Logbuch

HOBBY.

Schon das Wort klingt betulich, ein Steckenpferd haben, dem englischen „hobby horse“ entlehnt, einem Kinderspielzeug. Man sieht vor seinem inneren Auge den Briefmarkensammler. Oder den Hobby-Gärtner, der im Hinterhof Möhren zieht. Noch schlimmer der Hobby-Koch, der sich etwas darauf einbildet, ein Ei auch poschieren zu können, und Freunde zu deren Leidwesen bekocht.

Ich sollte es erklären. Briefmarken waren kleine klebefähige Bildchen von Postillionen, um die einiger Kult getrieben wurde, obwohl es nur Quittungen für die Entrichtung von Transportkosten waren. Früher kam täglich ein Briefträger und übergab Prints an die auf Umschlägen verzeichneten Empfänger. Er zahlte übrigens auch Renten aus und zog die Gebühren für den ÖRR cash ein. Ich habe mein Studium als Post-Zusteller in den Semesterferien finanziert; man ging trotz Bafög Lohnarbeit nach. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Man ordnet das Hobby der Freizeit zu, die eine Einteilung ist, die die Fabrikglocke geschaffen hat, nämlich als Nische zwischen dem Diktat des Arbeitgebers und der notwendigen Nachtruhe. Man ging einem Spiel nach, entweder im sportlichen Sinne oder einem kulturellen wie der Musik oder der Frauen vorbehaltenen Handarbeit. Dem Hobby hing immer etwas Skurriles an; der Mensch durfte dabei halt Mensch sein; dabei neigt er zu Merkwürdigkeiten.

Womit wir bei den Bärtigen aus Trier sind. Karl Marx hat der Vorstellung der ENTFREMDUNG einige Aufmerksamkeit geschenkt. Die Fabrikarbeit war entfremdet, das künstlerische Spiel nicht. Der Gedanke ist eigentlich von Friedrich Schiller, der im Unterschied zu Goethe Marxist war. Der Mensch sei Mensch nur, wo er spielt. Ich hatte nie ein Hobby, dazu fehlte mir immer die Zeit.

Wie viele Manager habe ich gearbeitet, wozu ich Lust hatte; dabei unter einem selbstgewählten Konkurrenzdruck, so dass für Muße eigentlich keine Luft war. Es gab in den Aktiengesellschaften aber auch andere. Ich hatte Vorstandskollegen mit Flugschein und eigenem Doppeldecker oder einem Golfhandicap, das nur erwirbt, wer ganztags auf dem Green lebt. Ich kannte einen Controller, der jeden Montag mit der Werksfliege nach Spanien flog, golfte und ab Mittwoch dann wieder im Büro war. Von den Ex-Pats und ihren Hobbys am Ende der Welt gar nicht zu reden.

Kommen wir zur Studienberatung: Machen Sie, junger Mann, was sie dann sehr gut können. Für junge Frauen gilt das doppelt. Und machen Sie es bis zur Erschöpfung. Nur Deppen reden von der „work-life-balance“. Nur Verlierer haben ein Hobby.

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NEOZONE.

Nichts ist doofer als Hannover. Dieser Satz stammt von Kurt Schwitters, der aus Hannover stammt. Und weil da echt nix los ist, gehen die Söhne und Töchter der Stadt mit dem gewissen GARNIX alle in die Politik. Man liest das jetzt allenthalben. Überall Leute von der Leine. Das ist wie mit den Quagga.

Nein, nicht das Zebra, das auch für Fußgängerüberwege zuständig ist; gemeint ist die ebenso gestreifte Muschel. Die Quagga-Muschel stammt ursprünglich aus Süßgewässern im Schwarzmeerraum, wird aber bei uns zur Plage, weil sie sich dramatisch ausbreitet, ein feindliches Neozon. Vom Bodensee hört man schon Klagen über die Trinkwassergefährdung. Jetzt taucht sie auch im Brandenburgischen auf; der Scharmützelsee ist befallen, berichten mir Freunde, die Brecht in Buckow besucht haben.

Warum macht der Russe das? Gute Frage. Entgegen der Beschreibung durch Frau Wagenknecht liegt das Expansive wohl in seiner Natur. Und so kommt dann auf unsere Teller, was der Italiener zurecht Cozze nennt. Aber lassen wir alberne Wortwitze.

Das Quagga-Weibchen ist nach einem Jahr geschlechtsreif und scheidet pro Jahr eine Million Eier aus, die auf hundert Millionen Samenfädchen des Quagga-Männchens treffen. Sein natürlicher Feind ist das Rotauge, was ja zu Wagenknecht passt, das aber durch den Kormoran dezimiert wurde. Er ist also schuld.

Und BP. Denn die Biester kommen aus dem Aral-See. Soviel zum Vorsatz, Wortwitze zu vermeiden.

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NATÜRLICHE INTELLIGENZ.

Das Staunen darüber, was Apparate so alles können, hat zu der Erfindung der „Künstlichen Intelligenz“ geführt, kurz KI genannt oder AI, nach der „artificial intelligence“; wie alle Moden eine Prahlerei mit Halbwahrheiten. Auf der Straße gegenüber steht ein Batterieauto mit KI, das ständig seine Umgebung filmt und die Daten nach Kalifornien sendet. Ich weiß nicht, was daran intelligent sein soll. Im Gegenteil, ich hätte Lust, den Stecker zu ziehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Ich interessiere mich neuerdings, wenn auf dem Land, für „plant intelligence“, das ist die Welt der „planta sapiens“, in der man den „light eaters“ eine eigene Form von Verstand abringt. Nein, ich meine nicht jenes Gras, das man seit Neuerem legal rauchen darf. Es geht ernsthaft darum, dass sich der suchende Blick nach einer anderen Intelligenz nicht in den Himmel richten sollte, sondern auf den Boden. Wer jemals einem Baum beim Wachsen zugesehen hat, der ist weit entfernt davon, die Natur für doof zu halten.

Biologen der „new science of plant intelligence“ finden planvolles Verhalten und Kommunikation unter Pflanzen; sie stellen die klassische Hierarchie infrage. Bisher war das Gras blöd, die Kuh, die es frisst, bei Verstand und der Bauer ein vernunftbegabtes Wesen. Darüber gab es noch den Lebensmittelkaufmann von Lidl und ganz oben den Banker und dann allenfalls noch den lieben Gott. Wir denken Intelligenz hierarchisch entlang der Nahrungskette. Welch eine Arroganz.

Man beobachtet nämlich nun, wenn der Blick verändert, Wurzeln, die vorausdenken, Blüten mit Zeitgedächtnis und kooperative Parasitenbekämpfung unterschiedlicher Arten. Gibt es unter Pflanzen gar ein gesellschaftliches Leben? Die Freunde der PI (Wortbildung von mir) glauben gar an ein neues Verständnis des „life on earth“, was mir eigentlich zu anthroposophisch klingt. Aber in mir sitzt seit Jahren ein Stachel, den ein Ornithologe gepflanzt hat, mit dem ich mal über ein Sponsoring der Deutschen Ornithologischen Gesellschaft sprach.

Es ging um irgendwelche Orchideen und die Vögel mit den langen Schnäbeln, die sie  bestäuben. Alte Sicht der Dinge: Die Schwirrflügler wollen an den Nektar und sorgen dabei beiläufig für die Fortpflanzung der Blumen, zu der sie durch die Farbe der Blüten angelockt werden. Neue Sicht der Dinge: Die Blumen ändern die Farbe, wenn sie bestäubt werden wollen und locken so die Piepmätze an, die zur Belohnung für die Kopulationshilfe den Honig kriegen. Wer steuert wen?

Herr des Dschungels sind die Pflanzen; was die Nahrungskette rauf dann da noch so kreucht und fleucht, von der Grille bis zum Gorilla, das leistet Hilfsdienste. Gilt dann wohl auch für den Homo Sapiens. Das wär echt ein Ding!

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BIOTOP.

Ein Altertumsforscher, der seinen lieben langen Tag auf Fossilien starrte und dieserhalben behauptete, sie hätten ihm etwas über sich und ihre Geschichte erzählt, scherzte mal zu den Vorzügen seines Fachs: „Wenigstens bewegen sie sich nicht mehr.“ Der Höhlenforscher konnte seinen Gegenstand bequem fixieren. Das ist, nun komme ich zum Punkt, dem Soziologen nicht so ohne weiteres gegeben.

Das wirkliche Leben ist flüchtig. Nur der Zoo hat Gitter, aber es ist nicht mehr die wirkliche Wildnis, die da in Käfighaltung vegetiert. Wollte man die politische Wirklichkeit unserer Zeit und unseres Landes einfangen, wird es noch schwieriger. Daraus gibt es zwei Fluchten. Die eine wählen die Dampfplauderer aus Geschichts- und Politikwissenschaft, indem sie ins Generelle fliehen und Allerweltsweisheiten von sich geben. Modell Münkler. Das ist aber genaugenommen bloßes Feuilleton.

Die andere Flucht liegt im Treibsand der Empirie, in der Bereitschaft, zu beobachten statt zu belehren. Dazu muss man das Tier aber präparieren können. Es darf sich für die Untersuchung halt nicht mehr bewegen. Für das Forschungsprojekt über unsere Politische Klasse habe ich einen Vorschlag. Wir müssten dazu einen Musikdampfer entführen und in einem versteckten Hafen zur genauen Analyse eine Weile festlegen. Dann gelänge ein synchroner Schnitt durch das, was man die Politische Klasse nennt.

Bei dem Dampfer hätte ich an die „Havel Queen“ gedacht, die gestern in Berlin- Tegel ablegte, mit 450 Passagieren an Bord. Nichts kann repräsentativer sein als die Spargelfahrt der Seeheimer, jüngst zum 65. Mal veranstaltet. Eine wirklich perfekt organisierte Party. Die Seeheimer sind der rechte Flügel der SPD, die früher Kanalarbeiter hießen, was passt. Man will Politik mit Leidenschaft, aber Augenmaß (Selbstbeschreibung). Großzügig und ordentlich bewirtet lauscht die Meute ihren Leitfiguren und anderen. Jep, der bayrische Ministerpräsident Markus Söder hält eine stramme Ansprache; der CDU-Kanzler hat das Lindemännchen geschickt, zu den Sozen. Der Versuch des Vizekanzlers und SPD-Vorsitzenden etwas zu sagen, ist nicht der Rede wert; es war auch keine.

Dinner mit Spargel und Bier wie Wein. Dann drei Stunden auf dem Sonnendeck in lauschiger Sommernacht Party. Ich sehe Abgeordnete, Minister, Beamte, Zuschläger und jede Menge Lobbyisten; manche mit Zukunft, alle mit Vergangenheit. Namen werde ich nicht nennen, das sollen die Journalisten tun, die hier auch herumgieren. So, dieses Biotop entführt und für eine DFG-Horde von Wissenschaftlern in einem versteckten Hafen ein Jahr auf Eis gelegt und fein säuberlich seziert. Das wäre ein „opus magnum“, das Standardwerk; so was wie Brehms Tierleben über das politische Habitat. Da fällt die Ordnungswidrigkeit einer kleinen Entführung doch nicht weiter ins Gewicht. Beim der nächsten Spargelfahrt schleusen wir die einfach wieder mit ein.