Logbuch
BÜRGERBAUCH.
Ein Gentleman ist nicht fett, weil er das für einen Ausdruck der Disziplinlosigkeit hält. Von Carl Hahn, dem langjährigen Patriarchen bei VW, wird erzählt, dass er morgens ein Müsli zu sich nahm und dann nichts mehr; Dinnerverpflichtungen ausgenommen. Gleiches berichtete man aus dem englischen Königshaus, allerdings in der komoderen Form des HIGH TEAs; den guten Sitten anheimgestellt als „Prinz Philip Diät“. Man isst nur ein einziges Mal am Tag; Zwischenmahlzeiten oder night cups ausschließlich und allenfalls als „spirits“.
Der HIGH TEA der nordenglischen und schottischen Lebensart ist nicht mit dem CREAM TEA aus Cornwall zu verwechseln. Wenn frühnachmittags Tanten und Tunten zusammensitzen und frisches Gebäck mit clotted cream und Marmelade füllen, um dazu gezuckerten Milchtee und Sherry zu schlürfen, so darf man das getrost als Ursache der allgemeinen Adipositas betrachten. In keiner Nation ist die gemeine Hausfrau unförmiger als in der englischen.
Der HIGH TEA entstammt der, wie Friedrich Engels es nannte, Arbeitenden Klasse; er ist ein kräftiges Mahl, das nach der Schicht eingenommen wurde, im Stehen und zwar gegen halb Fünf. Neben dem obligatorischen Getränk enthielt es auch deftige Speisen. Viele Häppchen, was so über war. Wer es dabei belässt, kann sich stärken und dem Körper ein Intervall von 24 Stunden gönnen. Ich selbst habe es auf Schottlandreisen kennengelernt, in denen wir das B&B um das breakfast verkürzten, aber dem hohen Tee zusprachen. Einschließlich scones.
Das unter Touristen gefürchtete „full english“ oder „full fried breakfast“ ist ein bäuerlicher Ritus, der hier nicht eigens erwähnt werden muss. Die Offiziersdisziplin von Prinz Philip sei aber empfohlen. Alle Kulturen der Welt raten zum Fasten. Wer sich nach Diabetes sehnt, der folge der notorischen Sucht zur Überernährung, dem kleinen Hunger zwischendurch, mit der vielgliedrigen Zuckermast. So kommt man zur Proletenplauze, die eigentlich ein kleinbürgerliches Phänomen ist. Weil der englische Miner dazu nach zehnstündiger Schicht keine Muße hatte. Wie der Gentleman und Offizier. Eben Helden ohne Bauch. Bravo!
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DIE GROSSEN GESCHICHTEN UND DIE KLEINEN.
Allzu lange Autofahrten verkürzt man sich ganz passabel mit „Classic FM“, einem recht britischen Sender klassischer Musik, der neben den zur Beruhigung des Gemüts geeigneten Werken eine sehr englische Moderatorenschar bietet. Der mukante Inselspießer kann auf eine betuliche Art kleinbürgerlich sein. Zu meinen Lieblingsthemen gehört die Frage an Hörer, was sie denn gestern als letztes hatten.
Während wir von Getränken hören, dem High Tea und späten Abendessen oder Nachtwanderungen nehmen wir Einblicke in die Sitten und Gebräuche gänzlich alltäglicher Natur. Mein Doktorvater hat das „elementare Soziokultur“ genannt. Man erfährt, wie die Menschen so ihr Tagwerk beschließen und dass wir alle sentimentale Hunde sind. Manche Katzen. Viele kleine Geschichten von Kleinem. Das interessiert, wen das wirkliche Leben kümmert.
Stoff für große Geschichte lieferte ein Mandant aus Indien, in den USA erzogen und Erbe eines Konzerns der Automobilindustrie; hatte auch in Bayern eine Bude. Zulieferer. Geschäftlich sehr erfolgreich pflegte er privat einen Stil gegen den selbst Bollywood erblasste. Seine Freizeit galt dem Polo; er unterhielt ein eigenes Profi-Team in diesem kreuzgefährlichen Sport. Verheiratet war er zum dritten Mal. Die Braut der zweiten Ehe warf ihm im indischen Boulevard vor, bei der Hochzeit seine Freunde zum jus primae noctis eingeladen zu haben. Mehr sei hier nicht offenbart.
Gestern las ich ihn noch in den Sozialen Medien mit einer Mitleidsbekundung zum Absturz der Air India und sprach mit dem Lufthansa-Chef darüber, der von Düsseldorf zu einer Investorenkonferenz nach Rom eilte. Sicherer Flieger, gute Airline war sein Urteil. Dann von seinem Anwalt die Nachricht, dass Sunjay nicht mehr lebt. Mein indischer Mandant verschluckte in England bei einem Polo-Spiel eine Biene und verstarb daran noch auf dem Platz. Alta, ein Bienenstich.
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GETTO REGEL.
Ein ICE der Deutschen Bahn ist bei der Ausfahrt von Köln nach Dortmund in einen Ast gefahren, und zwar in dem bewohnten Vorort Köln-Mülheim, was die Weiterfahrt verhinderte und die Passagiere im gestrandeten Zug wie Gefangene festhielt. Für geschlagene fünf Stunden. Die Paxe seien ob dieser Wartezeit auf offener Strecke derart aggro gewesen, dass die Bahn die Polizei zum Schutze ihres Personals anforderte. Sie rufen die Bullen, echt?
Mich wundert das nicht. Ich meide, wo immer es geht, die Bahn vollständig. Eine Bahnsprecherin entschuldigt sich. So einfach also geht das? Wundert mich auch nicht. Ich kenne die Dame; sie war zuvor Journalistin beim WDR. Ich meide, wo immer es geht, den WDR vollständig. Das ist eine soziale Ausweitung einer alten Überlebensregel für das Getto. Meide den Ärger, wo immer es geht. Einfach aus dem Weg gehen. Gilt auch für den ICE im Kalifornischen.
Ich werde dem dortigen Bürgerkrieg auch meine Aufmerksamkeit entziehen. Der oberste Warlord hat die Unruhen gerade mit den vorjährigen Waldbränden verglichen. Ich hör es mir erst gar nicht mehr an. Von mir aus können sie die Bullen rufen. Und ich werde auch nicht mehr von Bullen reden. Auch das ist ja eine weitere Verrohung der Sitten. Nennen wir sie die schutzhaftgewährenden Service-Kräfte. Was wäre gewesen, wenn es in Köln gebrannt hätte? Der Garpunkt in der Röhre wär dann schnell erreicht. Vielleicht sollte die Bahn schlicht erwägen, ihr Personal zu bewaffnen. Zumindest mit Riot Guns. Wenn man seinen ICE in Köln wieder vor einem Ast beschützen muss. Oder das Personal vor den Passagieren. We are all getting Getto.
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WAS DER KRIEG DARF.
Der Bücherfreund liebt sie nicht, die Ausgaben als Taschenbücher, bei denen die Seiten nur unter einem dünnen Deckel zusammengeklebt sind, meist mit einem Leim, der höheren Temperaturen gar nicht gewachsen ist. Ein ordentliches Buch hat Fadenheftung und ist in Leinen gebunden; allerdings wird auch hier dem Werbegebot Tribut gezollt und ein bunter Schutzumschlag um das Werk gegeben, der den einfältigen Käufer in den Bann ziehen soll. Wenn mir ein Buch gefällt, lege ich das Hochglanzpapier des Umschlags zeitig beiseite und stelle am Ende den Schinken ohne den albernen Werbemantel ins Regal.
Es gibt eine Ausnahme von dieser Ehrenregel des Bibliophilen. Ich meine ein Werk der Staatstheorie, das durch die aufwendige Illustration des Titels berühmt geworden ist. Die Rede ist vom LEVIATHAN des Thomas Hobbes, der Mitte des 17. Jahrhunderts alles Kluge begründete, was wir bis heute über den Staat zu sagen wissen. Im Kern wird hier das Gewaltmonopol begründet, das die Aufklärung dem Staat zubilligt. Hobbes benennt ihn deshalb nach einem alttestamentarischen Ungeheuer, das ob seiner unbegrenzten Macht für Chaos auf den Meeren sorgt. Eine ironische Setzung. Man sieht eine wunderbare Karikatur auf dem Titel. Großartig.
Freilich ist das mit dem Ungeheuer zugleich eine Charakterisierung, die sich der amtierende amerikanische Präsident selbst gibt, wenn er seinem Kriegsgegner im Persischen droht. Er will als grausam gelten, so man seinem Willen nicht folgt; eine ganze Kultur wird als auszulöschende adressiert. Ich verstehe zu wenig von diesem Teil der Welt und weiß nur, dass es keine gute Idee des Schöpfers war, so gewaltige Vorräte an Öl und Gas unter diesen Wüstensand zu legen. Es geht immer um Öl, oder? Es ging immer darum. Man sollte wirklich mehr über die unterschiedlichen Rollen unterschiedlicher Regime wissen.
Zurück zum Staat als Ungeheuer und dem wunderbaren Frontispiz des Thomas Hobbes. Mir läge daran festzuhalten, warum die moderne Staatstheorie dem Leviathan so große Macht geben will. Ich bitte um genaue Beachtung des Wortlauts:
„Durch diese ihm übertragene Gewalt ist der Souverän befähigt, den Willen aller auf den Frieden im Innern und die gemeinsame Verteidigung gegen äußere Feinde zu richten… damit er die Kraft und die Mittel aller so gebrauche, wie er es für ihren Frieden und ihre gemeinsame Verteidigung für zweckmäßig hält.“
Unterschied zum Kriegswilligen bemerkt? Aufgabe des Staates ist im Notfall die Verteidigung nach außen und immer die Befriedung nach innen. Did I make myself clear?