Logbuch

HUB.

Es gibt Gegenden in Thüringen, die so hässlich sind, dass man dem Vorbeifahrenden den Anblick erspart. Dazu gehört direkt hinter Weimar die Stadt Jena. Zwei große Tunnel verbergen die Ansicht dieses Elends. Das war nicht immer so. Hier war ein Hub.

Im Frühjahr 1797 schreibt GOETHE in seinem Tagebuch von einem ausgefüllten Tag. Er habe an seinen Gedichten gefeilt, Alexander von Humboldt getroffen, optische Experimente gemacht, den Shakespeare-Übersetzer Schlegel gesehen und mit Friedrich Schiller zu Mittag gegessen. Nachmittags Wilhelm von Humboldt und den örtlichen Philosophie-Professor Niethammer. Abends sei er im Club gewesen.

Nun war Johann Wolfgang von Goethe ein elender Angeber, aber dass er selbst gegenüber seinem Tagebuch geprahlt hätte, das ginge dann doch zu weit. In dem Städtchen Jena war gegen Ende des 18. Jahrhunderts schlicht die Hölle los. Ein Hub. Den Philosophen Johann Gottlieb Fichte hätte er noch nennen können, Begründer des deutschen Idealismus.

Von Jena aus blickte man über alle Horizonte. Die literarische Intelligenz sah in der Beschäftigung mit dem Elisabethaner William Shakespeare ganz tief in unsere Bildungsgeschichte. Schiller machte in Realgeschichte. Der spätere Weltreisende Humboldt erfand hier die Natur als Gegenstand der Forschung. Fichte bot die Schultern, auf die sich dann der geniale Hegel stellte, auch in Jena.

Und jede Menge Weibergeschichten. Hinter jedem der klugen Männer stand eine weise Frau. Schlegel hat mit Caroline Böhmer um jede Zeile der Übertragung des Elisabethaners gerungen. Und Dorothea Veit geheiratet. Bei Goethens waren es erotische Allianzen in den Adel und handfestere im Alltäglichen. Stichwort „die Vulpius“. Egal. Ich sollte vielleicht bei Jena-Lobeda mal die Autobahn verlassen.

Mal nachsehen, was hinter dem Wall der Plattenbauten die DDR von dem Hub übergelassen hat. Erst hatten die amerikanischen Bomber der zwischenzeitlich braun gefärbten Idylle zugesetzt, dann kamen die russischen Befreier. Zwischendrin haben sie am Ort für Carl Zeiss Linsen geschliffen. Ach, wie profan.

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LEERE STADT.

Hölderlin war nie im Hyatt. Es gibt eine Lyrik des lieblichen Ortes, aber keine Gedichte über Häuserschluchten. Jedenfalls keine gelungenen. Metropolen sind als „locus amoenus“ belanglos.

Mainhattan. Lobby des Frankfurter Hofs, mal das erste Haus am Platz. Piefige Sitzmöbel mit Seilen versperrt. Bar nachmittags ohne Service. Ein kitschig gekleidetes Hochzeitspaar lässt sich orientalisch ausladend im Gang ablichten. Zimmer dreihundert Ocken oder mehr.

Direkt dahinter: Motel One. Gesamte Lobby eine dezent beleuchtete Bar. Angebot eng, aber Service gut, Preise fair. Zimmer zur Zeit teuer, nämlich 139. War auch schon 69. Gute Betten. Was soll ich sagen? Die Aldisierung des Luxus. In einer abgerockten Metropole.

Weg vom Bahnhof über den Kiez. Kaiserstraße: Junkie-Elend allenthalben. Aber dann geordnete Schlange vor Louis Vuitton, geduldige Asiaten. Sehe bei Omega im Fenster meine Uhr, für die ich mal knapp 3k an DM gezahlt habe, jetzt für 9500€. Faktor 10. Obszöne Inflation.

In der Fressgasse keine Rindswurst im Angebot. Das hat es immer rausgerissen, dieses edle Erbe jüdischer Metzger. In die Äppelwoi-Kneipen der Schweizer Straße wage ich mich erst gar nicht.

Metropole ohne Gesicht. Ob es den HÄSSLICHEN HOF wohl noch gibt? Egal. Eine leere Stadt. Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny: „Show me the way to the next whiskybar, oh, don‘t ask why.“

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ROSENKOHL.

Die Königin des Gemüses. Gestern leider halbroh, was der Trottel von Koch „blanchiert“ nennt und aus dem Zuckerwasser („wie bei Spargel“). Barbaren. Kulinarische Nachhilfe.

Der international Brüssel oder Brabant zugewiesene Sprossenkohl wird vorsichtig vom Strunkansatz befreit, aber niemals roh zerteilt, schon gar nicht geviertelt. In Fleischbrühe kurz, aber kräftig aufkochen. Bei Tiefkühlware länger. Eine Casserole fetten (Olivenöl und Butter) und befüllen. Scharf anbraten, dann eine halbe Stunde bei kleiner Hitze simmern lassen. Schmoren erwünscht, deshalb nicht zu häufig wenden. Erst zum Schluss salzen und pfeffern (grober schwarzer), Muskatnuss. Beim Speisen je einzeln zerteilen.

Die Verwendung von Worcestershire Sauce kann toleriert werden, solange damit das englische Original gemeint ist. Der Rest ist Schweigen.

 

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DER BUNTSTIFT.

Mein Berufsleben wurde in frühen Jahren von einem Chef geprägt, der wusste, was er wollte. Ich wurde bei ihm zum Gehilfen der Plausibilisierung. Das ist ein literarisches Gewerbe, in dem man einem komplexen Sachverhalt eine glatte Geschichte zugrunde legt, deren Ton und Verlauf den Menschen so vertraut ist, dass sie sie im Stillen mitsummen.

Dieser CEO, nennen wir ihn Charly, war sich des Widerstands bedeutender Stakeholder bewusst, dazu gehört sein Aufsichtsratsvorsitzender, den er wohl aus tiefster Seele verachtete, jedenfalls sah sich Charly nicht zu Gehorsam genötigt. Oft ließ er sich bei dessen Versuchen zu Telefonaten schlicht verleugnen. Ich erinnere mich noch gut über dessen Fassungslosigkeit. Bei Rotary brach es aus ihm raus: „Der Kerl redet nicht mit mir!“

Anekdote: Der Mann hieß Bund und sein Redenschreiber wurde mit dem Spitznamen „der Bundstift“ veralbert, was diesem aber gefiel. Vielleicht ist die Episode sogar von ihm selbst erfunden; man weiß das bei PR-Leuten nie. Jedenfalls schrieb es irgendwann ein Journalist; damit war es in der Welt, also wahr. Der Stift vom Bund, ein Bundstift.

Von Charly stammt der Satz, dass es nützlicher sei, eine falsche Strategie konsequent durchzusetzen, als eine richtige zu vertrödeln. Genauer gesagt stammt die Haltung von ihm und der Satz von mir. Die Geschichte endete, wie sie im wirklichen Leben enden muss, man setzte ihm den Stuhl vor die Tür. Ich machte mich vom Acker, um nicht an der unvermeidlichen Witwenverbrennung teilnehmen zu müssen.

Heute, da ich große Tanker in seichten Wässern träge treiben sehe, denke ich oft an Charly und das Wort des weisen Cato: „Dem Ignoranten ist kein Wind der richtige, da es keinen Hafen gibt, der da anzusegeln ist.“ Könnte von mir sein. In meinem besten Schullatein: „Ignoranti quem portum petat, nullus suus ventus est.“

Jetzt könnte ich mich noch dazu verleiten lassen, auszusprechen, von welchen Tankern die Rede ist. Mache ich aber nicht. Man kann ja mitsummen.