Logbuch

DER SPÄTE BRECHT.

Seiner körperlichen Gebrechlichkeit wusste der Dichter Bert Brecht durch das Rauchen dicker Zigarren entgegen zu wirken. Der starke Trotz eines Zarten.

Zu den Havannas die Verehrung des Boxsports und die zehrende Promiskuität. Auf der Flucht vor Nazi-Deutschland, das Land öfter wechselnd als das Hemd. Sterbend hinterließ er ein kleines Gedicht, das ihn als großen Lyriker auszeichnet. Der Kritiker Marcel Reich-Ranitzki (FAZ) hat das oft behauptet, dass der Stückeschreiber Brecht ein weitaus besserer Lyriker gewesen sei. Den mochte ich nicht, den großmäuligen Kritiker, aber an dem Urteil stimmt, wenn auch beiläufig, etwas. Bertolt Brecht, ein Gedichte-Dichter.

An einem Ostersonntag darf man die wohl letzten Verse des Unsterblichen BB vollständig zitieren. Hier also der späte Brecht, das Krankenhaus namens Caritas (Nächstenliebe im Lutherdeutsch) und die ostberliner Amsel:

„Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité
Aufwachte gegen Morgen zu
Und die Amsel hörte, wußte ich
Es besser. Schon seit geraumer Zeit
Hatte ich keine Todesfurcht mehr. Da ja nichts
Mir je fehlen kann, vorausgesetzt
Ich selber fehle. Jetzt
Gelang es mir, mich zu freuen
Alles Amselgesanges nach mir auch.“

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VON PONTIUS ZU PILATUS.

Für die Hinrichtung des Jesus aus Nazareth soll der römische Präfekt verantwortlich sein. Das verkennt die Schuld seiner nervigen Ehefrau Claudia. Neue historische Erkenntnisse.

Die Gerüchte, dass die Juden, namentlich die Hohen Priester, die Kreuzigung des Nazareners verlangt hätte, stimmen nicht; antisemitische Motive werden vermutet. Die Hohen Priester hätten, so sie gewollt hätten, aus eigenem Recht, ein Todesurteil vollstrecken können. Dann wäre er gesteinigt worden. Gekreuzigt hat nur der Präfekt.

Der Römer soll seine Hände in Unschuld gewaschen haben. Denn einen Hochverratsprozess gegen den „König der Juden“ (daher INRI) hat er nicht führen können. Der Angeschuldigte erhob gar keinen politischen Anspruch; sein Reich sei nicht vom dieser Welt, hat er gesagt. Das apostolische Glaubensbekenntnis spricht gleichwohl von „passus sub pontius pilatus“, also „gelitten“ unter dem Ritter Pontius. Warum aber gab er dem wütenden Mob nach?

Es war seine Ehefrau Claudia, die sich zur Fürsprecherin des neuen Glaubens aufschwang und ihn damit öffentlich nervte. Dabei war er wegen ihr ohnehin schon in ernsten Schwierigkeiten. Weil sie, Claudia, unbedingt fließend Wasser im Haus wollte, hatte er auf Staatskosten eine Leitung bauen lassen; leider illegal. Was wiederum die Hohen Priester wussten, die ihm damit drohten, ihn bei Kaiser Tiberius in Rom anschwärzen zu lassen. Rom konnte zickig sein bei Korruption.

Überhaupt ein schräger Fall fand der Ritter mit dem Speer (pilatum). Der Nazarener war, das beunruhigte ihn, eigenartig entspannt, zumal er eine Vorsehung für sich als Messias anführte und vom Willen seines Herrn Vaters sprach, den der Römer aber gar nicht kannte. Mit alldem erstaunte mich meine Geschichte, der ich gestern den höchsten Feiertag erfuhr, auf den Katholiken noch bis morgen warten müssen. Claudia also.

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KARFREITAG.

„Es ist vollbracht.“ (der Nazarener)

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DES GELDES WEGEN.

Wenn die Münzen nicht mehr in der Hose klimpern, keine Scheine mehr gezählt werden, überhaupt Bargeld verschwunden, dann hat der Kapitalismus seine höchste Vollendung erreicht. Man kann uns ausplündern, ohne an die Hose zu müssen. Es geht mir dabei eigentlich gar nicht ums Geld. Ich denke über technischen Fortschritt nach.

Oft denke ich dann an ein Auto, das mir als Student treue Dienste leistete und recht erschwinglich war, Spitzname „Badewanne“, bei VW wohl Typ 3 genannt. Optisch ein damals in Mode gekommener Fronttriebler, tatsächlich mit einem Boxermotor im Heck bestückt, weil man in Wolfsburg noch immer am Käfer hing. Der Motor hatte einen Doppelvergaser, der mit Seilzug über ein kompliziertes Gestänge jeweils die linken und die rechten Kolben versorgte, eine mechanisch diffizile und sehr störanfällige Angelegenheit. Und er soff entsprechend. Seit dem Model T des Henry Ford war die Massenfertigung eine Domäne der Mechanik. Und des Verbrenners. Elektrisch war das Licht, sonst nix.

Nicht das sprichwörtliche Fließband war der Hebel, sondern genau gesagt die Standardisierung, auch Modulfertigung oder Gleichteilepolitik genannt. Man bekam das Model T in jeder Farbe, vorausgesetzt es war schwarz: „Any customer can have a car painted any color that he wants so long as it is black.” Massenmedien waren damals große Zeitungen und später das Radio. Die Konservendose machte Fleisch erschwinglich. Zuwanderung füllte die Belegschaften. Moderne Zeiten vor hundert Jahren.

Radios hatten noch Röhrenverstärker. Der Halbleiter war noch nicht erfunden, damit gab es keinen Transistor, der später Chip hieß und im Silicon Valley die mechanischen Lösungen beiseite schob und Kybernetik zur Domäne machte. Es ist die Informationstechnologie, die die Ingenieure dieser Generation groß gemacht hat. Insofern ist Elon Musk der Henry Ford unserer Tage. Übrigens ein Marketing-Genie, der die Aura des erratischen Erfinders zu kultivieren weiß. Dass der Tesla, so heißt die Badewanne heute, autonom zu fahren wisse, das ist ein solcher Mythos des Genies, mit dem er für gutes Geld Batterien verscheuert. Wesentlichster Teil der Wertschöpfung ist Kurspflege; deshalb wundert mich nicht, dass Musk sich Twitter gekauft hat.

Man kann die Industriellen Revolutionen seit Erfindung der Dampfmaschine unterschiedlich zählen; es können insgesamt vier sein. Vier Punkt Null. Das ist egal. Aber klar ist, dass sich die Bezugswissenschaft von der Thermodynamik und Mechanik zur Elektronik und der Kybernetik gewandelt hat. Nicht zufällig war die Brutstätte des neuen Denkens in Kalifornien „PayPal“, eine Bezahltechnologie des Online-Handels, die ohne Bargeld auskommt. Motto trotzdem: „We are only in it for the money!“