Logbuch

EIN ALTES MÄDCHEN.

Der Flughafen in Venedig ist durch neunzig Privatjets verstellt. Ich bleibe im Land und nähre mich redlich. Auf dem Weg von den Höhen des Westerwalds ins Rheintal in die famose TRAUBE zu Vallendar gibt es diese Kurve mit dem ersten Blick ins Tal auf den trägen Strom, den gerade das französische Brackwasser der Mosel noch behäbiger gemacht hat, wo ich mich immer frage, was meine Nation an dieser Plörre so begeistert hat. VATER RHEIN haben sie ihn geheißen und vom DEUTSCHEN ECK geschwärmt. Wie piefig. Ich stehe ja eher auf Frauen.

Ein paar Kilometer flussaufwärts hat der von mir sehr geschätzte HEINRICH HEINE seine Wehmut so formuliert:
„Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
Daß ich so traurig bin;
Ein Mährchen aus alten Zeiten,
Das kommt mir nicht aus dem Sinn.“
Es geht dabei um ein altes Mädchen, eine gewisse Lauren Leih, der die Gefährdung der Schifffahrt zugerechnet wird, dort, wo der Vater Rhein noch ein wilder Geselle ist und sich durch Gebirge zu zwängen hat, gefährliche Klippen umspülend. Der alte Mythos sucht den Lotsenfehler des Schiffers der Schönheit auf dem Berg zuzurechnen. Eigentlich ging es der Wehmut Heines aber um das NEIN einer anderen Lauren Leih, eine Hamburger Dern namens Amalie. Alte Märchen um begehrenswerte Mädchen.

Apropos Mädchen und Märchen. Dass das SPD-Präsidium der Gesine Schwan die Redezeit gekürzt hat, um sich ausführlicher der Biografie von Bärbel Bas widmen zu können, das verstehe ich. Keine Schwäne zu preisen, steht einer Partei wohl an, die Schwanengesang nicht mehr ertragen will, da Walsumer Entengeschnatter ihr Herz wärmt. Da sind Größen wie Peter Glotz nur noch Märchen aus alten Zeiten. Ich bin deshalb nicht bas erstaunt; ich kenne den Ton aus dem Pott: Walsum ist halt nicht Venedig. Lauren, leih mich Dein Herz!

Womit wir in der Lagunenstadt sind, über die ernsthaft zu reden, der fabelhaften PETRA RESKI vorbehalten ist. Auch ein Mädchen aussem Pott. Mir bleibt nur eine einzelne Irritation von Venedig in Erinnerung. Die Mitfünfzigerin Lauren Leih, die hier gerade einen Deo-Roller aus Weißkirchen mittels MÄRCHENHOCHZEIT ehelicht, hat das Antlitz einer Zwanzigjährigen und Hände, die gut und gerne neunzig sind. Bei dem ganzen Aufwand mit der MÄRCHENHOCHZEIT und den einschlägigen Oberweiten hätte man das doch einheitlicher gestalten können.

In der TRAUBE zu Vallendar übrigens rosa Tafelspitz mit Pfifferlingen und eine ganze Seezunge in Butter gebraten zu wunderbaren Kartoffeln. Dazu Juffer Sonnenuhr. Sterneküche in angenehm unaufgeregtem Ambiente. Sehr fein. Empfehlung.

Logbuch

MUT ZUR LÜCKE.

Eine große Rede für eine gute Sache, die Zustimmung findet, vielleicht sogar Begeisterung erzeugt, die ist nie und nimmer vollständig. Wie leidet doch ein Publikum, wenn seine Geduld durch eine endlose Aufzählung strapaziert wird. Längst ist die Absicht des Vortragenden erraten und das Anliegen unter Umständen sogar gebilligt, da kommt der Rhetor noch mal vom Hölzken auf‘s Stöcksken.

Ohne ein harsches Urteil über den Gast fällen zu wollen, komme ich zu diesem Gedanken um den Segen der Selektion, als ich im Industrie Club zu Düsseldorf einem Granden des Montanen lausche. Ja, das ist jener Ort, an dem Hitler die Thyssens seiner Zeit für die Aufrüstung gewann; nicht jüngste, die davor. Es spricht heute der Chef der Salzgitter AG, ein gediegener Mann, zuvor der Wind-Mops von Vattenfall, der dem „grauen“ Stahl eine Zukunft geben will als grünem und dabei dem Wasserstoff als Medium zu huldigen hat. Die Franzosen halten das für Unsinn, trotz Staatsknete; aber was wissen die schon.

Es muss hier für alle revierfernen Seelen eingeworfen werden, dass der aus Steinkohle gewonnenen Koks in der Stahlerzeugung nicht dem Heizen dient, sondern als Reduktionsmittel von Nöten ist. Einfach gesagt: Er ist anders als bei Omas Einzelofen nicht durch eine Wärmepumpe zu ersetzen. Deshalb ist in den ehemaligen Hüttenwerken Hermann Göring künftig dem Elektrolysör nichts zu schwör. Das aber ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Der Vortragende bemüht sich um alle Argumente für einen grünen Stahl an der Leine und der Peine, auch das der sozialen Verelendung, wenn Industrie schlicht und brutal wegbricht. Und das ist ein sehr ernster Hinweis; wer wüsste das nicht besser als ein Junge von der Ruhr. Heute schon schreit der Niedergang aus Essen, Bottrop, Gelsenkirchen. So dann auch in Salzgitter, das sie vor Ort schon jetzt Salzgetto nennen. Aber es war an diesem Abend wohl doch ein Argument zu viel.

Dabei erinnere ich mich an einen Vortrag zur Elektromobilität, den ich vor Jahren andernorts in Niedersachsen hörte, als noch nicht so ganz klar war, was die kalifornischen Oligarchen so frühstücken und warum sie es durch die Nase tun. Es wurde nach vierundfünfzig anderen Argumenten zugunsten des E-Autos auch noch angepriesen, dass ich die irgendwann lendenschwache Megabatterie ja anschließend, wenn zum Ampelspurt zu schwach, in den Keller meines Hauses nehmen könne und dann mit Balkonsolar füttern, um die Pumpe im Goldfischteich zu betreiben oder das Wasser für die Kois zu wärmen. Das sollte den notorisch drohenden wirtschaftlichen Totalschaden der E-Schüssel versüßen. Ein Argument zu viel.

Wer den Mut zur Lücke gefasst hat, wird durch den Charme der Ellipse getröstet. Diese Finesse der Rhetorik spart bewusst aus, was das Publikum dann zu ergänzen hat; worüber es sich freut, so es gelingt. Wem das zu risikoreich ist, der ersetze das Mittel durch ein Ziel. Mit diesem rhetorischen Trick erspare ich mir Details und andere Umständlichkeiten des praktischen Lebens und verlocke das Publikum, in den Himmel zu blicken. Im Englischen prägnant „pie in the sky“ genannt.

Beispiel? Weltfrieden durch deutsche Elektro-Panzer aus grünem Stahl.

Logbuch

GENERATION ZETT.

In den Gärten meiner Nachbarn stehen viele Kirschbäume, die jetzt mit knallroten Früchten die Vögel belohnen, wohl auch die Katz und den Marder; na und die dicke Kuchentante, die dazu den Biskuitteig und die obligatorische Sahne packt. Früher wurden die Weck-Gläser aus dem Keller geholt und in Kesseln eingekocht. Kenner waren Brenner.

Eine Nachbarin hat ein handgemaltes Schild an die Straße gestellt, dass dem Wanderer eine Gelegenheit deutet: „Kirschen zu überlassen!“ Das ist eine nette Geste für die Gäste und ob der Früchtefülle nur zu gut zu verstehen. Ich werde in der Schlange beim Bäcker (neuerdings mit „coffee to go“) Zeuge eines Gespräches zwischen zwei Angehörigen der GENERATION ZETT, genauer gesagt von zwei Gesprächen, die das Pärchen jeweils mit mir unbekannten Menschen am jeweiligen Handy führt. So ist das bei dieser Generation; man ist immer auf mindestens zwei Geräten online, in der Regel zwei pro Person. Weiße Knöpfe in den Ohren, Stimme zu laut und immer eine halbe Oktave zu hoch. Aufregung statt Erregung lautet die Losung der Twens.

Ich erspare hier mir die Wiedergabe der beiden simultanen Dialoge und nenne nur die beiden Themen, jedes für sich ein Skandalon. Von wegen „cherry to go“. Die Dinger hingen noch an Bäumen und zwar höher als man langen kann. Und sie enthalten Steine, die man nicht mitisst. Ja, jede einen. GENERATION ZETT an der Kirschenfront. Bleibt nur die Frage, woher ich das mit Katz und Marder weiß. Von der Losung. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Logbuch

DER MORAL VON BAUNATAL.

Dem Menschen als Handwerker ist es aufgegeben, sich die Erde untertan zu machen. Dem Inschenör ist nichts zu schwör. Seit den römischen Wasserleitungen gibt es viel zu bestaunen. Wir vermögen viel, manches auf fast ewig. Siehe Atlantis. Wenn er nur umsichtiger wäre, der „homo faber" und nicht auf dem letzten Meter dann doch zu burschikos. Kleine Lektion in Demut.

Im Waldeckschen Land, das der Zeitgenosse profan Nordhessen nennt, gibt es einen Fjord süßen Wassers, der der preußischen Baukunst entstammt, ein großes Gewässer, indem eine riesige Staumauer das Flüsschen Eder zu einem gewaltigen Reservoir staut. Beachtenswert, weil aus der Kaiserzeit. Das haben wir gekonnt, bevor der Irrsinn des Ersten Weltkriegs Europa zerstörte und der noch wahnsinnigere des Zweiten die halbe Welt. Der Edersee ist ein Wunder von Menschenhand.

Ich habe hier mal als Pfadfinder, ich war „Gruppenführer“, so hieß das, an einer Nachtwanderung teilgenommen und zwar in einem ähnlichen heißen Sommer, wie wir ihn gerade erleben; das Wasser im Stausee stand tief. Wie bei Nachtwanderungen strenger Comment gab es stricktes Rede- und Lichtverbot. Im fahlen Mondlicht erahnten wir, weil aus dem Wasser ragend, die versunkene Stadt, eine Brücke zeigte sich noch, die in der Vorzeit die Eder überspannte, und eine Kapelle mit Kirchturm, von der man wusste, dass sie neben einem stattlichen Friedhof über die Totenruhe wachte.

Die preußischen Baumeister hatten viel vermocht; ihre Ingenieurkunst wusste eine gigantische Staumauer zu errichten und die Wasserfülle dann der Schifffahrt zu dienen wie der Stromerzeugung (übrigens in ökologischer wie ökonomischer Perfektion für Spitzenbedarf und als Pumpspeicherwerk). Dafür waren ganze Dörfer umgesiedelt worden. Aber man hatte es für überflüssig erachtet, die Gräber umzubetten. Ein banaler Betondeckel sollte die Ausspülung verhindern. Ich ahne, wie diese Debatte damals lief und sich darum drehte, wieviel Goldmark das denn extra koste. Zu teuer. Ein solcher Frevel bleibt aber nicht ungesühnt.

Am Ufer des Edersees hockend hörten wir Pfadfinder dann um Mitternacht die Glocke der Kapelle wie sie, wir zählten bange mit, zwölf schlug. Der alte Küster ging, aus seinem Grab gespült, als Geist um und mahnte den Frevel. Heute weiß ich, dass weitere Ungeheuerlichkeiten hier ihren Ort haben. Die Sprengung der Staumauer durch die Royal Airforce etwa mittels einer Rollbombe. Eine Flutwelle ging zu Tal und ließ Mensch und Vieh ersaufen. Oder der Einsatz ganzer Hundertschaften von ukrainischen Zwangsarbeitern bei der Schließung des gewaltigen Lochs in der Staumauer.

Aber das sind die vergessenen Verbrechen. Nur der Glöckner aus dem Waldeckschen Atlantis, der will keine Ruhe geben. Sollten Sie also nächtens durch Kassel-Baunatal fahren oder Bad Wildungen, erwägen Sie doch, die Karre zu parken und sich still an das Wasser zu setzen, das davon kündet, was wir könnten, wenn wir demütiger wären. Hochmut kommt vor dem Fall. Soviel als Moral aus Baunatal.