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MEISTERSCHAFT.

Ich habe keine Ahnung von Fußball, aber die Spanier haben verdient gewonnen. Klar die bessere Mannschaft. Deutschland hat sich als Gastgeber blamiert; Stichwort Ausbuhen des Wischmobs wg. ungepfiffenem Handspiel. Das alles haben die zwölf Jungens aus Luton, England, nicht mehr so richtig mitgekriegt. Ein Sittengemälde.

Man war in der Gruppe angereist, obwohl keine Karten. Schwarzmarktpreise schon im Bereich eines Mittelklassewagens. Knapp noch ein Hotelzimmer in Moabit gefunden. Genau gesagt drei. Zu zwölft. Man fühlt sich in Moabit heimisch, wenn man aus Luton kommt. Das ist aber, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich traf die Jungs morgens um 11 im Kleinen Tiergarten, bewaffnet mit Six Packs Dosenbier. Man fragt mich nach Nachschub. Ich empfehle DIE QUELLE. Nachmittags um 6 laufe ich da zufällig lang und werde wiedererkannt. Man lässt mich hochleben. So was haben die Jungs noch nie erlebt. Wie ich mit diesem Luxus leben könnte.

Nun, die QUELLE, das ist eine Absackerkneipe aus dem SCHULTHEISS-Imperium, die immer auf hat. 24/7, schlicht immer. Ich bin hier schon morgens um 6 vorbei gekommen und der Laden war voll. Man weiß nicht, ob er morgens „schon“ voll ist oder „noch“. Wer aus dem Land der strikten Barregeln kommt („last calls“) kann sein Glück nicht fassen. Ein Pub, der immer auf hat; das gilt es auszunutzen.

Die Jungs aus Luton haben nächtens ihre drei Zimmer nicht gebraucht, weil sie auf der Wiese im Tiergarten ausgepennt haben. Ich bin mir nicht sicher, ob sie wissen, wer die Meisterschaft gewonnen hat.

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BEOBACHTUNG ZWEITER ORDNUNG.

Gegenstand der Presse, wenn wir mal alle redaktionellen Medien unter dem alten Begriff zusammenfassen, sollte die Frage danach sein, was andernorts wirklich passiert ist. Das ist die Hoffnung, die man an eine Aussage richtet, die als FAKT gelten will. Eine Tatsachenbehauptung, die dem Mittel des Beweises zugänglich ist.

Der Laie glaubt, das sei kein Problem, no big deal; ich widerspreche, es ist das Ergebnis sehr genauer Beobachtung. Und wer wissen will, was wirklich war, der beobachtet auch die Beobachter. Erst die BEOBACHTUNG ZWEITER ORDNUNG erschließt vieles. Man nennt das Wissenschaft, die Fähigkeit aus der Beobachtung der Beobachter auf die Wirklichkeit schließen zu können.

Das ist ja das Elend der Positivisten, dass sie glotzend glauben ihren Augen trauen zu können. Aber doch wohl nicht im Kino! Die Welt auf der Leinwand, liebe Freunde, ist ein Film. Da hat jemand Regie geführt. Das wirkliche Leben findet sich bestenfalls im Foyer. Meist aber vor dem Theater, während drinnen die Traumfabrik unterhält. Was war wirklich? Wem nützt es? Wer zeigt sich überbegeistert?

Nebenbemerkung: Presse hat keine „Mission Wahrheit“; das ist Weg und Ziel von Propaganda, die Zweifelnden über eine höhere Wahrheit unterrichten zu wollen. Wenn überhaupt religiöser Eifer („Mission“), dann danach, was in Wirklichkeit wirklich geschehen ist. Geläutert durch den bloßen Anschein, die eitle Evidenz, fragt der Zweifler unermüdlich nach Hintergründen; er beobachtet vor allem die Beobachter.

Der Kluge weiß, dass er bei Medien in ein Schaufenster blickt, das vorgibt ein Fenster zu sein. Wir schauen nicht ins Leben auf ein wirkliches Ereignis, wenn wir staunend vor dem Schaufenster stehen. Wir stehen vor einem Laden. Dem Laden von jemanden.  Hier will jemand etwas verkaufen. Klar?

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WELTTHEATER.

Wenn die Welt ein Theater ist, so sitzen wir also im Parkett oder der Loge und dürfen entscheiden, ob uns gefällt, was da auf der Bühne gegeben wird. Applaus ist möglich, aber auch der Buh-Ruf. Mir ist nach letzterem. Mir ist nicht wohl in meiner Loge.

Es wird wieder, schinderassa bumm, das alte Militärstück gespielt, das eine AUFRÜSTUNG als Notwehr inszeniert. Man gibt diesem Säbelrasseln den Titel NACHRÜSTUNG, weil ihr defensiver Charakter deutlich werden soll. Vielleicht ist das ja so, dass die neuen Raketen meiner Verteidigung dienen. Mich wundert aber das Halleluja der Grünen; aber es zeigt wohl nur, dass sie nicht mehr der Linken zuzurechnen sind. Aus der Kulisse werden Raketen auf die Bühne geschoben. Der Vorhang zu und wir sehen betroffen: alle Fragen offen.

Das zu der Frage: „Was wird hier eigentlich gespielt?“ Keine ganz unwesentliche, im Welttheater. Dann gibt es das Senioritätsproblem. Weise Greise. Wir sehen sehr bekannte Staatsschauspieler, die bei aller Würde im Habitus leider nicht mehr ganz textfest sind. Vom Bühnenrand hilft aus ihrem verborgenen Kasten die Souffleuse, wenn selbst das Ablesen des Textes vom Teleprompter nicht mehr klappt. Wir im Parkett wissen nicht, ob wir dem greisen Mimen gegenüber höflich zu sein haben oder zu erkennen geben sollen, dass er sich zum Narren macht. Wieder wird gegeben: DES KAISERS NEUE KLEIDER.

Dann die eklatanten Fehlbesetzungen. Es kommt im „theatrum mundi“ vor, dass die Schauspielerinnen ihrer Rolle nicht so ganz gewachsen sind und sie in unfreiwilliger Komik chargieren. So verkündete gerade die Bundesministerin für das Äußere, sie werde demnächst nicht als Kanzlerin antreten. Ich war auf meinem Logenplatz echt verdutzt. Wenn Du schon froh bist, wenn sie nicht wieder vom „Schinken der Hoffnung“ faselt oder die Barbie gibt, dann dieser Verzicht, dessen Kern eine Anmaßung obszönen Ausmaßes ist. Selbsternannte Aufsteiger: DER BÜRGER ALS EDELMANN.

Die schwerwiegendste Erkenntnis des Theaterabends aber ist eigentlich eine banale: Die Herrschaften spielen nur ein Stück, das ganz jemand anderes geschrieben hat. Der wahre Autor aber betritt die Bühne nicht. Er lässt spielen. Wenn wir ihn kennten, wüssten wir, was hier gespielt wird. Das ist aber nicht unsere Rolle. Wir sind nur die Claqueure, bestellt und bezahlt, um Beifall zu klatschen.

Leider ist aber diese Posse da auf den Brettern, die die Welt bedeuten, unser Leben.

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VERTRAUEN.

Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.

Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.

Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.

Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“

Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.