Logbuch
SOUND OF THE CITY.
Der Vielreisende erkennt die Metropole, in der er gerade wach wird, an den Sirenen der Polizeifahrzeuge. Londons Hyde Park Corner ist da besonders nervig. Eigentlich waren Sirenen weibliche Sagenwesen, die liebeslüsterne Seeleute zu betören wussten.
Die Unfallhäufigkeit in der französischen Montanindustrie war so hoch, dass ein Ingenieur ein Signal erfand, mit dem die Arbeiter vor Gefahr gewarnt werden sollten. Da er sich in der griechischen Sagenwelt auskannte, nannte er seine Nervensäge „Sirene“.
Die Seefahrt war von alters her durch Langeweile geprägt. Während die Seeleute, nach Verabreichung einer Kelle Rum, bei Flaute unterernährt und von Skorbut gezeichnet in der Sonne brieten, ging die Fantasie mit ihnen durch. Sie sahen zwischen Nebel und Gicht hochattraktive weibliche Wesen, die sie mit zarten Gesängen ins Verderben lockten. Das aus dem Wahnsinn geborene Vergnügen sollte tragisch, nämlich als Fischfutter enden.
Einer allerdings war schlauer. Der listenreiche Odysseus ließ sich von seiner Mannschaft an den Mast fesseln, um zwar den Gesang der Sirenen hören zu können, aber der Versuchung nicht folgen zu müssen. Zurecht gilt Odysseus deshalb als der Erfinder von „Safer Sex“.
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WELTREICH.
Die Engländer hatten eines. Dass Deutschland ein Weltreich werden könne, der Wahn hat nur zwölf Jahre gehalten. Ob Europa das noch schafft, ist zweifelhaft. Warum aber das alte Rom? Trotz BROT & SPIELE.
Der Aufstieg und Fall des RÖMISCHEN REICHES beschäftigt bis heute die Gemüter. Mich seit Sonntag. Der Stadtstaat reichte mal über alle bekannten Kulturen und Religionen des Westens, vom Schwarzen Meer über den gesamten Mittelmeerraum bis nach Schottland. Gestern ging ich spazieren und stoße im Wald auf den LIMES, die Außengrenze, gleich hier, bei mir um die Ecke. Auf der einen Seite die Biertrinker, Barbaren genannt, auf der anderen die Weintrinker, also die Kulturvölker. Rom hatte alles. Eine tolle Rechtsordnung. Aufgeklärtes Denken. Perfekte Grenzen, ausgezeichnete Straßen, saubere Versorgung mit Frischwasser. Glasfaser noch nicht, aber wird ja jetzt nachgeholt.
Der Historiker Alexander Demandt hat 1984 mal alle bis dahin genannten Gründe für den Untergang Roms aufgelistet; es waren 210. Jetzt müsste man heutzutage noch den menschengemachten Klimawandel und die ungerechte Sprache im Geschlechtlichen hinzufügen; die Grammatik der Römer war nämlich nicht „woke.“ Ich hab mir das mit den Gründen des Niedergangs mal angeschaut. Christen fanden, dass die Muslims Schuld waren. Rassisten hatten die Afrikaner im Verdacht. Autochthone die Völkerwanderungen. Die Subsidiären die Größe des Reichs. Die Harten die Verweichlichung. Die Italiener die Goten, wenn nicht die Vandalen, die 455 n. Chr. einfielen. Ja, und dann die Horden der Hunnen … Oder die Importabhängigkeit von Weizen aus den entlegenen Provinzen. Wein gab es vor Ort, wo die Sonne es eben hergab. Aber die Kornkammern erforderten ein riesiges Militär. Man brauchte den Weizen aus aller Welt für BROT & SPIELE. Hätte Rom sich glutenfrei ernährt, es stünde heute noch. Meine Meinung.
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CANCEL CULTURE.
Singapur steht zu seinem britischen Gründer Thomas Raffles. Er gibt Plätzen wie Schulen nach wie vor seinen Namen. Und steht im Hafen als Denkmal. Und natürlich das Hotel!
Mit diesem Kolonialen können nur die Engländer etwas anfangen. Zu den besten Hotels der Welt soll das örtliche RAFFLES mal gehört haben. Ich war da immer anderer Meinung, jetzt aber gehört es zum französischen Accor-Konzern und ist wie alle anderen Sofitels auch. Aber es gibt Drinks und Gespräche auf zweieinhalb Meter Abstand. Ich rede mit einem Michael Barr; als es uns zu albern wird, uns zuzurufen, beschließen wir miteinander im gleichen Raum zu telefonieren. Er vorne aus dem Sessel am Fenster, ich weiter hinten aus der Sitzgruppe, jeweils mit Headset. Wir prosten uns zu. Der Barkeeper beömmelt sich, als er das mitkriegt. Aber er sorgt brav für Scotch und Mandeln „for the singtel-boozing“ (zu Deutsch: Telekom-Saufen oder Vodafon-Picheln).
Singapur ist ein gutes Beispiel für liberalen KORPORATIVISMUS, obwohl eigentlich ein Freihandelsparadies für Opium und Gummi. Früher mal. Heute Wohlfahrtsstaat. 85% des Grundes sei in öffentlichem Eigentum und 80% der Bevölkerung lebe im „public housing“, erzählt Michael. Hongkong sei im Vergleich dazu inzwischen eine abgehängte alte Dame. Dann kommt das Gespräch auf junge Damen und deren Vorliebe für Handtaschen von Gucci. Ach, Michael. Es zieht mich an die frische Luft.
Vor der Tür rede ich mit Joe, dem guten Geist des Hauses. Ich könne mir gar nicht vorstellen, plaudert der Doorman, ein stattlicher Sikh, wie die Lounge am 22. August 1945 ausgesehen habe. „Total mess, Sir!“ Der Anführer der japanischen Besatzer, ein General Itagaki, habe öffentlich von „surrender“ gesprochen, worauf sich dreihundert japanische Offiziere umgehend in den Kopf, jeder in seinen, geschossen hätten. Ich frage nach: 300? Na, ja, nicht alle in der Lounge, einige auch im Garten. Aber es sei ein ziemliches Desaster gewesen. Das ist aber doch 76 Jahre her; woher will er das wissen? Ich glaube, er erzählt mir das, weil er mitgekriegt hat, dass ich Deutscher bin. Man entgeht dem nicht in Südostasien; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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VERTRAUEN.
Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.
Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.
Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.
Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“
Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.