Logbuch
UNTER DREI.
Journalisten leben von Indiskretionen. Sie loben sogenannte WHISTLEBLOWER, die sich selbst gefährden, weil sie ein Unheil ans Licht bringen wollen. Um Indiskretionen zu fördern, haben die Presseleute sich Regeln ausgedacht, die dem Informanten das Gefühl geben sollen, dass er vor Offenbarung geschützt ist. Eine davon ist zum Beispiel der Hinweis, dass „etwas unter drei“ sei. Das meint, dass weder die Information zitiert werden wird noch der Informant genannt. Es lohnt nicht die Tinte zu erläutern, was denn nun „unter eins“ oder „unter zwei“ bedeutet.
Wer es vornehmer will, als bei dem Abzählen von Eins bis Drei, der verweist auf die CHATHAM HOUSE RULE, die in London am Königlichen Institut für Internationale Angelegenheiten, das im Chatham House saß, in den zwanziger Jahren erfunden worden ist. Sie besagt im Kern: Man darf wissen (und in der Sache verwenden), was man hier erfährt, aber man darf auf keinen Fall die Quellenlage benennen, weder Ort, Zeit noch Teilnehmer.
Ich selbst habe gerne das Ritual gepflegt, dass man sich vor einem Gespräch darauf einigt, dass das Gespräch gar nicht stattgefunden hat. Folglich kann aus ihm auch nicht zitiert werden. Das ist zwar KONTRAFAKTISCH, aber nicht allzu kompliziert. Nun, halten sich also die Journalisten an diese Regel des NICHT-GESPRÄCHS? Wenn es Profis sind und man als Informant als Profi gilt, dann: ja, meist. Viele WHISTLEBLOWER, die sich darauf verlassen haben, sind tragisch geendet. Auch das sollte man wissen.
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AUSGEDRUCKT.
Seit vierhundert Jahren hat Oxford den Buchdruck. Jetzt nicht mehr; geht nach Indien. Es begann um 1458, kurz nach dem ersten Unterfangen von Johann Gensfleisch, genannt Gutenberg, in Mainz. Die ehrwürdigen Colleges der Universität Oxford erhielten das Recht, was immer ihnen in den Sinn kam zu drucken, endgültig per Dekret um 1586. Seit dem 17. Jahrhundert gab es in der jetzigen Form die „press“ oder „oxunipress“; zuletzt in der Nachbarstadt Kidlington, wenn man aus Oxford rausfährt, Richtung Woodstock. Wohlgemerkt, Woodstock in Oxfordshire („No sex please, we’re British.“)
Zwei meiner in England erschienen Bücher sind dort gedruckt worden. Man muss das ja heutzutage erklären: Wir haben dazu Bäume gefällt und aus dem Holz unter Zuhilfenahme von alten Lumpen und chemischer Bleiche Papier geschöpft, das in Form von Blättern zwischen zwei Decken fadengeheftet wurde und dann in speziellen Räumen stand, wo sich noch eine Unzahl anderer Baumleichen befanden, Bibliothek genannt. No open access.
Heute sitzt mein Lektor, der lautreines Deutsch spricht, in Mumbai, Indien. Die Jungs sind gut, richtig gut. Aber man muss auf sie aufpassen; sie sind englischer als die Engländer. Ich hatte eine Drucksache, in der es um 360 Grad (also das 60 mal 60 System) ging; also umschreibe ich das irgendwann mal im Fließtext mit „sexagesimus“ (Lateinisch für 60). Streicht er mir, weil das sein SPAM FILTER gesperrt hat. „We don’t do sex, Sir!“ Tja, war halt eine Kronkolonie zu Kiplings Zeiten.
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ES SPRINGT DIE NATUR.
Die Natur mache keine Sprünge; das war ein wirklicher Lehrsatz der Alten. NATURA NON FACIT SALTUS. Welch ein Irrtum. Im Garten ist gerade die Hölle los. Alles springt. Die Hecken brechen durch die Zäune. Der Rasen wuchert und wird wieder zur Wiese. Die Sträucher, insbesondere die Berberitze, frech im Aufbruch zu neuer Form. Die Bäume holen zu neuem Wachstum aus. Ich werde meine Gärtnerin bitten müssen, eine extra Schicht zu fahren. Oder zwei.
Ein (englischer) Garten ist Architektur mittels Pflanzen. Deren innerer Zwang zum Urwald ist das zu bändigende Element. Kaum nachzuvollziehen, wie die Philosophie, selbst noch in der Neuzeit, von einer sanften (!) Natur schwärmen konnte. Carl von Linné, der Biologe der Pflanzensexualität, hat damit angefangen. Daraus kam der sogenannte GRADUALISMUS, die Vorstellung einer sanften EVOLUTION von allem. Wenn man mal in die Hecke aus Roter Berberitze gefasst hat, zeugt der blutende Daumen, dass hier nichts sanft ist.
Alle fielen sie darauf rein. Gottfried Wilhelm Leibnitz in Hannover, Isaac Newton in Oxford, Immanuel Kant in Königsberg. Die ganze damals bekannte Welt der Gelehrten. Na ja, die europäische. Was die Asiaten so dachten, weiß ich nicht. Aber in deren Denken (welch eine Verallgemeinerung) spielen Wellen, Kreise, Kugeln eine große Rolle. Nicht Sprünge. Mein Garten aber, der springt.
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DIE UHR.
Woran erkennt man den Charakter eines Menschen? Wie erhellt man, wes Geistes Kind er ist? Die alten Römer veranstalteten dieserhalben Saufgelage; sie waren der Auffassung, dass der Mensch im Zustand der Weinseligkeit die Gabe zur Verstellung verliere, man also seine finsteren Absichten entdecken könne. Das Konzept klappt nicht, da im Vollzug dessen beide besoffen, sprich ihrer Urteilskraft verlustig.
Aber man versteht schon die Nöte eines Personalchefs, der eine wichtige Position zu besetzen hat und der Papierfassung des Kandidaten misstraut. Ein alter Hase des HR-Gewerbes gibt mir einen Tipp zur Auswahl des höheren Angestellten: Achte auf die Uhr. Gemeint ist nicht die Zeit als solche, sondern das Chronometer am Handgelenk. Wenn der Wecker nix taugt, taugt der Kerl nix. Gute Hypothese.
Zeit über einen neuen, weiteren Herrn K. zu reden, wie hier häufig. Jetzt widmen wir uns „Klaus von der Kö“, ein sehr erfolgreicher Uhrenhändler aus dem Pott, der sich an Düsseldorfs Edelmeile einen Ruf erworben hat mit dem Verramschen teurer und sehr teurer Armbanduhren. Sein Publikum ist möglicherweise von überschaubarer Bildung, aber sicher unbegrenzt geltungssüchtig. Man erkennt den Idioten als Experten schon daran, dass er nur „full set“ kauft; das meint mit dem originalen Karton und Quittung. Als wenn es schwer sei, nach der Uhr auch das zu fälschen. Fälschungen nennen sich „Blender“; hübsch, passt auch auf den Träger.
Zu Herrn K.: Klaus ist der Prototyp des Proletenmillionärs, er fährt ostentativ Rolls Royce und pafft dicke Zigarren. Der Mann redet von sich in der dritten Person als „Pappa“ und macht Mörderumsätze mit „Pepsi“ und anderen Osnicken (Rotwelsch für Handgelenkswecker). Pepsi ist ein gängiger Spitzname wegen der Farbgestaltung der Drehlünette, eine gängige Rolex, aller Ehren wert.
Ich werde hier keine Stillehre der edlen Uhren versuchen; da kann man nur scheitern, insbesondere wenn die Preise in die Höhe von Mittelklasse-PKW oder gar Einfamilienhäuser steigen. Ich liebäugle allerdings mit „Big Pilot‘s Watch Perpetual Calender Le Petit Prince Ref. 3396“, ein Klasse Wecker von IWC Schaffhausen. In Keramik für 40k.
Eigentlich trage ich Sinn. Meine Sinn-Uhren hat mir noch der alte Sinn selbst verkauft; er muss da schon weit über 90 gewesen sein. Pilots never die! Flieger sterben nicht, sie fliegen nur höher, sagte er mir. So jetzt ist es raus: Man braucht für die Uhrenwahl vor allem eine gute Geschichte. Habe ich schon erzählt, wie ich beim Dornblüth in Sachsen-Anhalt war? Also, das war so…