Logbuch
WENN VASALLEN WAS WOLLEN.
Während die Welt sich so sehr über die feudalen Freiheiten des amerikanischen Lehnsherren empört, studiere ich weitere Cicero in seinen Betrachtungen des gescheiterten Vasallen Ianus Frusta. Wir hatten gestern notiert, dass es wichtig für Ritter im Vasallentum ist, den Moment nicht zu verpassen, von dem an es dem Lehnsherren nicht mehr um Krieg, sondern um Geschäfte geht. Der böse Krieg im Kolonialen wird irgendwann zum guten Kaufmann, der das blutige Eisen zu Gold machen will.
In der Moderne, also nach Kopernikus, hat man nach dessen Weltbild den Begriff der Satellitenstaaten geprägt. Irreführend. Das unterstellt eine Naturgesetzlichkeit, die Gravitation, nach der eine natürliche Ordnung der sich umkreisenden Sterne gebaut ist, in der die kleinen Sterne die großen umlaufen; Satelliten halt. Die Natur der Dinge. Das ist falsch, weil unhistorisch.
Wir kennen eben auch den Wechsel des Hegemon wie die Konkurrenz der Lehnsherren untereinander. Das Römische Reich weicht irgendwann dem Osmanischen. Oder Indien verabschiedet sich aus dem britischen Commonwealth. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Der kluge Cicero lehrt uns, dass Vasallentum ein Bündnis auf Zeit ist. Es erlischt ohnehin mit dem Tod der natürlichen Person. Aber auch ansonsten gilt, dass Lehnsherren die Lust verlieren oder auch Vasallen sich selbst freisagen können. Die Demokratie ist Vertragsfreiheit, mit den jeweils Herrschenden jeweils auf Zeit. Das ist die Magie des Vertrages, die Tinte wird trocken. Ja, Verträge sind zu erfüllen (pacta servanda), aber man kann sie eben auch kündigen.
Ob die EU ein desolater Haufen von wandelmütigen Vasallen wird, von denen einzelne Länder mit dem Gedanken eines russischen Lehnsherren spielen, entscheidet sich im Europäischen Rat, also bei den Ländern selbst. Ich wäre zum Beispiel dafür, Ungarn rauszuwerfen, die Tommys wieder rein. Der amtierende US-Präsident hat die EU als ein Projekt bezeichnet, dass darauf abgelegt sei, ich zitiere, „to screw the US“. Meine Erziehung verbietet es mir auszuformulieren, was „screwing“ wohl im Umgangssprachlichen meint. Cicero jedenfalls meidet jede Symbolik vulgärer Bezüge. Er ist ein Kontraktualist; er glaubt stur an Verträge und politischen Gestaltungswillen. Das sollen Vasallen wollen.
Wem das zu düster als Lebensphilosophie ist, dem sei zum Schluss ein fröhlicher Shakespeare geschenkt, sagen wir, weil Sonntag ist: „Life is but a walking shadow, a poor player that struts and frets his hour upon the stage, and then is heard no more. It is a tale told by an idiot, full of sound and fury, signifying nothing." Denn was Vasallen jetzt wirklich wollen, das sind Eier mit Speck! Und starken Kaffee.
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WIEDER WAS GELERNT.
Unter meinen Büchern, die ohne jede Ordnung die Regale füllen (Bibliothek kann man das nicht nennen), sind auch unbekannter Herkunft beträchtliche Bestände der Geschichtswissenschaft, die ernsthaft zu studieren mir immer die Muße fehlte. Lese dort zufällig über den römischen Vasallen Inanis Frusta. Cicero räumt zwar ein, dass er ein Bürger Roms („civis romanus“) war, hält ihn aber für einen politischen Idioten; schlecht gekleidet zudem.
Ein Vasall war im Alten Rom ein freier Mann (kein Knecht oder gar Sklave), der mit seinem Lehnsherren ein Rechtsgeschäft vereinbart hatte. Er, der Vasall, bekam zu seinem persönlichen Vorteil ein Lehen geliehen (pun intended); sagen wir die Schätze der Provinz am fernen Schwarzen Nil. Dafür hatte er dem Herren militärische Unterstützung zu liefern, wenn dieser sie brauchte. So weit, so gut. Oder „do ut dez“, wie man damals sagte, „ich gebe, damit du gibst“. Hat bis ins Mittelalter gehalten.
Jetzt kommen wir mit Ciceros Hilfe zum Kleingedruckten. Der Vasallenpflicht oblag „auxilium et consilium“, sprich HILFE & RAT. Im Zweiten schlummert die Falle. Der unglückliche Inanis Frusta hatte es für angebracht gehalten, diesen Rat seinem Herren auf dem Capitol ungefragt zu erteilen, alle Senatoren zuhörend und viel Volks. Es ging ihm um Krieg in den Provinzen. So was wie den dritten Punischen. Sein Lehnsherr war aber schon ein Schritt weiter und jetzt auf Geschäfte aus. Zudem war der Vasall für‘s Capitol zu schlecht gekleidet.
Cicero schiebt den protokollarischen Lapsus darauf, dass der Vasall in seiner Heimat der Herkunft nach eigentlich Komödiant war. Nun, trotzdem ging es tragisch aus. Cicero lakonisch: „historia docet“. Meint, die Geschichte lernt einen was.
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JETZT MAL WAS KONSTRUKTIVES.
Ein Freund fordert mich zu positiver Utopie auf. Man solle darauf achten, in all der Polemik über Politisches nicht selbst zur toxischen Persönlichkeit zu werden. Da ist was dran. Ein kluger Publizist nennt das Logbuch gelegentlich gar „gallig“; weniger Galle und mehr Gemüt? Geht das?
Mir hängt ohnehin ein DICHTERWORT nach, dass davor warnt, sich dem Zorn auf die Zeiten zu ergeben. Es stammt von dem ins Exil gezwungenen Brecht, mit dessen Schicksal man sich nicht vergleichen will; aber umso ernster vielleicht seine Warnung an die Nachgeborenen: „Gingen wir doch, öfter als die Schuhe die Länder wechselnd Durch die Kriege der Klassen, verzweifelt Wenn da nur Unrecht war und keine Empörung. Dabei wissen wir doch: Auch der Haß gegen die Niedrigkeit verzerrt die Züge. Auch der Zorn über das Unrecht Macht die Stimme heiser.“
Brecht hat sich mehr FREUNDLICHKEIT in der Welt gewünscht. Man kann sich aber nicht vorstellen, dass dies auf Kosten der Ehrlichkeit gehen sollte. Wie also finden wir in all dem Hohn zu mehr Heiterkeit? Und zu Freundschaftsdiensten? Macht man sich damit nicht zum Idioten? Das Übelste, was einem Kabarettisten passieren kann, ist für einen Humoristen gehalten zu werden.
Da ist noch was; Brecht nennt den Zweiten Weltkrieg einen „Krieg der Klassen“. Da spricht der Marxist aus ihm. Ich habe recht genau studiert, was er sich da so angelesen hat. Darauf liegt ja nun wirklich mittlerweile die Patina der Zeit. Nichts, was der Vulgärmarxismus so vorträgt, sagen wir zum Thema Kolonialismus, ist ja noch geeignet, die Welt zu erklären. Stichwort Seltene Erden in anderer Herren Länder. Es geht schon wieder los. Das ist wieder gallig, obwohl es gemütvoll sein sollte.
Meine Feder taugt nicht für‘s Freundliche. Ein galliger Ghostwriter. Ich sollte Gastwirt werden oder Gärtner.
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VERTRAUEN.
Man muss seinen Freunden trauen können, seiner Familie, seinen Herzallerliebsten. Sonst wird man wahnsinnig. Die Menschwerdung des Affen vollzieht sich in dem Maße, wie aus dem Rudel eine Familie wird. Deren Treibstoff ist Vertrauen. Wer das verwirkt, endet einsam.
Wenn allerdings Politiker Vertrauen fordern, ist Wachsamkeit angebracht. Wenn sie sagen, dass Vertrauen ein hohes Gut sei und nicht gefährdet werden dürfe, ist das ein Zeichen des Alarms. In allen modernen Menschen, auch denen reinen Herzens, schlummert irgendwo das Lenin-Wort, nach dem Vertrauen gut, aber Kontrolle besser sei. Dieser Leitsatz jedweder Diktatur ist ein Vorsatz, dessen Erfolg höchst ungewiss ist. Vielleicht kann ein autoritärer Staat seine Bürger vollständig kontrollieren; vielleicht. Aber wir, die Beherrschten, können nicht alles und jedes genau in Augenschein nehmen. Auf bestimmte Dinge muss man blind vertrauen können, sonst wird man irre.
Genau das ist der Ort der Kleingruppe namens FAMILIE. Es ist gänzlich unerheblich, ob eine väterliche Linie sie bildet oder eine mütterliche; man kann über Abstammung zueinander gefunden haben oder Zuneigung oder Zufall. Den Nukleus der Vertrauensgemeinschaft bildet die Mutter-Kind-Beziehung, die auf Schwangerschaft und Geburt beruht. Elternschaft ist eine elementare, aber generationsübergreifende Aufgabe. Freilich muss man auch loslassen können. In vielen anderen Lebensformen bilden sich Familien als Kleingruppen der Nähe, sprich der Vertrautheit. Das nämlich ist die Basis von Vertrauen.
Der Soziologe Luhmann nennt Vertrauen eine Reduktion von Komplexität, ohne die soziale Systeme nicht funktionieren könnten. Ich habe dem den Hinweis hinzugefügt, dass Vertrauen stets vorwegnehmend ist; man unterstellt wechselseitig eine erwartbare Reaktion. In alter Redeweise: Man ist präsumptuös. Dazu Goethe: „Ich habe niemals einen präsumptuöseren Menschen gekannt als mich selbst. Und daß ich das sage, zeigt schon, daß wahr ist, was ich sage. Niemals glaubte ich, daß etwas zu erreichen wäre; immer dachte ich, ich hätt’ es schon. Man hätte mir eine Krone aufsetzen können, und ich hätte gedacht: Das versteht sich von selbst.“
Ein Großmaul der Johann Wolfgang. Er fährt fort: „Und doch war ich gerade dadurch nur ein Mensch wie andre. Aber daß ich das über meine Kräfte Ergriffene durchzuarbeiten, das über mein Verdienst Erhaltene zu verdienen suchte, dadurch unterschied ich mich bloß von einem wahrhaft Wahnsinnigen.“ Welch ein Wort.