Logbuch

EITELKEIT.

Man erkennt den eitlen Gecken daran, dass sein Name ins Hemd gestickt ist. Oder er ein tolles Nummernschild hat. Der ganze Stolz bei Frisören oder Luden.

Ein SPRECHENDER NAME, das ist ein Eigenname mit einer zusätzlichen Bedeutung. Zum Beispiel „Gotthold“ für den Frommen oder „Hartmut“ für den Kühnen, „Tusnelda“ für das Treschen… Es gibt das aber auch bei Kfz-Nummernschildern. Sprechende Auto-Nummern. Nazi-Kürzel werden in Deutschland neuerdings vermieden. In England ein Kult, schon immer.

Es gibt einen regelrechten Handel mit Kennzeichen, die teurer als das Auto sein können. Ich sehe gestern in Chelsea vor dem THE IVY einen schwarzen Bentley mit der Reg.-No. , so heißt hier die Zulassungsnummer: „BOSS“. Boss im Bentley. Russen, vermute ich. Getönte Scheiben im Fonds. Handelswert des Schildes bestimmt 250.000 Pfund Sterling. Für das Nummernschild. Ich habe mal für „KK1“ an einem Defender einen Tausender gegeben.

Heute machen das bei uns vor allem Fahrlehrer und Zuhälter. Da gibt es dann die Initialen der Freundin oder den Hochzeitstag im Nummernschild. Ich verzichte darauf ganz bewusst; seit jenem Jahr, in dem mir mein Fahrer bei einem Frankfurter Laden meinen Dienst-Daimler mit meinen Initialen anmeldete. Oskar, so hieß er, war stolz wie Oskar. Ich nicht.
Ein Jahr lang fuhr ich eine Karre mit dem Kennzeichen: „F - KK 69“. Spott der Welt.

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REAKTANZ.

Menschen sind vernunftbegabt. Sie wollen von dieser Begabung gelegentlich auch mal keinen Gebrauch machen. Darum Alkohol und Drogen, darum Karneval. Den tierischen Ernst verlieren wollen.

Der Karnevalist ist gegen den tierischen Ernst. Er besäuft sich und ist albern. Überhaupt ist die Sesshaftigkeit des Jägers & Sammlers darauf zurückzuführen, dass er nur so zu Korn und Traube kommt, sprich Bier und Wein. Alles eine Frage des Menschenbildes.

Auf ein Übermaß an verlangter Vernunft reagiert der Überforderte mit Unwillen. Man nennt das REAKTANZ, wenn die rational Verzweifelten in Trotz und Wahn fliehen. Wenn Mengen zum Mob werden. Da verliert der kalte Staat sein Recht, reagiert er nicht mit Gewalt. Und auch das hat Grenzen.

Was uns von den Tieren unterscheidet, ist FEIERN WOLLEN, also das Maß der Veredelung des Dionysischen, nicht das Dionysische selbst (SEX & SUFF). Und immer schon mit einer Spur TODESSEHNSUCHT. Anders kann man nicht verstehen, was die Bilder vom Straßenkarneval aus dem Rheinland zeigen.

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KEIN KOMIKER.

Brecht sah sie in CARMEN und stellte ihr sofort nach, der Hund. Sie wurde, obwohl liiert, wiederholt schwach, wie man so sagt, in Augsburg.

Die Sängerin Marianne Zoff war fünf Jahre mit Bert Brecht verheiratet und danach fünfzig mit Theo Lingen. Bis zu dessen Tod. Lingen, der Komiker, hat die Tochter des Stückeschreibers mit der Sängerin, die Schauspielerin Hanne Hiob, adoptiert. Lobenswert.

Von Lingen stammt der Satz zu seinen Rollen: „Natürlich nehme ich den Dreck, den ich da spiele, nicht ernst.“ Man hatte ihn auf das komische Fach festgelegt. Gefällt mir.

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FREE WILLY.

Eine besonders anrührende Art der asiatischen Gartenkunst ist die Miniaturisierung alter Bäume in einer winzigen Schale. Auch in der sehr kleinen Pflanze gestaltet sich die Würde und Grazie großer Bäume, winzige mimetische Kunstwerke zur Größe der Natur. Der Bonsai, so sein Name, bedarf besonderer Aufmerksamkeit, einer täglichen Pflege mit einem Hauch Wasser auf den Blättern oder Nadeln und ein paar Tröpfchen in die sprichwörtliche Schale. Man sollte mit ihm in leisem Ton sprechen, rät die Literatur.

Die Kunst des feinen Gewächses in flacher Schale ist das Ergebnis brutaler Gewalt. Es bedarf scharfer Schnitte an Wurzeln wie Trieben und der Gängelung durch dicken Kupferdraht, damit die Wachstumsverzögerung erreicht wird, brutale Eingriffe in den natürlichen Trieb, um sich dann der ausdrucksstarken Miniatur erfreuen zu können. Verkrüppelung. Die unendliche Mühe hat ihren Preis; es werden Honorare aufgerufen, für die es einen Kleinwagen gäbe. Das hindert mich weniger als die Präsenz, die der Bonsai erzwingt. Ein mehrwöchiger Urlaub ist da nicht mehr drin. Es ist wie mit alten Autos und jungen Frau, echt teuer und ständig Theater. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich finde in der Gartenabteilung meines Baumarktes, eigentlich eine Resterampe für holländischen Gartenmüll, einen Bonsai von der Stärke eines Männerarms, durch Draht gebogen und wohlbeblättert, allerdings in einer lausigen Plastikschale, für stolze 146€ . Alta Schwede. Davon dürfte ein Zehntel in Asien hängengeblieben sein, für sicher zehn Jahre Pflege, die eigentlich Schindluderei waren. Im Herzen noch immer ein Revoluzzer beschließe ich, ihn zu befreien.

Jetzt steht er im Sonnenlicht meines Gartens in einem recht großen Container, den ich mit einem ganzen Sack Gartenerde gefüllt, unter die ich sechs Schüppen kleine Bruchsteine gemischt habe, beschwert durch drei große Kiesel und mit vier vollen Kannen Wasser durchfeuchtet. Blaukorn drauf. Die Bonsaischere beiseite gelegt, warte ich nun, wie er wächst und gedeiht und dabei völlig aus der Proportion gerät.

Wenn andere Wale retten, um in den grünen Himmel zu kommen, befreie ich künftig Bonsais.