Logbuch
DIE MINIBAR.
Zu den ewigen Ärgernissen in Hotelzimmern gehört die sogenannte Minibar. Sie war mal gedacht als nette Geste an den Gast; inzwischen gibt es hundert Versuche der Hotellerie, sich dieser Gastfreundschaft wieder zu entledigen. Jüngst erfahre ich beim Einchecken, dass die Minibar im Zimmerpreis enthalten sei, man deren Befüllung aber selbst vorzunehmen habe, indem man sich aus dem Angebot von Wasser und Limo, Nüsschen und Schokolade etwas vom Hallentresen mit auf‘s Zimmer nähme. Service-Wüste.
Überhaupt gilt der Gast als asoziales Subjekt; man will auch bei Vorkassebuchung einen Abzug seiner Kreditkarte „nur für alle Fälle“, abgebucht werde nichts. Auf Nachfrage wird eingeräumt, dass man eventuelle Vandalismusschäden so decken will. Die unschwer neben Koffer und Aktentasche auf‘s Zimmer bilanzierte warme Wasserflasche trifft dort zwar auf einen angeschlossenen Kühlschrank, dessen Innenleben aber nur als versüfft bezeichnet werden kann. Na ja, sagt die Dame an der Rezeption, da schaue man nicht mehr rein, weil er ja leer sei.
Toilettenartikel gibt es auch nur noch auf Verlangen an der Rezeption. Das einschlägige Papier auf der bewussten Rolle ist graue Recyclingware der rauen Art. Haarwaschmittel bietet ein permanenter Spender in der Dusche. Man fragt sich, ob man sicher sein kann, dass die Bettwäsche gewechselt wurde. Es macht keinen Spaß mehr. Demnächst darf ich das Laken selbst mitbringen. Der Qualitätsunterschied zum Nachtasyl für Obdachlose wird immer geringer.
Meine Neigung, Geschäftstermine so zu legen, dass man noch etwas Touristisches unternimmt, sprich eine Hotelübernachtung dran hängt, geht gegen null. Wenn das so weitergeht, wird das gute alte „stop-over-girl“ wieder aktuell: Bratkartoffelverhältnisse mit Maxibar.
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HALLO SCHATZI.
Mit einem englischen Hotelier sprach ich mal darüber, ob ihn an Wochenenden nicht störe, wenn die Jackenjungens bei ihm im Teegarten einkehrten. Nein, sagte er, er behandle die Rocker wie Gentlemen und die würden das wertschätzen. Wenn die Jackenjungs mal einen derben Scherz etwas zu laut machten, pflegte er nur zu rufen „Gentlemen, language!“ und es war prompt wieder Ruhe.
Wie man in den Wald hineinruft. An diese Regel habe ich oft denken müssen, als ich noch Bahn fuhr und die Kundenkommunikation der BahnbeamtInnen im Netz verfolgte. Man sprach einen Pubertätsjargon und duzte frechweg. Man wollte so der systematischen Leistungsverweigerung eine komische Seite abringen. Es war aber nichts anderes als dreiste Respektlosigkeit. Ich meide die Bahn inzwischen, wo ich kann. Die Bahnhöfe gehören ohnehin schon, lese ich, den Messerstechern.
Mir fällt allerdings auf, dass sich Vorstände der bundeseigenen Bude so verhalten, als hätten sie zu ihren Dienstobliegenheiten auch noch ein allgemeinpolitisches Mandat. Eine einzelne Dame äußert sich in dienstlichem Habitus zu allem und jedem. Wie wäre es, wenn sie die dafür geopferte Zeit mal zur Erledigung ihres Jobs nützte? Das woke Krakelen gehört nämlich auch zu der angesprochenen Respektlosigkeit; man ist in allem übergriffig.
Früher war es im Flieger besser. Man pflegte seitens der Flugomas die Paxe wie Herrschaften zu behandeln. Tomatensaft und Lächeln, das war Routine. Das hat sich endgültig durch den irischen Investmentbanker geändert, der den Billigflieger Ryan Air betreibt. Mache ich auch nicht mehr. Ich fliege Business oder bleibe schlicht zuhause, wenn zu teuer. Kein Viehtrieb mehr. Alles andere mache ich mit dem Selbstzünder (vulgo Diesel).
Ich glaube ja nicht an die Batterie, eh klar. Da wird mir von einer koreanischen Elektro-Schüssel berichtet, die mit dem Fahrer spricht. Sie begrüßt den Fahrer beim Einsteigen mit dem Vornamen. Und drückt ihre Freude über den anstehenden gemeinsamen „Ride“ aus, während sie den Sitz einstellt und das Radio. Fehlt nur noch, dass sie den Berliner Proletenjargon einstudiert: „Weil wir Dich lieben, Alta!“
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HOHE KÜCHE.
Dem Franzosen verdanken wir die HAUTE CUISINE, wie man dort das bessere Kochen nennt. Für den Alltagsverstand des germanischen Kartoffelfreundes ist die Gastronomie des Franzmanns mit Froschschenkeln verbunden. Oder mit dem Bressehuhn in der Kalbsblase. Uns, den Teutonen, wird dabei eher das sogenannte Eisbein zugerechnet, ein gekochter Oberschenkel der krummbeinigen Sau mit Erbsenstampf.
Gestern hatten wir, ganz erlesen, Tintenfisch und Krustentiere in der Paprikapfanne als Vorspeise, dann einen ganzen Wolfsbarsch vom Grill, schließlich ein feines Nudelgebäck in Honig. Wenn da die Produkte stimmen, kann eigentlich nichts schief gehen. Der weißbeschürzte Kellner herzlicher Freundlichkeit präsentierte auf einem Tablett vorher noch zur Auswahl Thunfisch, Seezunge und so einen kleinen Kollegen, dessen Name ich vergessen habe. Wir wählten den Loup de Mer, der gut die Größe eines Unterarms hatte, prächtiger Fang.
Daran allein unterscheidet man aber nicht die niedrige von der hohen Küche. Die Details sind aufschlussreich. Man achte etwa auf das gereichte Brot. Ein lieblos zerschnittenes Weißbrot? Oder aufgebackene Minibrötchen? Dröges Pizzabrot? Gar harte Brotstücke ungewisser Provenience? Tiefe Küche. Hier gab es einen mittelgroßen Fladen frisch gebackenen Weißbrotes mit einem süßen Möhrenjoghurt und Oliven. Sehr lecker.
Auch die Etikette des Kellners. Auf die Ansage „trockener Weißwein“ holt er Weinkarte und deutet auf seine Wahl, um dem Gast ein Blick auf den Preis der von ihm gewählten Flasche zu gewähren. Er lag zielsicher im mittleren Segment, aber man weiß ja nie. Kurzum, wir waren beim Türken, der mit seinem Fischrestaurant am Ort die Spitze des FINE DINING belegt. Wir hätten auch zum Italiener gehen können, nur nicht zum Chinamann, der ziemlich sicher Tiefkühlkost mit Glutamat verfüttert. Womit wir bei dem sind, was man die Pseudoethnisierung der Restaurantkultur nennt.
Ich lobe die mediterrane Gastfreundschaft und den Fisch als Nahrung. Vielleicht sollte man öfter kulinarisch an den Bosporus reisen und am Ende Karthago doch nicht zerstört werden.
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STILLE MITTAGSPAUSE BEI BRÜLLHITZE.
Wenn ich meine Ruhe haben will im stets lauten Berlin, dann gehe ich auf den Dorotheenstädtischen Friedhof. Hier liegt, so bilde ich mir dann ein, meinesgleichen.
Unpassend finde ich, dass Brecht dicht an der Mauer liegt und die Weigel vor ihm, sodass, wenn er nächtens mal flanieren will, immer über sie rübersteigen muss. Dass sie der großen Aufpasserin dieses Privileg auf ewig gegeben haben, finde ich falsch.
Als ich neulich einer türkischen Kollegin erklärte, wie Brecht es in Buckow so mit seinen Geliebten, den ehemaligen wie künftigen, gehalten hat, erklärte sie mir, dass das ein geheimes Kalkül der osmanischen Hausherrin gewesen sei, dem alten Gockel junge Hühner zuzuführen und so die Glucke zu bleiben.
Anmerkungen habe ich zum Grabstein des Johannes Rau. Dort steht in einer schlichten Geste der Satz: „Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth“. Das ist von großem Tiefsinn, da es der Geschichte von den Verleugnungen des Petrus entstammt, wie sie Lukas erzählt. Damit sind wir in einer beachtlichen theologischen Tiefe. Die auszuloten, bin ich nicht befugt. Das in einem so einfachen Zitat anzudeuten, ist vom Stil her schon sehr protestantisch.
Aber man hat ein Porträt hinzugefügt, das Gesicht des Politikers, den sie Bruder Johannes nannten. Was hier noch ernste Kunst, sieht man auf anderen Friedhöfen als hundertfachen Kitsch, Fotos der Verstorbenen auf dem Grabstein. Da würde ich mir mehr Ikonoklasmus wünschen, Bildverbote, keinen Selfi-Kitsch. Denn was von uns bleibt, das ist nicht das Ponem.
Lohnendes Denkspiel im angenehmen Schatten des Philosophenfriedhofs: Was soll von mir bleiben? Bevor ich das beantworte, zunächst als zu verwerfende Idee: ein Charakterporträt? Wie das unsägliche Porträt, das die unerträgliche Mutti Merkel gerade von sich hat malen lassen? Nein. Würde mir ein Staatsbegräbnis angetragen, gänzlich ausgeschlossen ist das angesichts meiner Verdienste ja nicht, nähme ich eine in Marmor geschlagen Sonnenuhr, die festhält, dass sie das Licht beherrsche. Und die Nachgelassenen der Schatten. In den Stein zu schlagen ist: SOL ME VOS UMBRA REGIT.
Also, um allen unzureichenden Versuchen des Nachruhms zu entgehen, komme ich in einem Ruhewald unter eine stattliche Eiche, eines sehr fernen Tages, hoffe ich. Rau hat übrigens den Grabspruch seines Vaters; das gefällt mir. Und beim großen BB steht nur der Name. Reicht. Er hat Vorschläge gemacht, wir haben sie angenommen. So sind wir alle geehrt.