Logbuch
KORREGAT.
Erzählungen können so falsch sein, dass es nicht reicht, sie schlankweg zu zensieren, sprich zu verbieten; es kann angezeigt sein, sie regelrecht zu korrigieren. Das ist Aufgabe des KORREGATS, das künftig in allen Redaktionen einzurichten ist. Der erste Fall, den ich zu berichten habe, betrifft Dänemark, die Kummer-Nation am Großen Belt.
Unter dem Titel „Kejserens nye Klæder“ ist dort ein Kunstmärchen des dänischen Schriftstellers Hans Christian Andersen erschienen und zwar am 7. April 1837 in einer Ausgabe der Reihe „Märchen, für Kinder erzählt“ (dänisch „Eventyr fortalte for Bør“). Die Aventüre ist auch im Mittelhochdeutschen ein Abenteuer und meint eine Heldenerzählung. Das mit dem Kind bedarf allerdings der Korrektur. Es ist weder Zielgruppe dieses üblen Propagandastücks noch ist es korrekt, dass es in der Erzählung ein Kind war, dass entdeckte, dass der Kaiser in seinen neuen Prachtkleidern angeblich splitterfasernackt.
Dem doofen Dänen kannst Du nicht trauen, wie dem noblen Norweger; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Ich bin Philologe mit Handbibliothek, kann also Dinge nachschlagen. In der spanischen Quelle des dänischen Heldengesangs gibt es keine kindliche Unschuld, die den zeigefreudigen Fürsten blamiert. Fake News. Die Geschichte spielt nämlich im Maurischen; das ist das unter islamischer Prägung stehende Spanien mit durchaus afrikanischer Population. Eine Periode, in der die angestammte „White Supremacy“ vorübergehend ausgesetzt war.
Und es ist im Original ein maurischer Pferdeknecht, der darauf hinweist, dass seine Majestät lediglich im Kostüm Adams. Unterste soziale Hierarchie. Das kann zudem nicht angenehmen gewesen sein, zumal im Winter, nackig. In Klosters bei Davos war es letzte Nacht minus zehn; da zieht doch niemand blank. Was die Geschichte aber nun wirklich ins KORREGAT verweist, ist die Annahme, dass ausgerechnet ein Obama hier den Schlaumeier gespielt haben könnte. Das ist eine typisch dänische Dichtung, ohne jeden Zweifel. Sie bedarf der Korrektur.
Ich spreche ganz leidlich altisländisch, was zu einer Zeit üblich war, als der Däne noch Wikinger und sich Iren aus Irland als Sklaven hielt. Darüber hätte dieser Andersen mal schreiben sollen; das wäre lehrreich für Kinder. Nicht nackte Onkels.
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DAS RECHT DES SCHWÄCHEREN.
Während die Weltpolitik zulangt, spitzen die Kommentatoren den Griffel; das soll so sein. Wer Zeitzeuge, dem obliegt es schon, etwas dazu zu sagen, wie der STÄRKE zu seinem Recht kommt. Dabei hilft zu klaren Urteilen, wenn das Gedächtnis nicht zu kurz. Historia docet.
Die Dänen waren, schon bevor sie Grönland annektierten, lange Kolonialmacht in Skandinavien und wenig beliebt, etwa bei den Schweden, die wir hier wiederum im Dreißigjährigen Krieg als ruppige Rasse erleben durften. Was der Weltweise aus der Neuen Welt uns, den Europäern, gerade erklärt, ist dass die Neuordnung der Hemisphären nicht mehr von Portugiesen, Spaniern, Engländer abhängt. Boston Tea Party. Oder den Deutschen Wesen. Kapiert? Die Großmächte sind Großmächte und benehmen sich auch so. Mehr ist nicht.
Folglich jammern die abgesetzten Lords über die Ambitionen der Overlords und beklagen das RECHT DES STÄRKEREN; wie fadenscheinig. Was zum Teufel macht der Speckdäne in Grönland? Aber dies ist doch ein Anlass darüber nachzudenken, was das Gegenteil vom Recht des Stärkeren ist. Nun, ich entdecke den Kern des christlichen Denkens wieder. Dabei ist nicht vergessen, dass die Portugiesen und Spanier die Augen der damaligen Südamerikaner gegen den Himmel richteten, um ihren Boden plündern zu können; unter kirchlichem Segen.
Lassen Sie uns mal im Moralischen bleiben; gar beim Religiösen. Jesus lehrt das RECHT DES SCHWÄCHEREN. Was man dem Geringsten tue, das tue man ihm. Nennt sich CARITAS. Danach hat der Schwächere ein Recht, nämlich dass ihm gerade durch den Stärkeren sein persönliches Recht widerfahre. Das, sagt der Religionsstifter, sei seine frohe Botschaft, Evangelium. Reden wir also vom Recht des Schwächeren. Denn nur das ist Recht, wenn es als Begriff Sinn machen soll.
Wie weit ist das vom Evangelikalen? Hausaufgabe für Kundige.
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ÜBER FLIEGER.
Man hat mich um einen Aufsatz für ein anstehendes Buch gebeten, eine Ehre, da will man nicht doof oder gestrig erscheinen; also lese ich mich in neuere Publikationen ein. Auch US-Zeugs. Ich bestaune die Karriere, die ein Wort gemacht hat, das von einem eigentlich betulichen Ösi stammt, dem Soziologen Joseph Schumpeter. Das der KREATIVEN ZERSTÖRUNG. Im anbrechenden Zeitalter der „Denkmaschinen“ und der „Künstlerischen Intelligenz“ ist die „Disruption“, die Unterbrechung liebgewonnener Traditionen und deren Zerstörung, eine glückgebende Hochwertvokabel. Es wird mit dem Arsch eingerissen, was die Hände errichtet haben. Und Hurra geschrien.
Wir erleben radikale Umwertungen der Semantik und vorsätzlich revolutionäre Rhetorik. Von Vorherrschaft ist die Rede, neuen Reichen, Giganten und totaler Beherrschung (supremacy, empire, tech giant, total domination). Ein holländischer Kollege, Experte der Netzkultur, schreibt: „Stamokap 2.0“. Die Musterfirma des Taiwanesisch geprägten Ami-Oligarchen Jen-Hsun („Jensen“) Huang heißt Nvidia, kryptisch für das Lateinische „invidia“, sprich Neid. Die Börse schwemmt die Bubble mit Geld, als gäbe es kein Morgen. Alles sensationell neu, und doch schmeckt es wie Hausmannskost, wenn nicht gar wie süßes Gift.
Der liebe Jensen pflegt dabei seine Reputation als „overachieving immigrant“, ein Topos auch bei Elon Musk oder Sergey Brin oder Sundar Pichai oder Satya Nadella. Ich schaue im Wörterbuch nach. Das ist zu Deutsch der „Überflieger“. Die Neuen Zeiten bemühen geschichtsvergessen unter dem wiedererweckten Goebbels-Jargon einen ganz alten amerikanischen Mythos, den des Tellerwäschers, der es zum Millionär bringt, neuerdings einige Potenzen höher. Neu ist, dass der Eroberer zugleich, nein, zuerst und zunächst Vernichter. Ansonsten das Henry-Ford-Paradigma. Überflieger wie Ryan-Air. Wird die Blase halten? Klar, das tut sie ja immer. Seit dem Tulpenfieber von 1637. Stamokap Zwei Punkt Null. Man frage ChatGPT.
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DES GELDES WEGEN.
Wenn die Münzen nicht mehr in der Hose klimpern, keine Scheine mehr gezählt werden, überhaupt Bargeld verschwunden, dann hat der Kapitalismus seine höchste Vollendung erreicht. Man kann uns ausplündern, ohne an die Hose zu müssen. Es geht mir dabei eigentlich gar nicht ums Geld. Ich denke über technischen Fortschritt nach.
Oft denke ich dann an ein Auto, das mir als Student treue Dienste leistete und recht erschwinglich war, Spitzname „Badewanne“, bei VW wohl Typ 3 genannt. Optisch ein damals in Mode gekommener Fronttriebler, tatsächlich mit einem Boxermotor im Heck bestückt, weil man in Wolfsburg noch immer am Käfer hing. Der Motor hatte einen Doppelvergaser, der mit Seilzug über ein kompliziertes Gestänge jeweils die linken und die rechten Kolben versorgte, eine mechanisch diffizile und sehr störanfällige Angelegenheit. Und er soff entsprechend. Seit dem Model T des Henry Ford war die Massenfertigung eine Domäne der Mechanik. Und des Verbrenners. Elektrisch war das Licht, sonst nix.
Nicht das sprichwörtliche Fließband war der Hebel, sondern genau gesagt die Standardisierung, auch Modulfertigung oder Gleichteilepolitik genannt. Man bekam das Model T in jeder Farbe, vorausgesetzt es war schwarz: „Any customer can have a car painted any color that he wants so long as it is black.” Massenmedien waren damals große Zeitungen und später das Radio. Die Konservendose machte Fleisch erschwinglich. Zuwanderung füllte die Belegschaften. Moderne Zeiten vor hundert Jahren.
Radios hatten noch Röhrenverstärker. Der Halbleiter war noch nicht erfunden, damit gab es keinen Transistor, der später Chip hieß und im Silicon Valley die mechanischen Lösungen beiseite schob und Kybernetik zur Domäne machte. Es ist die Informationstechnologie, die die Ingenieure dieser Generation groß gemacht hat. Insofern ist Elon Musk der Henry Ford unserer Tage. Übrigens ein Marketing-Genie, der die Aura des erratischen Erfinders zu kultivieren weiß. Dass der Tesla, so heißt die Badewanne heute, autonom zu fahren wisse, das ist ein solcher Mythos des Genies, mit dem er für gutes Geld Batterien verscheuert. Wesentlichster Teil der Wertschöpfung ist Kurspflege; deshalb wundert mich nicht, dass Musk sich Twitter gekauft hat.
Man kann die Industriellen Revolutionen seit Erfindung der Dampfmaschine unterschiedlich zählen; es können insgesamt vier sein. Vier Punkt Null. Das ist egal. Aber klar ist, dass sich die Bezugswissenschaft von der Thermodynamik und Mechanik zur Elektronik und der Kybernetik gewandelt hat. Nicht zufällig war die Brutstätte des neuen Denkens in Kalifornien „PayPal“, eine Bezahltechnologie des Online-Handels, die ohne Bargeld auskommt. Motto trotzdem: „We are only in it for the money!“