, Afrika zu umschiffen, ihm ist es auf ewig ebenso verwehrt wie den Seuchenschiffen, die Venedigs Doge verbannt. Auf ewig hat er den Stürmen zu trotzen.
Mein Leben als Wagner Oper. Darüber ließe sich ja reden, aber wer will schon als Holländer enden? Nun, da hilft die Aufklärung eines früher unter Seeleuten gängigen Übersetzungsfehlers. THE FLYING DUTCHMAN war unter Seefahrern ein Deutscher. So wie „dutch courage“ bis heute im Englischen jener Mut ist, dem reichlich Bierkonsum vorausging. Wagner will das Stück zudem nach Norwegen verlegen, was mir recht wäre. Lieber ein Vikinger als ein Moff. Oder gar ein windiger Portugiese wie dieser Vasco da Gama (siehe Roger Crowley, Conquers, How Portugal Dorfes the first global empire, Faber&Faber).
Die Norweger sind zwar nicht in der EU, aber wahre Europäer. Ferner mit Öl & Gas gesegnet. Sie haben sich ferner gerade unter den Atomschirm Frankreichs gestellt. Das alles scheint mir schlau für einen Anrainer Russlands. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Wagner hat seine Idee vom fliegenden Deutschmann von Heinrich Heine, der die alte Seefahrersage mit der schwachsinnigen Idee verknüpft hat, dass der Fluch über den Heimatlosen sich erst auflöse, wenn er die Zuneigung einer stets treuen Frau gefunden habe. Das wiederum ist typisch für den sentimentalen Düsseldorfer Heine; er selbst ein notorischer Rumtreiber, den sehr früh zu Paris die Syphilis dahinraffte. Frauen sind nicht selten treu, sie haben es erfunden.
Kann ich, nachdem ich das freiwillig eingeräumt habe, mit der Aufhebung des Fluches rechnen?
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KÄLTEPUMPE.
Ich lese einen mittelhochdeutschen Text, in dem die Herrschaften in den Gefilden Apuliens zur Jagd gingen. Irre Anreise, wenn man bedenkt, dass es zu Pferde ging. Aber auch der Karthager Hannibal war im Süden Italiens, auf Elefanten. Man hatte offensichtlich Zeit und Muße: „Glücklich der, der jetzt auf den Gefilden Apuliens zur Beizjagd gehen kann! Wer dort auf die Pirsch zieht, kommt auf seine Kosten, so viel Wild gibt es dort. Die einen gehen zu den Brunnen, die anderen reiten spazieren…“
Es erreichen die brütenden Lande, über deren Höhen sonst der Wind so kalt weht, Nachrichten aus dem fernen Apulien, wo der Lorenz mit 45 Grad brennt. Das ist der Absatz des italienischen Stiefels, also tiefer Süden und einst so fruchtbar, dass die Griechen sich zur Kolonialisierung entschlossen. Berichten will ich von einem alten Bürgerhaus in Ostuni, vor dessen Baustelle ich einst voller Staunen hockte, die Weisheit früheren Handwerks bestaunend. Überhaupt haben die Städte der Region den Ruf, ein Florenz des Südens zu sein, aber dieses eine Domizil hat es mir angetan.
Zur Straße dreigeschossig und bescheiden wirkend, birgt es, wie dem neugierigen Touristen offenbart, untereinander drei Kellergeschosse, geräumig und solide in den massiven Fels gehauen. Und im untersten, wo ganz sicher der kühle Berg die angenehmste Temperatur bietet, ein Brunnen mit frischem Quellwasser. Unnötig zu erwähnen, dass zu der einen Seite in ein paar Schritten der Markt und in der anderen Richtung nur einen Steinwurf entfernt, aber deutlich tiefer, der Hafen. Ein in den Fels gehauenes Paradies. Die Weiße Stadt hat sich mit Wehrtürmen und Mauern seit der Renaissance vor dem Türken geschützt, die den Balkan beherrschten; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Meine Fantasie regt der quellbewehrte Tiefbau an, da er von einem Klima kündet, das heute nur noch diese entsetzlich hässlichen Maschinen aus Asien zu liefern suchen. Plötzlich ist auch in unseren Breiten von A/C die Rede. Brüllsommer. Bei diesem Wetter hätte der tragische Habeck seine Pumpe als Raumklimatisierung durchgesetzt bekommen. Kältepumpe. Wäre es den Grünen nur gegeben, mehr an die Überzeugung der Menschen zu appellieren als mit dem Staat zu drohen. Aber Trittins Heroin, Frau Baerbock, das erfahren wir nun, kommt ja nicht nur aus dem Völkerrecht, sondern eigentlich aus dem Leistungssport.
Alles wäre gut, wenn wir weise bauen würden, die Kräfte der Natur nützten, ohne die Landschaft zu verschandeln und in der Grundlast eine staatlich geführte Kernenergie zur Industriepolitik nutzten. Billiger Strom ist Wachstum. Dann gäbe es Florenz und Grundstoffindustrie, beides. Man würde sich dann nur noch der Kolonialisierung durch den Balkan erwehren müssen. Aber da hat „Pülle“ (mittelhochdeutsch für Apulien) seine Erfahrung. Das kriegen wir dann schon hin „ze Pülle ûf dem gevilde.“