Logbuch

Ein heute verfemter Dichter, der ein wirkliches Genie des Erzählens war? Ich meine, nicht nur ein Schriftsteller, sondern ein großer ERZÄHLER wirklicher GESCHICHTEN? Ich sammle die Bücher von RUDYARD KIPLING. Als ich das einem Reporter der BBC erzähle, der heute für die FIN TIMES in Frankfurt arbeitet, zuckt der regelrecht zusammen. Er war zuvor in Indien stationiert und weiß zu berichten, dass KIPLING dort verbannt ist. Man versteht politisch gut, warum. Er gilt als Stimme des britischen Kolonialismus über die Kronkolonien des COMMONWEALTH. Eine Geschichte des Imperialismus, als das noch kein Schimpfwort war, und des Rassismus. Ich wage mir gar nicht auszumalen, was die Zerstörungskultur unserer Tage mit ihm machen würde. Er war zwar der jüngste Literaturnobelpreisträger, ein Star Ende des 19., Anfang des 20. Jahrhunderts, aber er atmet den Geist des englischen Gentleman, der vom Exotismus Indiens fasziniert ist, von dem, was er als exotisch empfindet, als fremd, attraktiv und ungeheuer liebenswert. Da mischt sich das englische Internat des von seiner Eltern verlassenen Kindes mit der Liebe der indischen Nanny, der völkerkundliche Beruf des Vaters mit den englischen Freimaurerclubs in Indien, schließlich mit literarischen Ambitionen in den USA, ein Suchender mit ganz nahen Sehnsüchten und tief unzeitgemäßen Gedanken. Seinen Kindern schrieb er wunderbare Erzählungen, am bekannteste das DSCHUNGELBUCH. In der heutigen Londoner Kipling-Gesellschaft, das ist schon wahr, viel Ex-Militär der Empire-Zeit. Irgendeinem Zufall verdanke ich eine zeitlich unbegrenzte Mitgliedschaft. Was ihn literarisch ausmacht: seine Geschichten sind Geschichten, also spannend und begeisternd hell, aber sie bleiben doch am Ende dunkel. Kipling weiß an Geheimnisse zu rühren. Ich werde mal versuchen sein Gedicht von dem GENTLEMAN IN KAHKI zu übersetzen. Oder einen Experten darum bitten. An der Uni in Leipzig sitzt ein Biograf, dem wir eine gut lesbare Lebensgeschichte verdanken. Ja, mit Khaki ist die Uniformfarbe gemeint. Er hielt den Gentleman für ein „very fine example of the ruling races“, eine Verblendung, die heute kaum mehr auszuhalten ist, aber eben Teil jener Historie, die dann auch das putzige Dschungelbuch hervorgebracht hat. Kipling ist wirklich aus seiner Zeit verstehbar, bleibt uns aber fremd; ich glaube, das wollte er schon zu Lebzeiten. Seine Kurzgeschichten sind übrigens besser als seine Romane; die Gedichte zu bemüht.

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Verlust der EMPHASE.

Ich verliere die Fähigkeit, mich grundlos für eine Sache zu begeistern. Von etwas FAN zu sein. Ohne großartige Gründe, rückhaltlos eine Vorliebe zu haben. Nehmen wir FUSSBALL, beziehungsweise Fußballvereine. Da, wo ich herkomme, da war man im tragischen Fall Anhänger von Dortmund, im glücklichen SCHALKE-FAN. „Ob ich verroste, ob ich verkalke, Schalke...“ Nun hat dieser Verein, sagt man mir, seit 24 Spielen nicht mehr gewonnen, seit 24 Spielen in Folge. Das kann schon rein mathematisch kein Zufall mehr sein. Sie leben am Kreisel inzwischen von Staatsknete, die ein prinzipienlose Landesregierung spendiert hat. Ich hatte zudem beruflich mal das Missvergnügen, jemanden zu vertreten, der dort PRÄSIDENT werden wollte; mit dem Angebot von großem Geld, das er dann, oh Wunder, gar nicht haben sollte. Der amtierende Präsident ist der einschlägige Schweinemörder. Ich komme ins Granteln. Jedenfalls bin ich kein Schalke-Mitglied mehr. Selbstverständlich trete ich jetzt keinem anderen Verein mehr bei. Das wäre Verrat. Ich bin bei Fusseck keinen Fan von nix, wie man im Revier sagt. Das gleiche Fass könnte ich bei politischen Parteien aufmachen. Da habe ich auch eine Mitgliedschaft abgelegt, nachdem mich diese Partei weltanschaulichen verlassen hatte. Vergossene Milch. Man gewinnt im Alter „Mitte und Maß“; das gilt als weise; Spaß im alten Sinne macht es eher nicht. Ach, noch einmal, wissen, dass man auf ganz dünnem Eis argumentiert, aber die eigene Sache mit aller Inbrunst verteidigen... Dazu ist man dann leider auch (aus Schaden) zu klug geworden. Ich werde mir etwas neues ausdenken, dass ich mit Leidenschaft vertrete und verteidige. Für das ich die Welt anstecke. Was nur?

07.45h
Nachtrag: Der Metzger-Mogul ist mittlerweile gar nicht mehr Präsident; sorry.

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FEUERWERK zu Sylvester?

Es gibt Fragen, die so belanglos sind, dass man sie niemals durch eine Antwort ehren sollte, auch keine einsilbige.

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DAS ORAKEL DEBAKEL.

Die alten Griechen und Römer wussten sich in den Händen von Göttern aller Art und glaubten die Erfahrung gemacht zu haben, dass mit deren Stimmungslage nicht zu spaßen war. Die übernatürliche Welt war ihnen unheimlich, zumal nicht frei von Zorn und Rache; mit dem Schicksal aus göttlicher Gnade war es daher so eine Sache. Man wollte deshalb ahnen, was von dort drohe.

Nehmen wir das Orakel zu Delphi; hier erklärte eine Dame nach notorischem Drogenkonsum den Willen des Apoll, also höchsten Ratschluss. Das Luder war aber so high, dass sie in Rätseln sprach. Deren Entschlüsselung erwies sich als tückisch. So wurde Krösus offenbart, dass wenn er gegen die Perser zu Krieg zöge und den Grenzfluss überschritte, ein Weltreich untergehe. Das Debakel mit dem Orakel: Es war sein eigenes Reich, das an der Kriegslust verreckte. Das Orakel war wahr, wahrer als er geglaubt hatte. Apoll ist nämlich der Gott der Dichtkunst.

Die Römer hatten einen eigenen Berufsstand in dem, was man heute Politikberatung nennen würde. Diese Experten der Public Affairs hatten sich einen ganz besonderen Modus ausgedacht. Sie untersuchten die Eingeweide von Opfertieren und lasen als zu dem Zustand von Niere, Leber und Milz, ob es günstig sei, einen Krieg vom Zaune zu brechen oder lieber einen diplomatischen Weg zu suchen. Der Eingeweideschauer hieß HARUSPEX. Ein einträgliches Gewerbe, wie heutzutage der Betrieb einer Law Firm oder einer McBusiness-Bude. Die Ratschläge sind über all die Jahrhunderte dunkel geblieben, daran wird künftig auch KI nichts ändern.

Denn selbstverständlich ist das fauler Zauber, war es immer, Volksverarschung. Kann ich das beweisen? Kann ich. Ich finde bei Cicero folgendes Zitat: „Vetus autem illud Catonis admodum scitum est, qui mirari se aiebat, quod non rideret haruspex haruspicem cum vidisset.” Zu gut deutsch: „Berühmt ist Catos geistreiche Bemerkung, er wundere sich schon, dass ein Haruspex nicht lachen müsse, wenn er einem anderen Haruspex begegne.“ Schreibt schon Cicero.

Sage ich doch. Ein Gewerbe der vorsätzlichen Mehrdeutigkeit; die Kunst, Allerweltsweisheiten im Vagen zu wagen. Cato der Ältere hat den Zirkus der PR-Beratung schon immer durchschaut. Solches hörte ich gern von meinem Vers.