Logbuch
KEIN SCHÖNER LAND.
Warum findet das KONSERVATIVE keinen Kanzler? Friedrich Merz bleibt ein leerer Anzug. Warum wächst dem BÜRGERLICHEN kein Kopf? An der Stärke der Gegner kann es nicht liegen.
Unterbrechen wir für einen Moment den Spott über die AMPEL, der es die Geschichte wahrlich nicht leicht macht, mit sich selbst ins Reine zu kommen. Vernachlässigen wir für eine Sekunde die Warnungen vor dem Rechtspopulismus der AfD. Was ist mit dem gutbürgerlichen, liberal gesinnten KONSERVATIVISMUS? Dem „Normalen“ in der Mitte; von mir aus auch rechts der Mitte? Wenn sie hier ein personelles Angebot hätte, könnte die Union wieder die Regierung bilden; sollte man meinen.
Was fehlt Friedrich Merz dazu? Noch immer ist Helmut Kohl ohne Nachfolge. Das Interregnum unter der Dame aus dem Osten hat die Union IDEOLOGISCH nie mit Glück erfüllt. Frau Merkel war eine ungewollte Gelegenheit des Machterhalts, aber keine LEITFIGUR konservativer Werte. Ist es die Konkurrenz an reaktionären Parolen durch die AfD, die Merz so hohl klingen lässt? Rechts blinken und geradeaus fahren, das gelingt ihm nicht so richtig. Empty suit.
In der CDU weiß man, dass der bayerische Ton der CSU national nicht hilft, zumal diese mit dem opportunistischen Franken Söder auch keinen echten Strauß-Ersatz gefunden hat. In NRW befördert man mit einem neuen Schönschwätzer als schwarzem Ministerpräsidenten das Konzept, konservativ zu sein, aber auf keinen Fall so zu erscheinen. Immer gut gekämmt, der Westentaschen-Kennedy. Ein schwarz-grüner Versuch, dessen Selbstverleugnungen epochal sind.
Das KONSERVATIVE findet keinen authentischen Ausdruck. Armin Laschet hätte es sein sollen, wurde aber sein Alter Ego, den Bruder Leichtfuß, nicht los. Es herrscht stattdessen ein Sog von rechts, der dadurch entsteht, dass die AfD zwar zu verdammen ist, aber trotzdem die Themen ansaugt, mit denen man rechts der Mitte Stimmung machen könnte.
Mich erinnert diese Bredouille an die USA, wo die Demokraten unbeliebt sind und die Republikaner unwählbar. Diese Schwäche des bürgerlichen Lagers kann der Demokratie gefährlich werden. Sie hinterlässt uns als Wähler zwischenzeitlich vor dem Dilemma, den wohlgenährten Zeitgeist der grünen Bellizisten zu ertragen, weil wir uns trösten, dass da noch eine FDP ist, die aber auch kein Kapital schlagen kann, und eine SPD, die sich im Attentismus übt.
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TASS KAFF.
Der Engländer kürzt sie als CUPA ab, die cup of coffee. Die hysterische Sekretärin fragt, eine Oktave zu hoch: “Käffchen?“ Die Italiener haben eine Wissenschaft draus gemacht mit Maschinen so groß wie Mondlandefähren. Eigentlich gehörte der Kaffee aber den Osmanen.
So ist er über die Welt gekommen, der Lebenssaft aller müden Menschen, aus den Basaren. Der Wein der Muslime. Dann natürlich der Treibstoff der Kolonialherren, in den Kaffeehäusern Londons. Auf der Mitte beider Kulturen das Wiener Café, eine Stätte der Kultur. Kaffee ist das Bier der Klugen, Treibstoff der Wachen, ein Medium der Aufklärung.
Warum beginnt der Tag erst nach dem Genuss eines Kaffees? Man könnte argumentieren, dass das anregende Coffein sei. Aber das ist vordergründig. Kann das Geheimnis im warmen Wasser liegen? Wohl kaum. Obwohl, wenn man sieht, was der Engländer an Tee zu sich nimmt, man schon von Trinkkuren sprechen könnte. Die amerikanischen Kulturbanausen bei Starbucks verunstalten den Ritus mit Glaströgen voll aufgeschäumter Milch und skurrilen Geschmackszusätzen. Zudem fragt mich der Affe mit dem „men‘s bun“ hinter der Theke nach meinem Vornamen, den er auf den Pappbecher pinselt. Ekelhaft.
Wir reden hier von einem echten Morgenkaffee, der mittels der Aromaporen des Filters aus dem Haus Melitta gelaufen ist. Ja, Aromaporen. Vielleicht sprechen wir noch vom Crema aus der Monstermaschine, so sie aus Italien oder der Schweiz stammt. Aber bitte keine Kapseln, weder aus Alu noch aus vulgärem Plastik. Nie. Dann lieber noch den gefriergetrockneten Pulverkaffee, die Notlösung der Obdachlosen.
Und Schweigen. Ruhe. Kein Radio, kein mitlaufendes TV, kein Gespräch. Nur die schwarze Brühe des Osmanen und ich. Kein Geplapper!
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GROSSE KLAPPE.
Mein Motto war mal: Zu allem eine Meinung, aber für nix zu gebrauchen. Aus dem Innenleben der „chatting classes“. Eine gute Nachrede.
Ein junger Kollege berichtet mir, dass er gestern im Nachlass von Professor LUTZ ERBRING an der FU einen Brief von mir gefunden habe, den ich vor zwanzig Jahren an ihn, den Methoden-Papst, geschickt hatte. Dabei erinnere ich eine Peinlichkeit meinerseits.
Ich saß mit dem legendären Prof und seiner Gattin beim Wein, als er von der besonderen akademischen Qualität amerikanischer Unis schwärmte. Er hatte dort seinen PhD gemacht und gelehrt; und die US of A von ihrer besseren Seite kennengelernt. Ich aber, nassforsch wie so oft, habe mich dazu ironisch verhalten. Das war gleich mehrfach dumm.
Mir imponiert wie der Romanist HANS ULRICH GUMBRECHT (ein Alumnus aus Bochum) heutzutage von den Efeu-Unis spricht. Er entfaltet da eine eigene Rolle als Publizist von der IVY LEAGUE. Ich stehe ferner in der Schuld des Germanisten JOCHEN SCHULTE-SASSE (Emeritus in Minneapolis, Minnesota), was eine andere Geschichte ist, wie Kipling sagen würde.
Vor allem aber ist die Freie Universität zu Berlin, kurz FU, ein Kind amerikanischer Güte, die den Kriegsgegner Deutschland nach der Niederlage nicht vernichteten, sondern umerzogen. Zum Beispiel durch eine Uni in Dahlem. Ein anderer Bochumer Alumnus (FRIEDRICH KITTLER) hat dazu Schlaues gesagt, zu der Re-Education. Und unserem klebrigen Nationalcharakter als Moralaposteln.
Schließlich hat ERBRING dem legendären MANFRED GÜLLNER (forsa) zur Honorarprofessur verholfen, der wiederum mich auf PAUL LAZARSFELD gebracht hat, den Papst der Päpste in Fragen der empirischen Sozialforschung. Ich habe mal was zu dessen Frau MARIE JAHODA veröffentlicht, allerdings mit deutlicher Unterstützung einer Ghostwriterin.
Und so hält mein Gedächtnis peinliche Torheiten wach, die mich beschämen sollten, aber es nicht tun. Große Klappe war früher halt mein Markenzeichen. Das hat sich ja nun zum Glück gelegt.
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BIOTOP.
Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.
Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.
Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.
Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.
Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.