Logbuch

LINKED INN.

Jede Plattform hat ihren eigenen Charakter, so wie eine Kneipe. Die Stammgäste der jeweiligen Lokalität machen die Stimmung aus. Und wer da so verkehrt. Was da so los ist.

Ich selbst stamme von FACEBOOK, ein Rentnerball, Party im Altersheim. Im LINKED INN verkehren die noch frischen Geltungssüchtigen; das ist die Bar für jene, die bar jeder Scham sind. Es herrscht der Zwang zum bedingungslosen Eigenlob. Man fotografiert sich selbst („selfie“) und lobt sich selbst („Autoestimation“) und teilt eben das seiner Peer Group („Blase“) mit. Um es überpointiert zu sagen: das Onanierverbot ist hier aufgehoben. Man ist zeigefreudig.

Dass Eigenlob stinkt, diese Weisheit meiner Frau Mutter, die gilt hier nicht. Es loben sogar abhängig Beschäftigte ihre Vorgesetzten. Eine Welt der Speichellecker & Arschkriecher. Es loben sogar PR-Manager ihre journalistischen Ansprechpartner für ein Stück über sie selbst und hängen denen damit einen Nuttenorden um. Nie hätte ich einen Journalisten öffentlich gelobt, nie, aus Respekt vor seiner Integrität.

Jetzt sehe ich eine vermeintliche Geheiminformation aus einen angeblichen Insider-Dienst über eine PR-Chefin, die auf der Abschussliste ihres Ladens stünde. Lokalverbot drohe. Nun, die Dame ist noch vom alten Regime über; da kann es schon mal zu einem Ruf nach Trainerwechsel kommen. Dieses Gerücht geht im LINKED INN um. Und wer teilt es (so heißt dort die aktive Weiterverbreitung)? Na, die Betroffene selbst. Wenn das kein „Fake“ (Falschmeldung) ist, dann staune ich. So weit kann Selbstbezichtigung also gehen.

Es gab schon immer den Spruch der Eitlen, dass man lieber einen guten Freund verliere, als einen Witz auszulassen. LinkedIn ist bar jeder Vernunft; darin ähnlich der Kinder-Disco TIC TOC, aber eben unter Nachpubertären, die nicht erwachsen geworden sind. Eine Dorf-Disko für Städter. Im Himmel ist Kirmes. Peinlich.

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KRIEGSZIELE.

Einen Krieg zu beginnen, das scheint, wie alle großen Dummheiten, leicht. Und alle Kriege dienen für eine der beiden Seite einer gerechten Sache. So behaupten in der Regel aber beide Seiten, da beide sich angeblich nur zu verteidigen suchen. Mindestens einer lügt, manchmal beide.

Ich stehe als Zeitzeuge zwischen vielen Fronten, ohne dass ich mit den Schultern zucke. Man kann wissen, wer hier oder dort der Aggressor war. Das ist nicht mein Punkt. Aber der Metapher des Endsiegs, der weiß ich nicht zu folgen; die ist mir historisch versperrt.

Wenn Kriegsbegeisterung noch angefacht wird, ist schlecht räsonieren; aber im Rückblick des Historikers darf doch nach dem KRIEGSZIEL gefragt werden. Das meint den zivilen Sinn des Militärischen. Eine berechtigte Frage, die die Kriegswilligen und ihre entschiedenen Unterstützer meist nicht ehrlich zu beantworten wissen, wenn die Waffen noch sprechen sollen.

Man flieht in Semantik. Die Russen dürfen ihren Angriffskrieg gegen die Ukraine nicht gewinnen, höre ich höheren Orts, mit dem nachgeschobenen Satz, dass die Ukrainer ihn zumindest nicht verlieren dürften. Und mitten in diesem Desaster soll Putin Lettland gedroht haben, erzählt man mir. Mein Verteidigungswillen soll nicht nachlassen.

Wann ist der militärische Gegenschlag Israels gegen die Guerilla namens Hamas beendet, fragt ein irisch-stämmiger Amerikaner in einer von jüdischen Intellektuellen geprägten New Yorker Zeitschrift. Dieser Dritte fragt: Gibt es eine Quote an notwendigen Opfern auf der Gegenseite oder kollateraler Natur? Eine territoriale Lösung gegen eine Stadtguerilla gebe es eh nicht.

Was sind die Kriegsziele hier und dort im Konkreten? Ein Krieg ist schnell begonnen und schwer beendet, eine lapidare Logik bösester Konsequenz. Läppische Episode: Von dem englischen Premierminister Boris Johnson ist zu lesen, dass er im innereuropäischen Streit um Impfstoff während der COVID-Pandemie auch den Einsatz von britischem Militär gegen eine holländische Pharmafirma hat prüfen lassen. Um an die Spritzen zu kommen.

Darf ich dazu sagen, dass Dresden grüßen lässt, oder verharmlost das den damaligen faschistischen Aggressor, nämlich mein Vaterland? Ja, das wäre der Einlassung wohl vorzuwerfen. Sehe ich deshalb die Kriegsführung Churchills als Heldentat? Ich bin da zumindest zurückhaltend. Kriege kennen keine Sieger im zivilen Sinne.

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ANNE WILL NICHT MEHR.

Ich auch nicht. Jeden Sonntag Abend hat sie einen Stuhlkreis geleitet, der ein kostbares Gut herbeischwätzte, den MAINSTREAM. Für Verschwörungstheoretiker ein Mysterium, für den Insider ein Machwerk.

Zunächst ist der Gastgeber, die Moderatorin, nur eine Figur in einem Rollenspiel, das ihre Redaktion besetzt. Dieses Schattenkabinett regiert; und hinter dem Schattenkabinett der Produktionsfirma regiert das des Senders. Dahinter der Zeitgeist. Man will ein „aktuelles“ Drama aufführen, aber eben ohne explizites Drehbuch. Darum fragt man in Vorgesprächen den Bühnentext in die einzuladenden Staatsschauspieler rein.

Bei den Charakterrollen der notorischen Gäste weiß man das schon, welche Sprüche sie aufsagen werden. Ober es gibt regelrechte Absprachen, meist zur Konfiguration, nicht so sehr zu konkreten Formulierungen von Fragen. Wer wissen will, aus welchem Fleisch die Wurst „Mainstream“ gemacht wird, muss die Zusammensetzung der verdeckten Redaktionen kennen. Wer Einfluss haben will, muss dort jemanden kennen. Besser noch mehrere sogenannte Confidenten.

Die „tiefe Redaktion“ (ein Phänomen nicht nur des Öffentlich-Rechtlichen Rundfunks) wird aber von vordergründigeren Nöten getrieben. Ein Thema muss über den fast vierzehntägigen Planungshorizont halten; das Gähnen im Publikum bei Programmankündigung sollte sich in Grenzen halten. Da helfen Gäste, die ungeachtet der Nachrichtenlage als Magneten gelten.

Zweites Kriterium: Vermeidung erwartbaren Ärgers aus der Lobby. Insbesondere zu „falschen Fragen“, sprich Unterstellungen im Faktischen, die nicht halten. Das gibt schlechte Print-Presse und schreckt unter Umständen künftige Gäste ab. So sensibel war ich, als ich noch zu Talkshows geladen wurde, aber nicht. Ich bin zu jedem Thema in jeder Runde auf jeden Sendeplatz gegangen. Manche Meinung hat dann nicht mal eine ganze Sendung lang gehalten; das geht eigentlich gar nicht.

Im Rückblick hätte ich dem Publikum alle Auftritte ersparen können; mir eh. Spannend waren aber immer die After-Show-Partys: Bei Christiansen legendär, bei Will nett und bei der Trusche Maischberger so peinlich wie die Sendung selbst. Zu Lanz sage ich nichts.

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DER JAHRMARKTSTÜRKE BEI EDGAR ALLAN POE.

Wer früher einen exotischen Charakter vorstellen wollte, wählte nicht einen koksenden Kindskopf aus dem kalifornischen Silicon Valley oder einen weltweisen Chinesen mit kleiner Pfeife, sondern einen typischen Türken, der den Zeitgenossen als Mysterium galt, einen osmanischen Magier.

So auch der Kirmes-Aussteller mit dem Schachautomaten, der auf Jahrmärkten mit einer Maschine auftrat, die angeblich Schach zu spielen wusste. Der Schach spielende Automat, den der österreichische Erfinder Wolfgang von Kempelen 1770 vorstellte, war natürlich noch vollständig mechanisch angelegt; der Halbleiter aus Silicon noch gar nicht entdeckt. Ein Uhrwerk, das mechanische, war die höchste damals bekannte Technik. Also staunten die Menschen auf den Volksfesten darüber, was so ein Apparat kann. Nur zu Dekorationszwecken thronte über der Denkenden Kiste die Puppe eines mechanischen Muselmanen.

Der Türke war getürkt, weil ein Automat mit Puppe angeblich konnte, was sonst nur Genies gegeben, nämlich das Spiel der Könige zu spielen. Es gab unter all den Nerds einen Skeptiker. Er hieß Edgar Allan Poe und war ein Freund der Abgründe des scharfen Verstandes. Poe rekonstruierte die Spiele des Automaten und fand etwas zu tiefst Unmaschinelles: Der Türke zeigte neben der Routine gelegentlich irre Intuition und machte manchmal höchst banale Fehler. Poe schlussfolgerte: Der Automat ist gar keiner, in der Kiste muss, vor den Blicken des Publikums verborgen, ein Mensch sitzen. Genie wie Trottelei, beides, hatten ihn verraten.

Und so war es; man hatte einen Großmeister in der Kiste unter dem Türken verbarrikadiert, der die vermeintlich mechanische Puppe führte, sprich inspirierte. Die Sache war getürkt. Wer das verstanden hat, versteht auch das umgekehrte Problem, dem gerade Lichtgestalt des Journalismus und der Politik zum Opfer fallen. Sie haben ihre angeblich höhere Intelligenz getürkt, indem sie die technische namens KI nutzten, was aber Plagiatsforschern wie dem Wahnhaften Weber (sapienti sat) intellektuell zugänglich ist. Das ist jetzt Poe in Paradox: Der Professor kann nachweisen, dass der Türke ein Apparat ist.

Ich schließe mit einer Bemerkung pro domo: Dass das Logbuch nicht von einem Apparat stammt, das sieht man an den notorischen Fehlern, die meiner Rechtschreibschwäche geschuldet sind. Dazu ist KI zu schlau. Und an den seltenen Intuitionen, wozu ChatGPT sicher zu doof. Der Türke hier, so meine Nachricht, ist nicht getürkt.