Logbuch

MIT NIX GEMEIN.

Zu den Vorbildern des Journalismus als höherem Gewerbe gehört Hanns-Joachim Friedrichs, Namensgeber eines eigenen Preises für die schwätzenden Schergen der Vierten Gewalt. Ihm verdankt die Branche das Motto, nach dem sich ein guter Journalist mit keiner Sache gemein mache, auch keiner guten. Das ist ja mal ein Wort. Klingt gut und, wie angenehm, erlaubt Feigheit. Mit nix was gemein.

Im Mutterland der westlichen Demokratie spricht das Organ dieses wertebestimmten Haltungsjournalismus, die BBC, davon dass man unparteiisch zu sein habe: „due impartiality“. Das hat dieses parlamentarische Denken zur Grundlage, nach dem eine Sache immer zwei Seiten habe, eine auf der rechten wie eine auf der linken Seite des Hohen Hauses. Oder die Dualität von Anklage und Verteidigung im Gerichtssaal. Da werden dann aber auch schon die Grenzen dieses binären Denkens deutlich. Erwarten wir von einem Richter auch, dass er unparteiisch sein möge und heißt das dann, dass er sich mit keiner Sache gemein machen dürfe, auch nicht der guten? Ein Urteil ist bestenfalls ein Urteil, nie Gerechtigkeit gegen Jedermann.

Das Leben ist komplizierter als das Weltbild des öffentlich-rechtlichen Gesinnungsjournalismus. Und ich kenne dessen blasierte HeldInnen aus der Nähe. Dass auch die rechten Hetzer dies sagen, macht sie nicht zu Agenten der Wahrheit; eher im Gegenteil. Vieles von dem, was die Rechte an den Woken tadelt, beschämt mich eher wegen der intellektuellen Armut des Angriffs. Mein Weltsicht ist dadurch geprägt, dass bei diesem oder jenen Streit möglicherweise beide Parteien Unrecht haben. Schon deshalb ist man lieber unparteiisch. Es gibt zu vielen Sachverhalte mehrere Irrtümer. Die Wahrheit ist immer nur eine Übereinkunft; oft vorübergehender Natur.

Jetzt zum eingangs genannten Hajo. Ich habe mit ihm zusammen PR-Produktionen gemacht, bei denen er Interviews mit Industrievorständen geführt hat und sie nett zu ihren Geschäften befragte. Natürlich haben wir dabei von der Glaubwürdigkeit des „tv anchors“ profitieren wollen und selbstverständlich ein bescheidenes Honorar bezahlt. Und? So, jetzt macht die Kiste auf und lasst die Jakobiner raus.

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KAFFEEHAUS AUS.

Die Gastronomie wie der Lebensmitteleinzelhandel unterliegen einem raschen Wandel, der schon durch die amerikanischen Fastfoodketten vorgezeichnet worden ist. Denn McDoof und WürgerKing sind eigentlich Immobilien-Unternehmen, die rund um einen größeren Parkplatz Gewerbeflächen für Tankstellen wie Reifenhandel und Waschstraßen betreiben und dem noch eine Bräterei für flache Frikadellen im Pappbrötchen hinzufügen. Das entscheidende für die Besucherfrequenz ist der Abstellraum für PkW. Und an welcher Ausfallstraße. Eine Immobilie heißt zu Recht auf Deutsch „unbewegsam“, weil ihre fixe Geografie den Geschäftserfolg bedingt. Lage, Lage, Lage.

Ältere Café-Betriebe, oft in Innenstädten, präsentieren noch in großen Glastheken ganze Bataillone an üppigen Sahnetorten, die der wohlerzogene Kunde bei Betreten des Etablissements auswählt, um sich das mächtige Stück Schwarzwälder Kirsch dann an den Tisch bringen zu lassen. Das Kalorienangebot entspricht dem Wochenbedarf eines Stahlarbeiters. Die Bedienung ist mit einem weißen Schürzchen bekleidet, das der Eröffnungsszene eines Beate-Uhse-Films der Siebziger zu entstammen scheint. Die Stimmung entspricht dem Speisesaal vom Don Biskopp Heim in Oer-Erkenschwick. AWO-Charme. Ranzige Frühstückskarte, garniert mit Essensresten.

Ganz neu allerorten jetzt die als Kleinrestaurant getarnten Aufbackstationen für Tiefkühlgebäck, die mit dem spärlichen Gestühl und dem schmuddeligen WC das Recht erwerben, auch an Sonn- und Feiertagen zu öffnen. Hier bestelle ich einen Doppelten Expresso (sic) und erhalte in einer Kaffeetasse (sic) eine Drittelfüllung bitteren Kaffees und dazu ein einzelnes Milchdöschen auf der Untertasse (sic). Das sind diese Undinger aus Plastik und Alufolie, die kein Mensch geöffnet kriegt; was aber auch besser ist, weil was sich als Milch gibt, nur eine weiße Zuckerplörre ist. Und was fange ich mit der mickrigen Mini-Füllung eines einzelnen von den Mistdingern bei einem Doppelten mistigen Ness-Kaffees an?

Kann ich bitte noch mal das Menü aus dem Altenheim sehen?

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NOMEN OMEN.

Warum gab es auf den Segelschiffen der Hanse stets ganze Fässer mit hochprozentigem Rum? Und zu Schichtbeginn für jeden Matrosen der anstehenden Wache eine Kelle voll in den Rachen? Die Ausgabe bewacht vom Ersten Offizier und einem schiesswütigen Musketier? Ich blättere in einem Folianten.

Karl Lagerfeld hat es vorgemacht. Wenn Bücherfreund, aber des Lesens nicht wirklich kundig, sammle Bildbände. Er soll 300.000 Bände hinterlassen haben. Davon bin ich noch sehr weit entfernt. Gestern aber fällt mir ein Werk der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in die Hände, das ich aufheben werde. Es geht um die Hanse, das europäische Handelsnetzwerk des 15. Jahrhunderts zwischen Brügge und Novgorod. Echt erstaunlich.

Es gab damals ein Europa, jedenfalls für die bürgerlichen Helden des Fernhandels. Man hatte noch Ärger mit den nachgelassenen Machtstrukturen des Feudalismus, aber dem Adel war die Stunde schon geschlagen. Wenn die EU heute könnte, was die Hanse damals vorgemacht hat. Ich bestaune die Koggen der Bergenfahrer, nicht nur riesige Schiffe, die gut und gern 1500 Tonnen Ladung nehmen konnten, sondern auch eigene soziale Universen. Im Heck des hölzernen Monsters prächtige Stuben für die Offiziere und im Bauch elendeste Massenquartiere für die Mannschaft. Man merkt an meiner ungelenken Sprache, dass ich mich nicht auskenne in der Christlichen Seefahrt.

Immer muss Meuterei gedroht haben und die Disziplin deshalb eisern. Dann sehe ich eine Karikatur von Holbein dem Jüngeren dazu, wie es auf Kriegsschiffen angeblich so zuging. Ganz offensichtlich gab es Frauen an Bord und einen exzessiven Alkoholmissbrauch. Im Krähennest sitzen zwei „drunken sailor“ und ein weiterer mit Nachschub in der Takelage. Einem Seefahrer ist schlecht, er füttert die Fische. Party war angesagt. Ich meine mich an Rumfässer als literarischem Topos zu erinnern. Von den seltenen Landgängen ausgehungerter Seeleute wissen die einschlägigen Häfen Böses, jedenfalls Bizarres zu berichten.

Und es gab neben den braven Kaufleuten natürlich Betrüger und regelrechte Seeräuber aus Profession. Die Vitalienbrüder erregen mein Interesse. Ihr Anführer mein Namensvetter: Klaus Störtebecker. Das ist Niederdeutsch für den Imperativ „Stürz den Becher!“ Der Namen ein Vorzeichen. Ich lege den Bildband zur Seite und leiste Gehorsam.

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BIOTOP.

Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.

Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.

Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.

Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.

Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.