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FÜHRUNG.

In Deutschland ein schwieriges Wort, weil es mal DEN Führer gab. Was ist gute Führung? Die nächste Verirrung. Gute Führung ist eine Eigenschaft der Geführten, meint meist Gehorsam. Zu meiner Schulzeit spielten Führungsnoten im Zeugnis noch eine Rolle. Mein Hang zu ironischen Kommentaren bescherte mir in Klasse 9 (Obersecunda?) das Verdikt: „Kocks stört den Unterricht.“ Bis heute bin ich meinen Eltern dankbar, dass sie im Streit mit dieser nervlich überforderten, humorlosen Ziege von Studienrätin (Frau Doktor G.) zu mir gehalten haben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte. Es ging mir eigentlich um Führung im Unternehmen. Ich hatte in der Industrie viele Chefs, zwei, drei merkwürdige. Von einem der ganz Charismatischen (na ja) stammt die Drittel-Regel. Ein Drittel der Zeit sei der SACHE geschuldet. So seine ständige Rede. Ein Drittel der STIMMUNG. Damit waren dann die Mitarbeiter und Kunden und Lieferanten gemeint, denen er sich emotional (na ja) zuwandte. Das letzte Drittel galt der Kollegenschaft. Da spielten die SACHE oder die STIMMUNG eine eher untergeordnete Rolle. Seine Worte waren: „Die müssen jeden Morgen neu lernen, wo Gott wohnt.“ Das war natürlich nur im Scherz so gesagt; er wusste schon, dass er nicht Gott ist. Obwohl, wenn ich so nachdenke... Für PETRUS hielt er sich schon, hätte er sich gehalten, wenn er gewusst hätte, wer das ist. Mir hat er mal gesagt, man müsse jeden Monat einmal die Guillotine in den Hof rollen und einen Unschuldigen köpfen. „Wenn Du einen Schuldigen köpfst, verstehen das alle. Das hat so gut wie keine Wirkung. Einen Unschuldigen muss es erwischen, dann werden sie wach!“ In der Verhaltenspsychologie spricht man von „intermittierender Verstärkung“: Mal loben, mal tadeln, aber nie eine Regel erkennen lassen, welches von beidem zu erwarten ist. In der Hundeschule von RTL raten die Experten etwas anderes, aber Kollegen sind ja keine Hunde. Oder, wie hieß es in WALL STREET, diesem wunderbaren Film um einen Investmentbanker? „Wenn Du einen FREUND brauchst, kauf Dir einen Hund.“ Will sagen: Das entscheidende bei der Drittel-Regel ist, dass man die Drittel nicht durcheinander bringt. Dienst ist Dienst, Schnaps ist Schnaps. Oder (im sanftem Ton einer tiefen italoamerikanischen Stimme): „Ist nichts Privates, nur Geschäft.“

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KAUM ZU GLAUBEN.

Aber wahr. Ein Paradox. Ich verstehe die Impfgegner, bin aber keiner. Im Gegenteil. Übrigens, das Wort Vakzine kommt von „vacca“, lateinisch für KUH. Als man die BLATTERN oder POCKEN auszurotten begann, nutzte man eine Volksweisheit der jungen Frauen auf den Melkschemeln. Die Milchmädchen in Wales wussten, dass eine Infektion mit den Kuhpocken vor den tödlichen Menschenpocken schützte. Ähnliches vernahm man von der vermeintlich primitiven Medizin bei den sogenannten Primitiven in Afrika. Das ist KONTRA-INTUITIVES Wissen; abergläubischen Menschen gehen solche Paradoxien leichter durch den Hals: Infiziere Dich vorsätzlich, um Deinen Körper gewappnet zu wissen. Man kann also Immunabwehr trainieren. Erstaunlich. Ich nehme im Moment bei meinem Doc alles, was ich kriege: Wundstarrkrampf, Gürtelrose, Lungenentzündung. Im dreiwöchigen Rhythmus. Irgendwann dann wohl auch das Corona-Zeug. Mein alter Herr hatte es schon, beide Dosen. Uns leuchtet das ein mit der Inokulation, sprich Impfung. Wir sind in der Lage, dialektisch zu denken. Paradoxien liegen uns.

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LANGE SCHICHT.

Vor 75 Jahren hat der Berg auf Grimberg 3/4 (Bergkamen, Westfalen; später: Neu Monopol) 405 Bergleute nicht mehr hergegeben. Lange Schicht. So der Mythos. Hier die bittere Realität: Nach einer Schlagwetterexplosion wurde der Pütt zubetoniert, um den vagabundierenden Grubenbrandt zu ersticken. Mit ihm die untertage noch verbliebenen Kumpel. So was vergessen wir nicht, die wir nicht ins Loch mussten wie unsere Großväter. Die Rede zur Eröffnung des Nachfolge-Bergwerks Neu Monopol im Jahr 1981 habe übrigens ich als junger Ghostwriter des damaligen Vorstandsvorsitzenden der Ruhrkohle AG Karlheinz Bund geschrieben. Glückauf.

PS: Womit mir auffällt, dass ich diesen Job jetzt schon vierzig Jahre mache. 1981 als „Bundstift“ (siehe oben) begonnen.

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URLOP.

Im politischen Berlin ist die Ruhe eingezogen, die der parlamentarische Jargon sitzungsfreie Zeit nennt. Die Abgeordneten müssen sich in ihren Wahlkreisen wieder in den Ruinen ihres ruinierten Privatlebens einrichten. Aber auch in der Wirtschaft wird einen Gang zurückgeschaltet; die historischen Werksferien gibt es wohl nicht mehr, aber die Noch-Fahlen wechseln sich mit den Schon-Gebräunten ab. Wechselschicht. In den Sozialen muss man sich derweil einer ganzen Flut von Urlaubsbildern stellen, die zeigt, wie man seine Erscheinung durch kurze Hosen nachhaltig verlächerlichen kann.

Ich habe früher in dieser Zeit der lustigen Langeweile meinen Jahresurlaub immer komplett in einem Rutsch genommen; dann war das leidige Thema wenigstens erledigt. Heute halte ich es mit dem Psalmisten: „Unser Leben währet siebzig Jahre, und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre; und wenn’s köstlich gewesen ist, so ist’s Mühe und Arbeit gewesen; denn es fährt schnell dahin, als flögen wir davon.“ Lutherworte. Wie immer kräftig im Leben unterwegs, um die Augen gen Himmel zu richten. Das ist nicht so mein Ding, das Metaphysische. Gerne Kärrner.

Der Bibelspruch hat ganz in meinem Sinne nämlich tatsächlich eine andere Wirkungsgeschichte. Er war immer gelesen als Lob der köstlichen Kärrnerarbeit. Mit dem wunderbaren Wort war ursprünglich der mühsame Transport schwerer Lasten in einfachen Karren gemeint. Auch Knochenarbeit, obwohl sie der Muskelbildung dient. Weiter arbeitend, während alle Welt im Urlop, sinniere ich über einen französischen Satz: „Il faut imaginer Sisyphe heureux.“ So ist es, man muss sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorstellen.