Logbuch

MEHRZWECKHALLEN.

Wir haben unsere Städte, deren Luft seit dem Mittelalter frei machte, gesäumt durch eine ganze Legion von Industriegeländen aller hässlichster Art, die mit Gewerbepark noch viel zu positiv beschrieben sind, weil alles an ihnen monotoner Wildwuchs und nichts ein Park ist. Ich war gestern in Dieburg bei Darmstadt und werde die Depression darüber, was wir uns da zusammenbauen nicht los. Darmstadt, das war für mich Jugendstil vom Feinsten; die Gewerbestraße in Dieburg ist ein Orkus.

Wie Krebsgeschwüre bilden sich diese Viertel mit Monsterhallen an vorstädtischen Verkehrsadern. Es wird nicht besser dadurch, dass hier auch IKEA und Fressnapf siedeln. Die Architektur wird beherrscht vom Quader; kleine Quader für den Mittelständischen Betrieb, gigantische für Warenlager, in denen selbst ganze Möbelhäuser verschwinden könnten. Ich rätsle, was es kostet, diese Monsterquader zu beheizen; oder sind die nicht mal temperiert, diese Hochlager der Unkultur? Industriearchitektur, das war mal was, als man noch Maschinenhallen wie Kathedralen baute. Die Gründerzeit baute Denkmäler, wo heutzutage die Bielefelder Systemarchitektur der Goldbecks brachialen Stumpfsinn walten lässt.

Fast empfinde ich es als Beleidigung, dass die Straßen hier nach Industriegrößen wie DIESEL benannt sind. Wie sich überhaupt VITRUVIUS im Grabe umdrehen muss. Wer das ist? Nicht verzagen, Cato fragen. Nun, der Römer VITRUV begründete das Bauingenieurwesen als dies noch in seinen glorreichen Anfänger steckte und Baukunst (!) war. Wir nehmen ihn als Urvater der räumlichen Gestaltung und erinnern den „vitruvianischen Menschen“ des Leonardo da Vinci. Das ist der nackte Kerl mit vier Armen und vier Beinen, bei dem der blanke Dödel die Bildmitte bildet. Da Vinci hatte da so seine Vorlieben. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Nie hätte VITRUV ein Flachdach gebaut, nie. Wie überhaupt der Quader verboten gehört. Eine Kathedrale ist keine Mehrzweckhalle; schon das Wort. Schon das Wort.

Logbuch

KLAPPERSTORCH.

Es meldet sich Matt Lodder mit der berechtigten Kritik am Sachlichen. Ich hatte gestern Ötzi für einen Dreitausender gehalten; er ist aber so um 3250 vor Christi verstorben, somit gute fünftausend Jahre vor unserer Zeit. Damit war er in den kalten Alpen Norditaliens exakt zur gleichen Zeit unterwegs, in denen im heißen Deir el-Bahari nahe Luxor in Ägypten jene Tempelhuren wirkten, deren Bäuche kunstvolle Tattoos zeigten. Auch da könnte ich daneben gelegen haben, da es nämlich nach jüngster Forschung ganz nach religiösen Figuren aussieht, die die Frucht des Leibes schützen sollten. Es waren Göttinnen, wie kann man das verwechseln? Aber global simultan. Es gibt Phänomene der Gleichzeitigkeit, die nachdenklich stimmen.

Nicht erwähnt wurde gestern zudem, dass Tätowierten der Zutritt in den Badehäusern Japans verwehrt ist, weil das Tintenstigma als Ausweis krimineller Banden gilt. Ungeachtet dessen ist der japanische Körperkunst eine lange Tradition des Bilderstechens gewiss. Ich las kürzlich im V&A-Museum, dass 1881 Prinz George, der spätere King George V, sich dort in Japan einen Drachen stechen ließ und der ihn begleitende Albert Victor, der Gatte von Victoria, einen Storch. Einen Klapperstorch, der schon mal die Mama ins Bein beißt? Der aus Coburg stammende Albert galt bei Hofe als herzensgut, aber leider lendenschwach, was die Entscheidung für den Adebar erklärt. Der Storch stand sinnbildlich für stark und steif. Man sprach im Fränkischen gar von des Mannes Storch. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Wovon ich nicht abschweifen sollte: Das Logbuch nähert sich summa summarum der zweitausendsten Glosse. Es ist wie beim Frühsport: Nicht jede Übung ist eine Zierde des Turnens, aber der Arsch war stets aus dem Bett. Im hinteren Winkel meines Herzens gefallen mir geneigte Anerkennungsgesten von Lesern besonders, wenn sie von Profis stammen, die mal meine Chefs waren. Ich hatte in drei Blättern Kolumnen. Habe also, wenn vom alten Chef gelobt, meinem Blatt keine Schande gemacht. So ticken Publizisten insgeheim. Sie sagen, dass sie für Leser schreiben, aber eigentlich sind es nur die Kollegen, die sie meinen. Journaille eben.

Logbuch

QUASI IM HOME OFFICE.

Wer sich in Fragen des SPA (Lateinische Abkürzung für „gesund durch Wasser“) auskennt, weiß darum, dass es neben der finnischen Sauna und der Bio-Variante für empfindsame Seelen wie dem türkischen Dampfbad jenen Bereich gibt, der Ruheraum heißt. Warum wissen die Götter, weil der Pinsel am anderen Ende des Raums lauthals telefoniert. Handyterror. Dabei fällt der Satz der Sätze: „Du, ich bin quasi im Home Office!“ Damit ist vollständig gesagt, warum dieses Land den Bach runter geht.

Im Nirvana von nichtigen Erreichbarkeitsposen lümmelt sich lasziv auf der Liege, was eigentlich ins Kontor gehörte. Die Faulenzer müssen nicht mal schwänzen, weil mittels Home Office ja „quasi am Arbeiten“. Ganze Belegschaften vereinzeln sich in die Simulation von Beruf, die nichts anderes als erschlichene Freizeit ist. Der nackte Arsch im Schwitzbad stört da nicht, zumal die häusliche Jogginghose auch nicht viel näher an dem ist, was mal Kleidung war. Wenn Industrie von dem Wort „Eifer“ kommt, so darf konstatiert werden, dass dieser gewichen und der Schweiß eindeutig nicht Folge von Anstrengung, sondern wg. Aufguss.

Das ist das eine, was aus den Saunen der Republik zu berichten. Das andere betrifft malerische Selbstverzierungen, sprich den Körper als Leinwand. Wenn ich mich umsehe, wird gewiss, was ich schon ahnte. Ich bin hier der einzige Homo Sapiens, dessen Haut nicht wie die Innentür einer Schultoilette aussieht. Man ist heutzutage tätowiert. Nun weiß man von dieser Kunst schon aus dem alten Ägypten; in Luxor fanden sich einbalsamierte Tempelhuren mit lockender Symbolik auf der Haut. Schon vor 3000 Jahren war das Tattoo des Jägers Sitte; bei Ötzi finden sich 61 solcher Verzierungen.

Der wirkliche Wandel liegt in der sogenannten Freizügigkeit. Früher als Code heimlich schwuler Männer sorgsam verborgen, prangt der Bebilderungszwang heute auf jeder Bäckereifachangestellten, und zwar im unbekleideten Teil. Das ist primitiver Stammeskult, ein manischer Ritus. Arschgeweih. Mehr kann ich im Moment an Nennenswertem nicht berichten; ich bin ja quasi im Home Office.

Logbuch

WAS DER KRIEG DARF.

Der Bücherfreund liebt sie nicht, die Ausgaben als Taschenbücher, bei denen die Seiten nur unter einem dünnen Deckel zusammengeklebt sind, meist mit einem Leim, der höheren Temperaturen gar nicht gewachsen ist. Ein ordentliches Buch hat Fadenheftung und ist in Leinen gebunden; allerdings wird auch hier dem Werbegebot Tribut gezollt und ein bunter Schutzumschlag um das Werk gegeben, der den einfältigen Käufer in den Bann ziehen soll. Wenn mir ein Buch gefällt, lege ich das Hochglanzpapier des Umschlags zeitig beiseite und stelle am Ende den Schinken ohne den albernen Werbemantel ins Regal.

Es gibt eine Ausnahme von dieser Ehrenregel des Bibliophilen. Ich meine ein Werk der Staatstheorie, das durch die aufwendige Illustration des Titels berühmt geworden ist. Die Rede ist vom LEVIATHAN des Thomas Hobbes, der Mitte des 17. Jahrhunderts alles Kluge begründete, was wir bis heute über den Staat zu sagen wissen. Im Kern wird hier das Gewaltmonopol begründet, das die Aufklärung dem Staat zubilligt. Hobbes benennt ihn deshalb nach einem alttestamentarischen Ungeheuer, das ob seiner unbegrenzten Macht für Chaos auf den Meeren sorgt. Eine ironische Setzung. Man sieht eine wunderbare Karikatur auf dem Titel. Großartig.

Freilich ist das mit dem Ungeheuer zugleich eine Charakterisierung, die sich der amtierende amerikanische Präsident selbst gibt, wenn er seinem Kriegsgegner im Persischen droht. Er will als grausam gelten, so man seinem Willen nicht folgt; eine ganze Kultur wird als auszulöschende adressiert. Ich verstehe zu wenig von diesem Teil der Welt und weiß nur, dass es keine gute Idee des Schöpfers war, so gewaltige Vorräte an Öl und Gas unter diesen Wüstensand zu legen. Es geht immer um Öl, oder? Es ging immer darum. Man sollte wirklich mehr über die unterschiedlichen Rollen unterschiedlicher Regime wissen.

Zurück zum Staat als Ungeheuer und dem wunderbaren Frontispiz des Thomas Hobbes. Mir läge daran festzuhalten, warum die moderne Staatstheorie dem Leviathan so große Macht geben will. Ich bitte um genaue Beachtung des Wortlauts:

„Durch diese ihm übertragene Gewalt ist der Souverän befähigt, den Willen aller auf den Frieden im Innern und die gemeinsame Verteidigung gegen äußere Feinde zu richten… damit er die Kraft und die Mittel aller so gebrauche, wie er es für ihren Frieden und ihre gemeinsame Verteidigung für zweckmäßig hält.“

Unterschied zum Kriegswilligen bemerkt? Aufgabe des Staates ist im Notfall die Verteidigung nach außen und immer die Befriedung nach innen. Did I make myself clear?