Logbuch
DER BRIEF.
In den Annalen liest man, dass sich der zwanzigste Todestag von Johannes Rau jähre. Bruder Johannes. Ich war ein blutjunger Ghostwriter und wurde ihm auf einer Feier von meinem Arbeitsdirektor mit den Worten vorgestellt, dass ich die Edelfeder sei, die die damalige Festrede verzapft habe. Und in der bruchlosen Routine des Berufspolitikers sagt Bruder Johannes zu mir: „Ach, Du bist das! Viel Gutes über Dich gehört.“
Das war schlank gelogen, imponiert mir aber immer noch, nach einem halben Jahrhundert. Rau war ein Seelenfänger. Zu meinem nächsten Geburtstag erhielt ich aus der Staatskanzlei einen handgeschriebenen Brief von dem MP, alle Achtung. An meine Privatadresse. In Tinte. So was muss man können, als persönliche Einstellung und als behördliche Routine. Er soll das immer so gemacht haben; die Wähler bewahrten die Tintenwunder wie Reliquien auf.
Rau hatte, wie alle Protestanten, auch seine Untiefen („Im Stillen Gutes schaffen.“), er konnte aber verzaubern. Nicht im Bösen, zu dem billigen Hass der Populisten, sondern in der Zuwendung zum Leben. Wie der Nazarener, den er auf seinem Grabstein zitieren lässt. PR-Profis unter sich.
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HEISSER HUND.
Im Alten Rom hießen die Straßenumzüge, mit denen man sich in Rudeln zum Circus Maximus begab, POMPA, wohl weil ziemlich pompös. Diesen Brauch hat sich der Katholizismus für FRONLEICHNAM aufgehoben, jenem Festtag der PROZESSIONEN, in denen die Eucharistie gefeiert wird; was etwas komplizierter ist als die Verfütterung von Gladiatoren an wilde Tiere. Es geht um die religiöse Vorstellung, dass der Leichnam des Fronherren gegenwärtig sei, wenn man eine Hostie verzehrt und ein Schluck Wein getrunken wird, während ein Glöckchen bimmelt. Dann wandelt sich Brot und Wein in die Leiche und das Blut des Herrn. Er gilt damit als körperlich anwesend.
Mir war das beides fern, Brot & Spiele wie der Mythos des Abendmahls, bis ich jetzt am Samstag an einer veritablen Prozession teilgenommen habe. Alter Schwede, im Wortsinn, alter Schwede, ich war auf einen Sonnabend in Berlin bei IKEA. Erregte Menschenmassen schoben sich durch die Gänge, bewehrt mit großen Einkaufskarren und in einer ernsthaft entschlossenen Prozession, die mich erst faszinierte, dann beklemmte. Obwohl die Laufrichtung durch Pfeile am Boden vorgegeben und das Ritual klar. Man belädt sich mit Kitsch aus der Tiefe Asiens, der schwedische Namen trägt und zur Verhübschung des eigenen Haushalts dient. Alles unnütz, aber zur Ehre der Heiligen Pippi Langstrumpf.
Es pressen sich die Menschen durch die Möbelausstellung und die nachgeordneten Lagerräume wie Brät durch den Schafsdarm, eine zur Wurst vereinte Masse, bestehend aus Kleinfamilien aller Herrenländer in unterschiedlichen Stadien der Assimilation, alle willig, ihr häusliches Leben durch Beutel mit 100 Teelichtern zu bereichern. Ich strande an einer Kasse ohne Kassiererin und werde angehalten, meine Ware selbst zu scannen, etwas, das ich im Baumarkt bisher renitent verweigert habe. Es hilft mir dabei eine IKEA-Dame mittleren Alters, mit der ich, nicht dass ich mich erinnern könnte, schon mal in der Kiste gewesen sein muss; sie duzt mich.
Dann die Wandlung. Ich darf ein Würstchen mit Gurkenscheiben belegen, Mayo und Ketchup sowie Röstzwiebeln und dann damit meine Jacke versauen, während mich wieder das Parkhaus aufnimmt und ich in die profane Freiheit entfliehe. Alles, was Theodor W. Rottweiler alias Wiesengrund über den Konsumterror geschrieben hat, ist richtig. Einschließlich der Erlösung, hier durch Röd Pölser, eine Eucharistie namens Billy.
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GEWISSEN & WISSEN.
Der Abgeordnete im deutschen Parlament ist nur seinem Gewissen verantwortlich und an keinerlei Weisungen gebunden. Die Abgeordnete auch. Ein Eckstein der Demokratie. Woher weiß die Weltweise aus Wuppertal oder gar der Depp aus Oer-Erkenschwick aber was Sache ist? In einer Zeit ausgebreiteten Aberglaubens? Keine unwesentliche Frage.
Ein besonderer Lobbyeinfluss besteht darin, dass das unmittelbare Umfeld des MdB aus Jobbern besteht, die dem ideologischen Umfeld des Themas entstammen. Ich habe vor Jahren mal Kontakt zu einer Mitarbeiterin einer Abgeordneten, die ihre MdB und mich über Fragen gesunder Ernährung belehrte. Im Brustton höherer Wahrheiten. Die junge Frau war vor ihrer Tätigkeit im Bundestag zwei Jahre bei „Food Watch“, der grünen Lebensmittelwacht. Ihre Expertise entstammte ansonsten der Grundlage eines abgebrochenen Studiums der Theaterpädagogik an einer praxisorientierten Flachhochschule. Drei Semester Rollenspiel für höhere Töchter. Dann NGO, jetzt fachliche Zuschlägerin der Volksdeputierten.
Ich halte viel von der ärztlichen Ethik. Was sich da über Jahrhunderte formulierte, das ist klug, weil demütig. Das Motto lautet: „Noli nocere!“ Zu deutsch: Zumindest nicht schaden. Das ist eine Gewissensnorm, die mir imponiert. Die drückt Achtung vor dem Leben aus und ein kritisches Verhältnis zum Fach. Da lege ich mich unter‘s Skalpell, weil vertrauenswürdig.
Die Grundgewissheit darüber, was nicht schadet, vielleicht sogar nützt, ist seit Corona und der Debatte um die Impfpflicht erschüttert. Die Medizin hat die Selbstverständlichkeit ihrer Legitimation verloren. Keine Halbgötter mehr in den weißen Kitteln. Regelrechte Scharlatane sind an der Macht; man blicke nach Amerika. Corona hat offenbar bei ganzen Milieus zu bleibenden Schäden in der Birne geführt.
Zeit, sich ehrlich zu machen. Ich bin geimpft und halte eine Impfpflicht für epidemiologisch zu verantworten. Weiß ich das sicher? Nein. Vertraue ich Big Pharma? Wenn es große und börsennotierte Aktiengesellschaften sind, ja. Die scheuen Risiken, die sie ruinieren könnten. Weiß ich medizinisch mehr als andere? Oh, nein. Ich hoffe halt, dass man mir nicht schaden will. Weil das als Idee ein schlechtes Geschäft wäre, jedenfalls kein Modell für ein gutes.
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ORIGINAL GENIE.
Wenn sich Gelehrte zu klassifizieren suchen, fällt gelegentlich der Begriff des Lektürevorsprungs. Ich sage mal für mein Fach, die Geistes- und Sozialwissenschaften, man kann nicht mehr gelesen haben als Sloterdijk und kaum weniger als Precht. Kennzeichen der Doofen war früher die recht schmale Handbibliothek. Ich gehöre eher zu Klasse derer, die Inhalte schon durch Handauflegen auf den Buchdeckel erahnen; ich muss mich nicht von Seite zu Seite zu Seite quälen.
Man kann nicht alles gelesen haben, was die Weltliteratur so ausmacht. Aber man will gleichwohl den Eindruck erwecken. Heute mag das mittels KI möglich sein, in der grauen Vorzeit aber, in der ich studierte und nach fünf, sechs Semestern fertig war (ich erhielt trotzdem, was ich selten erwähne, eine Urkunde wg. bester Diss des Jahrgangs), da war eine einzelne Anschaffung der Sprung nach vorne. Für einen stattlichen Betrag von dem Salär aus dem Job in den Semesterferien erwarb ich Kindlers Literatur Lexikon.
Zwanzig dicke Schinken. Da steht dann anderthalb Meter Bücher im Regal, in dem 13.000 Werke der Weltliteratur von 1600 Fachautoren unter Anleitung von 75 Herausgebern besprochen sind, eine Lektürestrecke, die, wenn, was schon ehrgeizig, vier Werke pro Tag verschlungen, man zehn Jahre in der Bibliothek verbracht hätte. Ununterbrochen. Jetzt ein Griff, etwas blättern und schon schlau. Das war für mich, den ehrgeizigen Germanisten ein Quantensprung.
Und ich erinnere noch das Wort eines neidischen Kommilitonen, der abfällig feststellte, dass damit die Entwertung des Wissens einsetze. Dass wiederum ist eine moderne Debatte. Setzt mit KI eine Inflation des Wissens ein? Nein. Es verkürzt sich nur radikal die raumzeitliche Verfügbarkeit. Ich muss nicht mehr auf einem Esel über die Alpen, um für meine Studien in Canterbury ein italienisches Kloster aufzusuchen, wo finstre Mönche einen Aristoteles versteckt haben. Es reichen 22,99 € für Dschätt-Dschi-Pi-Dieh.
Man kann schneller schlau sein. Und nachhaltiger dumm. Denn der Automat spiegelt nur Häufigkeit. Das reicht meist, aber ist, obwohl schnell und weitläufig, noch kein Genie. Dazu sagt der Apparat: „Ein Originalgenie ist ein schöpferischer Mensch, dessen künstlerische Leistung aus seiner einzigartigen, angeborenen Begabung hervorgeht und sich nicht an vorgegebene Regeln oder Vorbilder bindet.“ Na ja, angeboren ist das nicht. Unsinn. Der Witz des Genies, sein Esprit, ist aus dem Gemüt gemacht, das an einer Mutterbrust wächst. Dumm, wer frei davon.