Logbuch
GEBURTSTAG.
Eigentlich müsste die Wiederkehr des Tages der Geburt der Mutter zur Ehre gereichen, nicht dem Kind. Sie hieß Anneliese und war eine herzensgute Frau; später für den Heranwachsenden auch mal eine Nervensäge. Also: am 13. in den Iden des März 1952 wurde der örtliche Knappschaftsarzt, ein Dr. Steinhäuser aus Oberhausen-Buschhausen, von der Hebamme verlangt durch den eilends radfahrenden Kindsvater nächtens zu einer komplikativen Hausgeburt gebeten, ging dann doch gut; seitdem bin ich, man ahnt es, dabei. Ihr sei Dank.
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VOR GOTT.
So soll unsere Verfassung gefasst sein, sprich das GRUNDGESETZ. Sagt mir ein geneigter Leser. Vor Gott? Also im Sinne seiner Stellvertreter auf Erden? Der Staat hat der Religion zu folgen? Das meint ja im ursprünglichen Sinne katholisch: Die wahre, also einzige, weil einzig wahre Lehre. Dies stehe so in der Verfassung, dem GRUNDGESETZ, sagt mir der geneigte Leser. Ach. Von Bad Hersfeld nach Weimar (A4 Fahrtrichtung Dresden, Höhe Eisenach-Ost) an der Wartburg vorbeifahrend höre ich Luthers laute Stimme: SOLA GRATIA, SOLA SCRIPTURA. Nur aus Gnade werden wir selig! Nur das Wort (das Wort Jesu, nicht das der Kirche) soll gelten! Da war Luther recht entschieden. Gegen den Papst wie gegen den Fürsten. Mit beiden lag er im Streit. Dem Staat, was des Staates ist; und dem Himmel, was des Himmels ist. Martin Luther bedürfte der Beobachtung durch den Verfassungsschutz, hätte mein geneigter Leser Recht. Mir imponiert, wie strikt Kirchen und Staat in Frankreich getrennt sind. Strikter als bei uns. Der Staat hat dort keine Religion, gar keine. Die Menschen jedwede. Das gefällt nur jenen nicht, die aus ihrer eigenen Rechtgläubigkeit Herrschaft über Andersgläubige ableiten wollen. Religion aber ist, um es glatt zu schneiden, eine Privatangelegenheit.
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WÜRZE IN DER KÜRZE.
Wenn man etwas radikal verdichten kann, dann spricht man von seinem CODE, genauer gesagt einem CULTURAL CODE. Das ist so etwas wie das innere Geheimnis einer Sache. Beispiel: Es gibt in den USA so viel Übergewichtige, weil dort das innere Motto gilt: „More is more.“ Die Attraktion der Hamburger XXL etwa besteht darin, dass die Dinger so überladen sind, dass sie niemand mehr essen kann, ohne eine Maulsperre zu kriegen und sich einzusauen. Restaurants werben damit, dass man für kleines Geld so viel Nahrung bekomme, wie man überhaupt nur verzehren könne („All you can eat for $ 9.99“). Ein Lob ist, dass man mehr bekommen hat, als man habe essen können. Der Kerngedanke ist MÄSTEN. Ich lese gerade ein altes Buch von einem Franzosen namens Clotaire Rapaille, der in den USA Karriere gemacht hat, weil er die kulturellen Archetypen zu entdecken wusste. Der Mann galt als Guru des Marketing. Ihm fiel auf, dass der Franzose nach einem guten Essen sein Lob dadurch ausdrückt, dass er sagt, dass es köstlich gewesen sei. Der Amerikaner schiebt den Teller zufrieden beiseite und sagt. „I‘m full.“ Die Amerikaner hätten für „food“ den Code „fuel“ (Treibstoff) und zum Essen die Vorstellung: „Filling up the tank.“ Ein zweiter Gedanke sei „safe sex“; einmal von Mutters Brust abgestillt würden sie das Archteyp beibehalten, dass „satisfaction“ über das Essen zu erreichen sei. Ich glaube, dieser tolle Franzose hat einfach bei SIGMUND FREUD geklaut; heißt dort „orale Phase“.
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APOCALYPSE NOW.
Gestern, einem heißen Sommertag abschließend, ein sehr kräftiges Gewitter mit Hagel. Apokalyptisch. Gleichzeitig lese ich von Johannes Fried eine „Geschichte des Weltuntergangs“, genauer der Weltuntergänge, die sich jede Generation neu vorgestellt hat. Das Buch hat den Titel „Dies Irae“, sprich Tage des Zorns. Das trifft den Kern. Das Jüngste Gericht hat mit einem strengen Urteil zu erwarten, wer sündigte. Wir denken uns unseren Gott als rachsüchtig. Irgendwann ist die allfällige Vergebung der Sünden mal aufgezehrt; dann gibt es Hölle auf Erden. Die Apokalypse ist die ultimative Erfüllung der Wünsche des Masochisten.
Dazu ein Beweis, ein Witz und eine politische Bewertung. Sagt der Masochist zum Sadisten: „Bitte quäl mich!“ Sagt der Sadist zum Masochisten: „Nein!“ Grüne Politik ist im Kern religiös; ihr dient der Weltuntergang nur als Hilfsargument für Symbolhandlungen der Selbstkasteiung. Jetzt der Beweis.
Das Erdbeben in Chili
In St. Jago, der Hauptstadt des Königreichs Chili, stand gerade in dem Augenblicke der großen Erderschütterung vom Jahre 1647, bei welcher viele tausend Menschen ihren Untergang fanden, ein junger, auf ein Verbrechen angeklagter Spanier, namens Jeronimo Rugera, an einem Pfeiler des Gefängnisses, in welches man ihn eingesperrt hatte, und wollte sich erhenken. Don Henrico Asteron, einer der reichsten Edelleute der Stadt, hatte ihn ungefähr ein Jahr zuvor aus seinem Hause, wo er als Lehrer angestellt war, entfernt, weil er sich mit Donna Josephe, seiner einzigen Tochter, in einem zärtlichen Einverständnis befunden hatte. Eine geheime Bestellung, die dem alten Don, nachdem er die Tochter nachdrücklich gewarnt hatte, durch die hämische Aufmerksamkeit seines stolzen Sohnes verraten worden war, entrüstete ihn dergestalt, daß er sie in dem Karmeliterkloster unsrer lieben Frauen vom Berge daselbst unterbrachte. Durch einen glücklichen Zufall hatte Jeronimo hier die Verbindung von neuem anzuknüpfen gewußt, und in einer verschwiegenen Nacht den Klostergarten zum Schauplatze seines vollen Glückes gemacht. Es war am Fronleichnamsfeste, und die feierliche Prozession der Nonnen, welchen die Novizen folgten, nahm eben ihren Anfang, als die unglückliche Josephe, bei dem Anklange der Glocken, in Mutterwehen auf den Stufen…
Was sage ich? Nonnen kriegen Kinder der Liebe. Gut so. Es ist das schlechte Gewissen des vollen Glücks. Beides.