Logbuch

STILLE. DUNKELHEIT.

Ein hohes Gut ist die Stille, wenn Nachtruhe. Und die Dunkelheit, allenfalls im Kerzenschein. Und glimmende Glut im Kamin, trockenes Landhaus und warm.

Heute Nacht gegen zwei bin ich durch Haus und Hof geirrt, um eine Lärmquelle zu finden. Der wummernde Bass einer schlechten Musik hatte mich geweckt und vermuten lassen, eine Schaltuhr habe ein Radio angestellt, was zufälliger Manipulation der geschätzten Putzfrau entstammen kann. Oder meiner Ungeschicklichkeit.

Auf dem Land ist Stille eines der Güter, die das Leben wertvoll machen. Das weiß zu schätzen, wer die große Stadt zum Vergleich hat. Nun wohne ich in Berlin in der Nähe einer Feuerwache und genieße die Sirenen zehnminütig. Aber auch grölende Fröhlichkeit der Zugedröhnten auf den Straßen der Nacht. Und laute Nachbarn, zumal die AirB‘n’B-Idioten aller Herren Länder in den schwarz vermieteten Wohnungen.

Der Großstadtverkehr auf Asphalt und in der Luft, er reißt nicht ab. Auf dem Land kann ich Stunden im Garten sitzen, ohne dass man auch nur ein Auto hört. Ab und zu, jedenfalls samstags, ein alter Trecker mit einem Schiffsdieselgetucker. Sonst nur die Vögel im Morgengrauen. Zur fehlenden Lärmbelastung kommt das hohe Gut der Dunkelheit: kein Lichtmüll allenthalben wie in den Neonwüsten der Metropolen. Hier hat die Straßenbeleuchtung mittels Stadtgas eine neue Kultur geschaffen, das pulsierende Nachtleben. Auf dem Dorf schläft man nachts, der Herr wie das liebe Vieh.

Außer es ist Muttertagskirmes im Nachbardorf mit einem Live-Concert einer mediokren Cover-Band bis tief in die Nacht, eine kulturelle Entgleisung. Einst eine Kontraktionsform aus „Kirchweih“ und „Messe“ („Kirmes“) nennt es der Berliner treffender „Rummel“. Jetzt auch auf dem Dorf. Kleinrummel. Paaah.

Logbuch

DREI JAHRESZEITEN ARBEIT.

Der Vorschlag einer Vier-Tage-Woche muss von Leuten stammen, denen das wirkliche Leben erspart bleibt, weil sie sich in die Verwaltung dessen gerettet haben. Hier droht die Arbeit schon bald nach der Mittagspause auszugehen und ganz sicher am Donnerstag. Freitag um Eins, da macht jeder seins.

Transferempfängertum. Schmarotzer. Dieses Milieu der wirtschaftlichen Nachhut, die sich politisch zur Vorhut macht (Zeit hat sie ja mangels Arbeit), erfüllt die Grünen und die Sozis in besonderer Weise. Von nichts hat sich die SPD mittlerweile stärker entfernt als von einer Partei der Arbeit; gilt für die Labour Party noch mehr. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Mein Vorschlag: Großzügiger denken! Wir arbeiten drei Jahreszeiten stramm durch und nehmen uns im Sommer frei. Alle. Wir machen den Laden dicht. So wie die Franzosen heute schon, in Anfängen. Acht Wochen ist dort national dicht. Ich sage: Zwölf! Drei Quartale hart arbeiten, eines feiern.

Erst der Sommer ist das Leben wert. Hören wir wie Skakespeare seine Geliebte preist: „Vergleich ich Dich mit einem Sommertage?
O, der ist nicht so lieb und mild wie Du.
In Stürmen schwankt die Maienros' am Hage,
Dem frühen Ende eilt der Sommer zu.

Oft glüht zu heiß des Himmels Auge droben,
Noch öfter ist getrübt sein goldnes Licht:
Und alle Schönheit ist so zart gewoben,
Der Zeit, dem Zufall widersteht sie nicht.

Dein Sommer aber, ewig soll er dauern
Mit aller Schönheit, die Du ihm verdankst;
Tod sich nicht blähn, Du gingst in seinen Schauern,
Wenn du auf Liedern in die Zukunft rankst.

So lange Menschen leben, Augen schaun,
So lang lebt dies und gibt Dir Leben, traun!“

Logbuch

NUTZGARTEN.

Natur ist nicht nett. Survival of the fittest, Dschungel, nicht die Idylle aus Blumenbeet und Kräutergarten. Was die Grünen nicht verstehen.

Wenn der Landschaftsgarten ein kitschiges Arrangement ist, also Kunst nachahmt, so ist der NUTZGARTEN eine Nachahmung der Landwirtschaft im Kleinen. Die Hässlichkeit dieser Gärten ist nur durch ihren Ertrag zu rechtfertigen, etwa die Größe einer Möhre. Gott, wie vordergründig.

Man erkennt die Fehlleitung des Gestaltungswillens schon an der Anlage der Beete, in denen den plattenbelegten Wegen mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird als den Pflanzen. Das Peinlichste sind diese Hochbeete, die aus jedwedem Müll zusammengezimmert werden. Nur noch übertroffen durch Tonnen, Kanister, you name it, die Regenwasser vorhalten. Sagen wir es offen, der Nutzgärtner ist ein erbärmlicher Spießer.

In Straßburg-Entzheim rede ich mit einer österreichischen Köchin, die für die Grünen ins Parlament gezogen ist, über ihre Attitüde, dass man die Landwirtschaft nicht der Kunstdünger- und Pestizid-Industrie überlassen dürfe. Sie erkennt mich, weil sie in Berlin ein Restaurant hatte, in das ich oft mittags mit Ministerialen ging. Und eigentlich kenne ich sie über ihren Ex, der auf Schalke notorisch war. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die Frau ahnt nicht, welch ein Heilsbringer der Stickstoff für den kleinen Bauer war, der eine große Familie aus einem kargen Acker zu ernähren hatte. Das ist keine Nostalgie: Es gibt noch heute in weiten Teilen der Welt eine Unterernährung, die so gravierend ist, dass die Immunsysteme zusammenbrechen und schon Kinder schlicht elend verrecken. Das überzeugt sie nicht. Ihr Feindbild ist Nestle; sei’s drum.

Übrigens hat der Nachbar mit dem NUTZGARTEN ein Elsternnest auf seinem Apfelbaum. Das sehe ich mit Vergnügen, weil die Elster das intelligenteste Tier ist, deutlich vor den Affen, das ein phänomenales Gedächtnis zu seinen Futterverstecken hat. Die diebische Elster: Sie rührt aber die eigenen Vorräte nicht an, solange sie sich als NESTRÄUBER am Nachwuchs der anderen Vögel laben kann. Die nicht verzehrten, aber versteckten Samen führen dann in den Folgejahren zu bunten Gärten.

Aber nett ist das nicht, oder? Nachbars Kinder fressen? Ich sage der Wienerin: Die Natur ist nicht nett. Sie blickt mich ausdruckslos an; sie weiß schlicht nicht, was ich meine.

Logbuch

DER BUNTSTIFT.

Mein Berufsleben wurde in frühen Jahren von einem Chef geprägt, der wusste, was er wollte. Ich wurde bei ihm zum Gehilfen der Plausibilisierung. Das ist ein literarisches Gewerbe, in dem man einem komplexen Sachverhalt eine glatte Geschichte zugrunde legt, deren Ton und Verlauf den Menschen so vertraut ist, dass sie sie im Stillen mitsummen.

Dieser CEO, nennen wir ihn Charly, war sich des Widerstands bedeutender Stakeholder bewusst, dazu gehört sein Aufsichtsratsvorsitzender, den er wohl aus tiefster Seele verachtete, jedenfalls sah sich Charly nicht zu Gehorsam genötigt. Oft ließ er sich bei dessen Versuchen zu Telefonaten schlicht verleugnen. Ich erinnere mich noch gut über dessen Fassungslosigkeit. Bei Rotary brach es aus ihm raus: „Der Kerl redet nicht mit mir!“

Anekdote: Der Mann hieß Bund und sein Redenschreiber wurde mit dem Spitznamen „der Bundstift“ veralbert, was diesem aber gefiel. Vielleicht ist die Episode sogar von ihm selbst erfunden; man weiß das bei PR-Leuten nie. Jedenfalls schrieb es irgendwann ein Journalist; damit war es in der Welt, also wahr. Der Stift vom Bund, ein Bundstift.

Von Charly stammt der Satz, dass es nützlicher sei, eine falsche Strategie konsequent durchzusetzen, als eine richtige zu vertrödeln. Genauer gesagt stammt die Haltung von ihm und der Satz von mir. Die Geschichte endete, wie sie im wirklichen Leben enden muss, man setzte ihm den Stuhl vor die Tür. Ich machte mich vom Acker, um nicht an der unvermeidlichen Witwenverbrennung teilnehmen zu müssen.

Heute, da ich große Tanker in seichten Wässern träge treiben sehe, denke ich oft an Charly und das Wort des weisen Cato: „Dem Ignoranten ist kein Wind der richtige, da es keinen Hafen gibt, der da anzusegeln ist.“ Könnte von mir sein. In meinem besten Schullatein: „Ignoranti quem portum petat, nullus suus ventus est.“

Jetzt könnte ich mich noch dazu verleiten lassen, auszusprechen, von welchen Tankern die Rede ist. Mache ich aber nicht. Man kann ja mitsummen.