Logbuch
DEUTSCHTUM.
Tag der Deutschen Einheit, unser Nationalfeiertag. So geregelt, als die marode DDR der blühenden BRD beitrat, etwas lax formuliert. Sprich die Russen, klug und versöhnlich, ihren Siegermachtanspruch auf Mittel- und Ostdeutschland aufgaben. Die territorialen Folgen des Zweiten Weltkriegs schienen überwunden. Deutschland, einig Vaterland. In der Reichshauptstadt, der fail city Berlin, ein grauer Herbstmorgen. Lustlos krame ich in meiner Erinnerung nach Nationalstolz. Fangen wir vorne an.
Da wir alle an unserer Zeugung, der Schwangerschaft wie der Geburt keinen Anteil haben, ist es schwer, nein, unmöglich darüber berechtigterweise Stolz zu empfinden; alles Zufall, Fügung oder Geschenk Gottes, jedenfalls kein Verdienst. Auch die Aufzucht, nennen wir es mal so, lag wesentlich nicht in unseren Händen als kleine Kinder der deutschen Nation. Was das betrifft, empfinde ich Dankbarkeit meinen Eltern gegenüber, die sich nun wirklich um mich gesorgt haben. Wenn das deutsch ist, seine Familie zu pflegen, bin ich stolz, Kind Deutscher zu sein. Aber eigentlich ist die Kinderliebe aus Italien.
Aus bescheidenen Verhältnissen stammend, habe ich es ins Gymnasium geschafft und auf eine respektable Uni. Ich spreche Latein und man hat mich Herr Doktor zu nennen. Das ist auch eine Folge sozialdemokratischer Bildungspolitik und des staatlichen Versprechens, dass Privilegien durch Arbeiten erlangt werden können. Wenn das deutsch ist, bin ich stolz, Deutscher zu sein. Es hat allerdings der Unterstützung meiner Eltern bedurft, die da nicht kleinlich waren.
Ich habe den Kriegsdienst verweigern können und bin im liberalen Klima westlicher Demokratie aufgewachsen und habe schon als Schüler und Student die Meinungsfreiheit sehr weitgehend genutzt.
Mit 17 bewunderte ich Rudi Dutschke, der für seine Aufmüpfigkeit später mit dem Leben zahlte. Ich verehre Otto Wels. Wenn das deutsch ist, solche Helden zu haben, bin ich ein stolzer Deutscher. In die Reihe der Vorbilder wuchsen durch Lektüre Kant, Hegel, Marx und Freud. Wenn es deutsch ist, belesen sein zu wollen, so … Siehe oben. Obwohl wesentliche Inspiration kam für meine Generation aus Frankreich.
Religionsfreiheit ist mir ganz entschieden die Freiheit von der Religion, für mich wie meinen Nachbarn. Von privaten Dingen rede ich hier prinzipiell nicht. Auch das ist deutsch: Privatheit wahren. Politische Dinge nicht persönlich nehmen. Professionelle Fragen im Beruf zu lassen. Sich seine Feinde selbst auszusuchen. Eigentlich bin ich ein europäischer Intellektueller liberaler Prägung und aufgeklärter Gesinnung. Also ein guter Deutscher. Man zweifele nicht an meinen Verteidigungswillen.
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LEGENDEN.
Ein Urahn des Internets ist der Hörfunk, im Englischen „broadcast“ genannt, der Radiogeräte bediente, die der vorgenannte Tommy witzigerweise „wireless“ nennt, die Drahtlosen. Hitlers PR-Chef brachte den Volksempfänger dann ganz groß raus, verbot aber das Abhören der British Broadcasting Company und anderer Feindsender; was nicht half. In meiner Generation, die im Rundfunk mit der audiovisuellen Version, dem Fernsehen, aufwuchs, begeisterten sich nur noch jene für das olle Dampfradio, denen das Augenlicht genommen. Ich erinnere mich noch gut an den Hörspielpreis der Kriegsblinden, die die Opfer des Giftgaseinsatzes adressierten und dramatische Ereignisse für Hörer, im Wortsinn.
Vor zwanzig Jahren begann der Musikkonsum aus dem Internet mittels eines Produktes von Apple, das iPod hieß; seitdem sehen wir die weißen Knöpfe in den Ohren auch der hohlsten Schädel. Dazu unmotiviertes Kopfwackeln wegen Rhythmus, wo jeder mit muss. Gleich haben wir es geschafft. Wir müssen nur noch das Broadcasting mit dem iPod zusammenziehen, und schon ist er da, der PODCAST. Schwere Geburt. Aber es wird überall beworben, das neue Format der Hörspielerei aus dem Internet. Und wer glaubt, dass hier nur Benjamin Blümchen oder die Drei Fragezeichen ins World Wide Web gefunden haben, der irrt. Die Journalistenlegende Gabor Steingart produziert sie, der Briefing-Papst Christian Turner, die truschige Gerichtsreporterin der ZEIT, alle, die etwas auf sich halten, wollen in unser Ohr. Für unser Geld. Ein Gewerbe.
Der Siegeszug der Podcaster beruht auf einem simplen Vorteil pragmatischer Natur, der durch nichts zu schlagen ist: Man hat die Hände und die Äuglein frei, weil sie nur unser Ohr geliehen haben wollen. Man kann es im Auto nutzen, die Hände am Steuer und die Augen in Verkehr. In der U-Bahn. Im Wartezimmer für Kassenpatienten, während die Privatversicherten behandelt werden. Vor allem aber im Werkkeller. Ich bin leidenschaftlicher Velo-Verehrer und restauriere gerade ein Schweizer Militärrad aus dem Jahr 1937 und höre dabei gern Podcast.
Jetzt habe ich die Rubrik für Podcasts auch in meinem Autoradio gefunden und folge mit großem Gewinn dem Podcast „Machtwechsel“ von Robin Alexander und Franca Magnani. Jüngst eine detaillierte Darstellung des Salonfaschismus bei Springer und Spahn. Wie bitte? Die heißt Dagmar Rosenfeld, echt? Na gut, die Angabe zu dem Radhobby stimmt auch nicht; das ist mein Freund Uli. Und ob der Bötchen-Pionier Gabor wirklich eine Legende im Journalismus? Ich höre es wohl, allein, mir fehlt der Glaube. Alles wie bei allem: Sie wollen unser Ohr, weil sie unser Gewissen wollen und unser Geld. Sei kein Volksempfänger.
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FRIENDS OF FAIRPLAY.
Wir erleben einen Aufstieg der Neuen Rechten, die alles Liberale verachtet. Eine politische Frustration greift um sich, in dem das Autoritäre in den politischen Extremen links wie rechts als erstrebenswerte Lösung erscheint. Ursache ist das schwelende Gefühl, fehlender Gerechtigkeit. Insbesondere Veränderungsverlierer beklagen das. Dabei sind Diskussionen um GERECHTIGKEIT schwierig; schon der Begriff schwimmt; er schillert. Wenn er aber als Idee leiten soll, wird man ihn festklopfen müssen.
Was ist soziale Gerechtigkeit? Auch wenn wir alle ein Bauchgefühl teilen, was nun ganz und gar nicht gerecht, stoßen sich die Dinge hart im politischen Raum. Da ist man schnell mit Umverteilung bei der Hand. Zur Inflation der Mieten fällt der Linken Vergesellschaftung ein, sprich Enteignung der Konzerne. Da das Geld dafür fehlt und die Gulags geschlossen, stellt sich die Frage, wie das dann wohl gehen soll. Es gewinnt Wahlen, wer die Frage möglichst polemisch stellen kann. Lösungen erst später, sprich nie.
Was ist moralische Gerechtigkeit? Vielen gilt hier die eigentlich religiöse Vorstellung einer ausgleichenden Gerechtigkeit als Leitbild. Übrigens oft die Hintergrundidee, wenn anständige Menschen Versicherungsbetrug begehen. Wenn einem unschuldig ein Unglück geschehen, dann sollen sich doch die Bonzen in den Wolkenkratzern nicht so anstellen und zahlen. Man fühlt sich zu Leistungen berechtigt, auch wenn man mal fünf gerade sein lassen muss.
Was ist mit juristischer Gerechtigkeit? Etwa in dem sozialen Institut der Chancengerechtigkeit? Ist das dann Gleichheit? Auch hier Frust. Vor Gericht bekommt man immer nur ein Urteil, nie wirklich Recht. Staatliche Organisationen leiden unter dem Verlust schwindender Anerkennung, je größer desto gravierender. Etwa die Verwirklichung der wunderbaren Idee einer Europäischen Einigung in dem bürokratischen Moloch der EU. Übrigens ist auch die Verteufelung von Fremden als Sache der Gerechtigkeit verbrämt.
Wo ist das Licht am Ende des Tunnels? Vielleicht im Sport. Was ist die sportliche Gerechtigkeit? Dass der Bessere gewinnen möge. Vor allem aber, dass dabei die Regeln eingehalten werden. Regelbasiertes Zusammenwirken. Bei Foul wird gepfiffen. Dass man sich nach gewonnenem oder verlorenem Spiel wieder die Hand reicht. Im Englischen heißt das FAIR PLAY. Eine Idee, die jeder versteht. Hier liegt ihre Chance.
Was ist FairPlay? Das wäre eine Debatte, die des Schweißes der Edlen wert: Was erscheint uns als fair und was eben nicht. Eine Einladung zum Diskurs. In ein liberales Klima. Und eine verständige Politik. Das ist übrigens, was der alte Habermas als eine deliberative Demokratie beschrieben hat: Lasst uns darüber ohne Gewalt vernünftig verhandeln, was fair. Friends of FairPlay.
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EINSTEIN.
Nein, nicht das Kaffeehaus, der Physiker ist gemeint. Ich lese eine sorgfältig argumentierende Besprechung einer englischen Werkausgabe des Albert Einstein, in der es neben den Lebensumständen dieses bescheidenen und kreuznetten Mannes um sein Fach geht, die theoretische Physik. Ich verstehe kein Wort. Bin aber von seiner gnadenlosen Unverschämtheit fasziniert.
Nein, er hat keine wesentlichen Beiträge zum Bau der Atombombe geleistet, aber den Kühlschrank erfunden. Echt. Aber das ist schon im Grundsatz fehlleitend. Erwähnungen dieser Art, die man dem Ingenieurwesen zuordnen muss, sind dem theoretischen Physiker fremd. Dem Mann ging es nicht um Praktisches; selbst dort, wo er, selten genug, Experimente unternahm, darf man ihm keinen Hang zum Basteln unterstellen.
Nein, er war kein politischer Kopf, wenn man darunter jemanden versteht, der seinen Vorteil in dieser oder jener Angelegenheit sucht. Es gibt pazifistische Aufrufe, aber sie stammen von einem jüdischen Weltgeist, dem jede Kreuzrittermentalität fremd. Einstein war Agnostiker insofern, als er seinen Verstand keinem Glauben opferte. Sein Gospel war: Unbestechlich die Dinge zu Ende denken.
Seine wissenschaftlich produktivsten Jahre hauste er in einer kleinen Stube des langweiligen Bern, und schrieb kurze Aufsätze, deren Gehalt so bombastisch war, dass die Wissenschaft ihnen lange die Anerkennung verweigerte. Die kurzen Schriften dachten Aporien der Physik zu Ende und landeten in einem neuen Weltbild. Licht lässt sich beugen. Höre ich. Kapiere es aber nicht.
So wie Mathematik keine Naturwissenschaft ist, hat Physik nichts Plausibles. Einstein ist, wenn er etwas zu Ende denkt, gnadenlos. Er lässt keine Zufälle zu. Der liebe Gott, glaubt er, zocke nicht: „Die Quantenmechanik ist sehr achtunggebietend. Aber eine innere Stimme sagt mir, daß das noch nicht der wahre Jakob ist. Die Theorie liefert viel, aber dem Geheimnis des Alten bringt sie uns kaum näher. Jedenfalls bin ich überzeugt, daß der Alte nicht würfelt.“
Wer so klar im Kopf wie vor ihm nur Newton und Kant, der ist weltabgewandt. Ich schließe mit einer Episode der eingangs genannten Rezension. Einstein hört von einer Dame deren Sehnsucht nach der Weltstadt Paris. Er antwortet: „I like Paris, but I don't want to go there or anywhere. I should not like to learn a new language. I don't like new food or new clothes. I'm not much with people, and I'm not a family man. I want my peace. I want to know how God created the world. I'm not interested in this or that phenomenon, in the spectrum of this or that element. I want to know His thoughts, the rest are details.“