Logbuch
STIL.
Mit Umberto Eco trank ich Rotwein aus Plastikbechern. Stillos. Was noch zu ergänzen ist: Das war in seiner Handbibliothek, nicht in der mit den Kostbarkeiten, dazu lud er nicht ein, zumindest nicht mich. Handbibliothek etwa 30.000 Bände, Bibliophiles 10.000. Jetzt aber zu der Leiter. Man erwartet ja edle Hölzer, kunstvolle Schreinerei, filigran Geschnitztes. Ha, ein massiger Metallbock aus Alu-Rohr, grob zusammengeschweißt, plumpe Treppe , ein hässliches Monstrum. Alu lässt sich ohnehin nicht gut schweißen, aber das hier, das ließ mich erschaudern. Immer schon haben wir Teutonen das LAND WO DIE ZITRONEN BLÜHEN idealisiert. Selbst von Goethe auf seiner Italienreise in Venedig weiß man, dass seine GRAND TOUR ihn hier hin führte, weil die Lagunenstadt zu seiner Zeit ein einziges Bordell war; er hat Details in Notizen festgehalten, die ich hier nicht zu wiederholen wage. Von wegen Stil.
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LUXUS, WIRKLICHER.
In einem früheren Leben, man reiste, nahm man die Concorde von Paris nach New York, einen elend engen, aber super schnellen Flieger. Überschall. Sauteuer. Ich meine in einem jüngst früheren Leben. In dem letzten Leben davor, da nahm man einen Dampfer namens QII; benannt nach den Windsors, die eigentlich Deutsche waren. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Also ich sitze ex JFK in dieser Sardinenbüchse und warte auf den Service. Hunger. Man erwartet ja von der Air France zumindest ein gescheites Essen. Was mir bis heute im Kopf steckt, ist das Besteck. Genauer gesagt, wie es eingewickelt war: in Wellpappe, mit einem groben Hanffaden zusammengebunden. Wohlgemerkt, Tafelsilber. Ein klein wenig dekadent, aber schon raffiniert. So geht wirklicher Luxus. Das werden die lauten Russen mit den dicken Dollarbündeln in der Hosentasche nie verstehen. Braune Wellpappe. Unglaublich gut.
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KITSCH.
Des Guten zu viel. Nicht des Schlechten. Was den Kitsch von der Kunst unterscheidet, ist die SPARSAMKEIT großer Kunst. Ich schaue auf dieses alte Gemälde und sehe, wie ein wunderbar vielsagender Gesichtsausdruck mit ganz wenigen Pinselstrichen erreicht wird, einigen Farbklecksen. Beethoven spielt eine Klaviersonate mit zwei gegenläufigen Motiven, zwei, nicht drei. Ich lese dieses Gedicht und bin fasziniert, wie eine Metapher und karge Worte so viel Weisheit einfangen. Das fällt mir ein, als ich einen Fernsehkoch höre, der sich gegen das Drapieren von Tellern mit unzähligem Schnickschnack wehrt; drei Dinge, sagt er, nicht mehr, und die perfekt gemacht. Ein Wiener Schnitzel nimmt Zitrone und Sardelle, allenfalls noch einen Gurkensalat. So wie auf ein Butterbrot von gutem Brot nur eines gehört, gesalzene Butter. Punkt. In einen Kaffee gehört Kaffee und Wasser; der vermeintliche Reichtum der Starbucksschen Zutaten ist albern. An einen Anzug bester Wollstoff, ein ordentlicher Schnitt und allenfalls eine Blume im Revers. Am deutlichsten aber merkt man es an einer Rede. Ein großer Redner ist wortkarg. Niemand konnte das besser als Willy Brandt, der sich selbst die allergrößten Plattitüden noch abrang, als wenn auf einen schnellen Satz die Todesstrafe stünde. Ich erinnere immer, wenn ich etwas aufgehübscht finde, das vernichtende Urteil von Ernst Bloch, der über ein Geschwätz abfällig sagte: „Das häusliche Setzei mit Bratkartoffeln ist hier bis zur Unkenntlichkeit garniert!“ Welch ein Wort.
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VERTRAUEN.
Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.
Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.
Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.
Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“
Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.