Logbuch

TOD DER TUNKE.

Sahnesoße erschlägt alles. Ich bin geneigt, grundsätzlich zu werden. Dies wird vielleicht ein Aufruf zur Gründung einer LIGA. Ich würde dann Gesinnungsgenossinnen und Genossen suchen gegen den Genuss von SAUCE, auch Soße genannt oder Tunke. Die Verbreitung des Tunken-Unheils ist groß; in Asien auf Soja-Basis, in America oft als Tomatenzucker, genannt Catch Up. Curry in Indien, in Sahne. Auch die bei „Pommes Schranke“ notorische Mayonnaise gehört dazu. Und jene aus dem belegten Brötchen auf’s Hemd tropfende Remoulade. Der süße Sempf, der sich Senf schreibt. Man wird bei der Förderung dieses Anliegens einen mächtigen Gegner haben, nämlich HEINZ. Aber es ist die KRAFT-Anstrengung wert.

Gestern hatte ich, eigentlich ganz ordentlich, ein Rumpsteak mit Pifferlingen und Bratkartoffeln, aber unter einem halben Liter Sahne. RAHM ist sittenwidrig. Der kleine Salat dazu, der schwamm in JOGHURT, auch verzichtbar. Man nimmt Essig & Öl, und aus. Was die deutsche Werkskantine als braune Bratensoße („Demiglace“) ausgibt, ist bestenfalls belanglos, eigentlich aber Körperverletzung; gelegentlich von einem Jäger angereichert mit Pilzen, die einem Gummi aus dem Hause Haribo ähneln. Das Elend begann bei den Alten Römern mit GARUM, der unvermeidlichen Fischsauce. Dazu wurden ganze Fische in einer Salzlake wochenlang der Sonne ausgesetzt, bis die Eingeweide die Sardellen und Makrelen der FERMENTATION aussetzten. Stank bestialisch, war aber beliebt, weil es durstig machte.

Der Grillabend heutiger Zeit besteht aus angebranntem Fleisch und zehn Flaschen eines Salz und oder Pfeffer getränkten Sirups, das aus dem Fleisch faktisch ein Dessert macht. Pervers. Und Du kriegst das Mistzeug nicht mal raus aus diesen dämlichen Flaschen. Du kannst schütteln, Du kannst klopfen…

Überhaupt das Getue um die Tunke. Die Engländer haben auf jedem Tisch des FISH & CHIPS Essig stehen, na gut. Und etwas, das man als Insider vielleicht aussprechen, aber niemals fehlerfrei schreiben kann: WUSTER-Soße. Also, dieses „Worcestershiresauce“ von Lea & Perrins, da muss ein geheimes Gewürz drin sein für die notorisch miserable Küche. Und ich sage nur: Minzsauce zum Hammel! Am Ende ist aber alles wohl nur viel Zucker, viel Salz, viel Pfeffer und etwas so ekelhaftes wie FERMENTIERTES, zu deutsch verfault. Tod der Tunke! Das ist keine Kunst, das kann weg!

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SCHLÜSSELROMAN.

Schlüsselromane sind anstrengend, weil elende Zwitter, weder Fisch noch Fleisch. Sie verbergen etwas Vordergründiges hinter Literarischem, meinen aber doch nur das Vordergründige. Dann sollten sie gleich als Leitartikel daherkommen. Gewogen und für zu leicht befunden. Bei LITERATUR ist es umgekehrt; das Vordergründige ist eben nicht gemeint.

Gelegenheit, an die Reisebilder des Harry Heine aus Düsseldorf zu denken. Famoses Beispiel für WAHRHEIT & WIRKLICHKEIT in der LITERATUR. Heine hat da unzweifelhaft Vorbildliches; man darf ihn halt nur nicht als „Spätromantiker“ verkennen. Er ist eine Leuchte der AUFKLÄRUNG. Ich krame in meinen Erinnerungen nach einer Episode, ich finde leider das zerlesene Heine-Buch nicht. Wie war das noch?

Der Reisende beschreibt eine norditalienische Restaurantszene, in der zwei ältere Herren, ein Pfaffe und ein Adeliger, eine junge Kellnerin dreist belästigen. Da sitzt die RESTAURATION faul zu Tisch und lässt die NEUE ZEIT arbeiten; frech bedrängen die alten weißen Männer, sprich ADEL und katholische KIRCHE, auch noch die fleißige junge Frau, die etwas von jener Dame hat, die in Frankreich über den Barrikaden prangt. Freiheit, Brüderlichkeit, Gleichheit. Es geht hintergründig natürlich um die Karlsbadener Beschlüsse und Metternich. Merke: Nicht Restaurant, sondern Restauration.

Es ist also egal, ob das in der Kneipe bei Genua unserem Freund Harry wirklich so geschehen ist. No fact checking. Heine schreibt keine Reportage; er ist nicht der Urvater von Herrn Relotius beim Spiegel. Hier liest jemand unter den Bedingungen der Zensur aus der deutschen Provinz seine NAPOLEON-Begeisterung in die Vorlage von Goethes Italienischer Reise und „erfindet“ dazu eine Restaurantszene. Am Hintergrund sollte er gemessen werden, wenn man es wohl mit ihm meint.

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BAUMPATE.

Zu berichten ist von einem kleinen Abenteuer aus dem Leben eines unfreiwilligen Hauswarts. Am Sonntag frühmorgens bin ich es leid und schleppe die lange Leiter in den Innenhof. Zwei Glasdächer über Eingangstüren sind seit Monaten zugewuchert.

In den entsprechenden Regenrinnen Blätter, Äste, Kastanien und Eicheln, der Samen der Bäume. Und in der Ablaufrinne unter dem Balkon des Nachbarn dessen in Latex, Haare, Kippen. Berlin halt. Öffentliche Verwahrlosung. Zu entfernen mit mutigem Herz, scharfem Messer und Wasserstrahl. Anschließend das versaute Pflaster abgespritzt. Den ganzen Schnodder unter den Straßenbaum gespült. 

Eigentlich kein Thema für einen Sonntag Morgen. Kommt die Nachbarin des Wegs und ist ob des nassen Pflasters voll des Lobs. Das fände sie gut, dass ich die Baumpatenschaft übernommen hätte. Mit dem Schlauch gewässert, das sei doch was ganz anderes als nur aus einer Gießkanne. Jetzt gelte ich als Baumpate.

„When in Rom, do as the Romans do.“ (Weisheit unbekannten Ursprungs) Insofern alles paletti, wie man hier sagt. Das mit dem Öko-Image darf sich jetzt nur nicht rumsprechen. Sonst bin ich unter meinen Kumpels geliefert. Oh Mann, mein Freund, der Berliner Straßenbaum. Geht gar nicht.

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PHILOSOPH BLEIBEN.

Der amtierende amerikanische Präsident bricht ein TV-Interview vor laufender Kamera ab und nennt die ihn befragende Journalistin bestochen oder blöd; irgendwas in der Liga. Er flieht sichtlich erzürnt. Nicht sehr souverän für einen Souverän.

Begrifflich: Ein Interview ist kein Gespräch. Die Journalisten sprechen untereinander von Grillen und Zerlegen, sehen im Gast als nur ein Brathuhn. Da ist es kein Wunder, wenn der Vogel das „chicken“ gibt und vermeintlich feige flieht. Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber.

Besonders markig sind jene Interviewer, die einen Knopf im Ohr haben, über das Scharfmacher aus dem Hinterzimmer ihnen neue Gemeinheiten zuflüstern. Mit dieser Alimentation gibt der Fragende dann den Gnadenlosen. Ich sehe die Überheblichkeit schon in der Pose. Ach, wie abgeschmackt.

Die Mutter aller knallharten Interviews war auf BBC der „Hard Talk“; wenn auch eher durch tiefgründige Recherche als durch gezielte Beleidigung. Man lernt das in Oxbridge an der Uni, scharf zu fragen. Für manchen versierten Lügner wurde es ein Opfergang.

Neuere Formate setzen auf Intimität und Dauer: Niemandem gelingt es, wenn umschmeichelt, über Stunden seinen wahren Charakter zu verbergen; so das Kalkül. Die Wirkung in den Sozialen entsteht dann nachträglich und für immer durch die Schere. So entstehen dann jene „Sound Bites“, die den Tag überdauern.

Man sagt Politikern nach, dass sie an keinem Mikro vorbeigehen können. Mein Rat: Willst Du was gelten, mach Dich selten. Das beste Interview ist das vermiedene. Hättest Du geschwiegen, wärst Du Philosoph geblieben.