Logbuch

Das größte Problem der Menschen war mal, im Winter nicht zu verhungern. Kein beiläufiges. In einem alten Bauernkotten, den ich gerade upcycle, finde ich auf dem Dachboden eine gemauerte Kammer im Kamin mit Stangen und Haken; man hat hier wohl einst mit dem Abgas des Holzofens Wurst und Schinken geräuchert. War das GESUND? Das wunderbare Tschukrut des Elsass, sprich Sauerkraut, ist eingelegter Weißkohl, der es so ins nächste Jahr schaffen sollte. Heutzutage mit sechs Garnituren, so nennen sie hier die Würste und den Speck, den der freigiebige Wirt auf dem Sauerkraut drapiert. Geräuchertes; siehe oben. Fleisch konnte auch, wenn Salz vorhanden, gepökelt werden. Schwein in Natriumchlorid. Ich erinnere noch, dass meine Frau Mutter eine Riesenwelle machte, wenn es galt Obst einzukochen. Mit viel Zucker, sehr viel Zucker, gingen dann Pflaumen ins Glas. Im Winter tauchten die Einweckmonster dann wieder auf und gaben die Süße des Sommers wieder her. Im Grunde gefärbter Zucker. Wie ja alle Marmeladen und Konfitüren. KONSERVIERUNG als das A und O. Wer das nicht konnte, konnte im Winter nur noch seinem Gaul den Hafer stehlen. Also: die Entsaisonalisierung der Lebensmittel ist eine Kulturleistung. Was der Rauch der Mettwurst antat, das Salz dem Geselchten und der Essig dem Kohl, das versuchen heute Gefriertruhe, sprich Strom, und Plastikverpackung. Nur halt gesünder. Will aber niemand hören. Wir hatten gestern übrigens frischen (!) Spargel. Aus Peru. Mit irischer Butter. Und einem Sauvignon Blanc aus Neuseeland. War lecker.

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Der Twitter-Account von Donald Trump hatte 89 Millionen Follower. Jetzt gesperrt. Die Zahl zeigt eine wirkliche VIERTE GEWALT. Und die Maßnahme durch die Geschäftsführer einer privaten Firma ist ordnungspolitisch nicht unproblematisch. Über letzteres darf die Schadenfreude nicht hinwegtäuschen.

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C’est la vie. Zitat: „Man träumt von einer GROSSEN LANGEN. Und dann bekommt man eine KLEINE DICKE.“ So hat der wunderbare Satiriker Kurt Tucholsky zwischen den beiden Weltkriegen seine Enttäuschung über die Weimarer Republik beschrieben. Der Traum von der politischen Schönheit entstand, dichtete er, „unter kaiserlichem Zwange“ und zwar von einer „Republik“, der ersten nachhaltigen Demokratie in Deutschland. Die frische Republik zog von Berlin nach Weimar, weil in Berlin der Mob tobte. SSÄLAWIE schreibt der Satiriker damals , so ist das Leben. Nach dem Traum kommt die Wirklichkeit und dann der ALPTRAUM. Es sollte nach dem Interregnum 1928 bis 1933 dann in der Tat noch viel hässlicher werden. Die Weltwirtschaftskrise ermächtigte Herrn Hitler. Geschichte wiederholt sich nicht: Die Demokratie und die Demokraten in der USA sind stabil. Keine falschen Analogien! Was den USA jetzt ins Haus steht, ist eine AfA, eine Alternative für Amerika, und zwar als Abspaltung von der parlamentarischen Konservativen („Republikaner“) durch die neue APO des Donald Trump, der Medienmogul werden wird. Trump wird APO machen. Wenn Twitter ihn sperrt, geht er zu TELEGRAM. Oder gründet was eigenes im Internet. Hinter dem Mann stehen 75 Millionen Wähler. Wenn in den USA eine politische Krise kommt, dann nicht im (!) Capitol; sie wird von einer APO angeführt sein. Außerparlamentarisch, rechtspopulistisch, verschwörungstheoretisch, anti-elitär, rassistisch, Kult der Straße. Da wird sich die KLEINE DICKE des Kurt Tucholsky noch als Euphemismus erweisen. Das wird richtig hässlich. Und: Read my lips. Hat Trump das nicht schon versprochen? Eine Bewegung. Und wenn ihm dahin nur ein Drittel folgt, dann sind das noch immer 25 Millionen. Auch davon reicht noch ein Zehntel. Hefe! APO geht auch von rechts.

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STILLE MITTAGSPAUSE BEI BRÜLLHITZE.

Wenn ich meine Ruhe haben will im stets lauten Berlin, dann gehe ich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier liegt, so bilde ich mir dann ein, meinesgleichen.

Unpassend finde ich, dass Brecht dicht an der Mauer liegt und die Weigel vor ihm, sodass, wenn er nächtens mal flanieren will, immer über sie rübersteigen muss. Dass sie der großen Aufpasserin dieses Privileg auf ewig gegeben haben, finde ich falsch.

Als ich neulich einer türkischen Kollegin erklärte, wie Brecht es in Buckow so mit seinen Geliebten, den ehemaligen wie künftigen, gehalten hat, erklärte sie mir, dass das ein geheimes Kalkül der osmanischen Hausherrin gewesen sei, dem alten Gockel junge Hühner zuzuführen und so die Glucke zu bleiben.

Anmerkungen habe ich zum Grabstein des Johannes Rau. Dort steht in einer schlichten Geste der Satz: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Das ist von großem Tiefsinn, da es der Geschichte von den Verleugnungen des Petrus entstammt, wie sie Lukas erzählt. Damit sind wir in einer beachtlichen theologischen Tiefe. Die auszuloten, bin ich nicht befugt. Das in einem so einfachen Zitat anzudeuten, ist vom Stil her schon sehr protestantisch.

Aber man hat ein Porträt hinzugefügt, das Gesicht des Politikers, den sie Bruder Johannes nannten. Was hier noch ernste Kunst, sieht man auf anderen Friedhöfen als hundertfachen Kitsch, Fotos der Verstorbenen auf dem Grabstein. Da würde ich mir mehr Ikonoklasmus wünschen, Bildverbote, keinen Selfi-Kitsch. Denn was von uns bleibt, das ist nicht das Ponem.

Lohnendes Denkspiel im angenehmen Schatten des Philosophenfriedhofs: Was soll von mir bleiben? Bevor ich das beantworte, zunächst als zu verwerfende Idee: ein Charakterporträt? Wie das unsägliche Porträt, das die unerträgliche Mutti Merkel gerade von sich hat malen lassen? Nein. Würde mir ein Staatsbegräbnis angetragen, gänzlich ausgeschlossen ist das angesichts meiner Verdienste ja nicht, nähme ich eine in Marmor geschlagen Sonnenuhr, die festhält, dass sie das Licht beherrsche. Und die Nachgelassenen der Schatten. In den Stein zu schlagen ist: SOL ME VOS UMBRA REGIT.

Also, um allen unzureichenden Versuchen des Nachruhms zu entgehen, komme ich in einem Ruhewald unter eine stattliche Eiche, eines sehr fernen Tages, hoffe ich. Rau hat übrigens den Grabspruch seines Vaters; das gefällt mir. Und beim großen BB steht nur der Name. Reicht. Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. So sind wir alle geehrt.