Logbuch
PAUKER.
Wir haben die Kinder in der Pandemie in die Ecke geschoben. Jedenfalls, was das Recht auf Schule und Kindergarten angeht. Der Staat hat sich vor einer seiner vornehmsten Pflichten gedrückt. Verdruckst, in peinlichem Hickhack. Und dann höre ich jetzt eine einzelne Schülerin mit Achtung von einer einzelnen Lehrerin erzählen, die sie fördert. Nur ein Gedanke: Wie wichtig sind GUTE LEHRER. Wie erbärmlich hat dieses Land versagt.
Ich hatte gute Lehrer und ich hoffe, dass ich ein guter war. Nicht immer, eh klar, aber in der EINSTELLUNG. Ich war nicht lange PAUKER, aber gerne. Ich war kein guter Schüler (das Abi haben sie mir geschenkt; die Kurve zum SUMMA habe ich erst im Hauptstudium gekriegt), aber ich habe Lehrer geschätzt. Selbst die, die ich geärgert habe und die, die mich abstraften. Noch heute denke ich an meine Grundschullehrerin Fräulein N., meinen Deutschlehrer Hans B. auf der Penne und meinen Doktorvater Jürgen L. Und meine Frau Mutter, die mir nachmittags am Küchentisch mit verstellter Schrift die Hausaufgaben machte, wenn ich ihr zu müde war (Zustände wie bei Baerbocks).
Man fühlte sich gefördert. Das nannte sich etwas steif PÄDAGOGISCHER EROS. In der Pandemie fehlt der ganz, jedenfalls dem Staat. Ich fürchte: Unsere Entscheidung, die Fürsorge für die ÄLTESTEN weit über die Fürsorge für die JÜNGSTEN zu stellen, bleibt als eine Schuld historischen Ausmaßes. Wir sollten uns schämen.
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NAKED SHORT SELLING.
Als der Dichter Bertolt Brecht Ende der Zwanziger Jahre zu verstehen suchte, wie an der amerikanischen Börse mit WEIZEN spekuliert wurde, hat er notiert, es verstanden zu haben und zugleich auch wieder nicht. Aber er war sich sicher, wie er schrieb, „in eine BÖSE SACHE geraten“ zu sein.
KOGNITIVE DISSONANZ. So geht es mir, seit ich zu kapieren suche, was SHORT SELLING ist. Ich verstehe es nicht wirklich. Es geht im besonderen um UNGEDECKTE LEERVERKÄUFE, die die Herrschaften „naked (!) short selling“ nennen. Das ist, nachdem, was ich bisher höre, die Spekulation auf einen Kursverlust eines Papiers, das man weder besitzt noch geliehen hat, und zwar durch eine gezielte Informationspolitik, die aber keine Marktmanipulation sei. Daraus werde ein erheblicher Gewinn realisiert. Das verstehe ich nicht wirklich; auch nicht, nachdem ich einen Freund danach gefragt habe, der ein anständiger Kerl ist und sich, im Unterschied zu manchem PR-Ethiker, wirklich auskennt.
Nein, ich möchte es auch nicht noch mal erklärt bekommen. Es hätte mir zudem zunächst gereicht, wenn ich für mich verstanden hätte, was GEDECKTE LEERVERKÄUFE sind, also solche, wo sich jemand das Papier, auf dessen Abstieg er wettet, wirklich geliehen hat, um es dann zunächst zu verkaufen und schließlich billiger zurückzukaufen, wenn er es zurückgeben muss, und so von dem Delta lebt. So weit, so gut. Da würde ich insbesondere gerne verstehen, warum das Aktienpaket von seinem Besitzer verliehen wird. Wer dabei wie profitiert und wer haftet, wenn das mal schief geht. KORREKTUR: Nein, auch das will ich nicht wissen. Ich steige aus dem Thema aus.
Man muss bei solchen ökonomischen Studien auf sein SEELENHEIL achten. Bei Brecht verfinsterte sich damals seine Weltsicht erheblich. Er brachte die Spekulation um Weizen kurzschlüssig mit dem Welthunger in Zusammenhang. So einfach sind die Dinge ja nicht. Man wird bösgläubig und kann zum POLITISCHEN IRRLÄUFER werden. Das sollte man sich ersparen.
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GEBRAUCHTWAGENHÄNDLER.
Er hatte schon immer einen schlechten Ruf, der Handel mit Autos aus zweiter oder dritter Hand. Es roch nach Betrug. Hinterhöfe mit Kampfhundekäfigen. Schmuddel-Image. Dabei ist er eine Schule des Lebens. Ich sehe bei einem Händler um die Ecke alle Autos, die er präsentiert, mit einem besondere Nummernschild. Das steht: Automatik oder Winterpaket oder Ohne km. Auch: TÜV frei oder AHK.
Respekt! Das ist eine Kunst, so auf den Punkt zu kommen. Im Marketing USP genannt, „unique selling proposition“, einmaliger Verkaufsvorteil. Sprichwörtlich: „In der Kürze liegt die Würze.“ Das Nummernschild will ein weiteres, aber schlagendes Argument liefern, um die müde Schüssel doch noch interessant zu machen. In der Politik wäre das ein Motto, ein Slogan. AMERICA FIRST war so etwas.
Wer das kommunikativ kann, hat große Chancen auf Erfolg. VERDICHTEN. Reduktion von Komplexität. Etwa bis in die Grußformel, die eine ganze Weltanschauung zum Ausdruck bringen soll: GRÜSS GOTT oder ROTFRONT oder, böses Beispiel, HEIL HITLER. Verdichten, also. Könnte man das für die Kandidaten der anstehenden Bundestagswahl? Auf ein Nummernschild schreiben, wofür sie stehen?
Der Gebrauchtwagenhandel verlagert sich gerade vom Hinterhof ins Internet. Auch das ist hochinteressant. Wie hier BEQUEMLICHKEIT zum Schlüsselargument gemacht wird, sogenannte CONVENIENCE. Oder die Serosität einer Versicherung auf den Schmuddelmarkt übertragen werden soll. Sogar GARANTIE oder ein Rückgaberecht werden versprochen. Dabei liegt die Logik der Internethändler immer im System, also geschickt genutzte Datenfülle gegen Nutzerignoranz. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
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BIOTOP.
Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.
Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.
Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.
Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.
Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.