Logbuch
DER TON DER KINDHEIT.
Wir wissen es nicht, aber wir haben es, ein Gedächtnis für den Ton unserer Kindheit. Insbesondere die Heimatvertriebenen hören ihn sofort, noch bevor es ihnen klar wird, und reagieren mit Urvertrauen. Natürlich ohne jede Rechtfertigung, aber eben doch. Muttersprache ist mehr als ein Vokabular; es ist ein Ton.
Den Schwaben sagt man nach, dass sie ihren Dialekt nie ganz verlieren; noch mehr gilt das für die Badenser oder die Menschen aus der Saarregion. Franken sind urbehindert. Es ist ungerecht. Der erdverbundene Niedersachse spricht angeblich lautreines Hochdeutsch, wie bäuerlich blöd er auch immer sein mag. Dem blitzgescheiten Sachsen hängt dagegen ein lebenslanges Stigma an. Zu der lokalen Lautung, dem Dialekt, kommt die soziale Gliederung; man kann sehr proletarisch klingen, selbst wenn man Obersteiger oder Lateinlehrer war.
Gestern treffe ich in einer Berliner Praxis auf eine junge Türkin, die nicht nur fließend Deutsch spricht, sondern sogleich meine Aufmerksamkeit als Erzählerin fesselt. Tolle Olle, denke ich. Ich brauche eine gewisse Zeit, dann wage ich die böse Frage nach der eigentlichen Herkunft, aber eben so, wie ich sie meine: Ich frage Frau Dogan, wo sie aufgewachsen ist. In Bochum, genauer in Wattenscheid. Da habe ich studiert. Zwei Ruhrpottseelen finden sich im schnöden Berlin.
Für uns Kinder des Reviers, die wir mit Emscherwasser getauft sind, ist der Ton der Heimat ein Erkennungszeichen. Zumal wenn in Bottropsky die Ostpreußen auf die Pollacken treffen oder den Türkischmann, hier eine junge Frau. Der Ton der Heimat. Übrigens all jener, die eigentlich eine andere hatten oder keine und zugewandert sind. „Anton, sächtä Scherwinski für mich…“
Die Heimat der Muttersprache sitzt tief; sie hat keine Hoheitsfunktion, aber ist doch ein sentimentales Refugium. Meine Frau Mutter hat stets Wert darauf gelegt, dass der Junge hochdeutsch spricht; die guterzogenen Zöglinge eines Arzthaushaltes galten als Vorbild. So bin ich zweisprachig aufgewachsen. Ich kann Ruhrpottproll und Gumminasium-Deutsch. Latein kam erst später.
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RASSE.
Es gibt Themen, die eine gewisse Umsicht schon deshalb erfordern, weil mit ihnen zu andere Zeiten viel Schindluder getrieben worden ist. Dazu gehört, jedenfalls für einen Deutschen, die Frage, was unter Menschen unterschiedliche Rassen ausmachen. Und welche Folgerungen man daraus zieht.
Ich rede in New York mit einem amerikanischen Juden und einem Afroamerikaner, deren Familien aus osteuropäischer Armut und Verfolgung hier gelandet sind und wegen des Sklavenhandels der Niederländer und Briten. Melting Pot. Beide tragen die These vor, dass es keine menschlichen Rassen gebe. Das klingt unwahrscheinlich, wenn man sich die unterschiedliche Optik der drei Klugscheißer am Tisch ansieht.
Deshalb begrifflich präzise. Es gibt zwischen uns drei eine biologische Varianz, die sich beziffern lässt. Ungefähr 1% Differenz herrscht in der DNA zwischen dem Kaukasier und seinen beiden Kumpels. Der Kaukasier, das soll ich sein. Gut 99% des Erbgutes ist identisch. Man sieht, dass die Soziobiologie eine Berechtigung hat und wie groß sie ist.
Rasse ist jenseits dessen ein „soziales Konstrukt“; sagen wir ein soziales und kulturelles und akzidentelles Konstrukt. Sie ist erlernt. Wirkliche Wirklichkeit, aber historische. Darin liegt keine humanistische Gleichmacherei. Wir drei sind ganz gut voneinander zu unterscheiden; darauf legt jeder für sich Wert. Der Kraut am Tisch vielleicht noch am wenigsten. Aber in einem Land, in dem wieder von „White Supremacy“ die Rede ist, wird man sich räuspern dürfen, wenn der Ku Klux Klan ausreitet.
Angesichts einer anderen Gefahr, die der Fortschritt der Medizin bringt, darf der Gedanke des Akzidentellen gelobt werden. Im Vorhaben der Menschenzucht liegt kein Segen. Weder in der Inzucht noch der ingenieurmässigen. Menschen sind dann am besten, wenn sie der Natur ihren Lauf lassen. Impulsgesteuerter Begattungswillen. Wir sind Konstrukte des Zufalls. Der hat uns als Species aufrechtgehen und nachdenken lassen. New York, der Schmelztiegel, ist dafür ein gutes Beispiel. Und die drei schrägen Vögel unterschiedlicher Rasse.
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FREIHEIT VON FORSCHUNG UND LEHRE.
Sie kennen die Ausflüchte der schwarzen Präsidentin von Harvard Claudine Gay (sic), wissen aber nichts von den Tätowierungen des Pete Hegeth? Das wird nicht reichen. Der gelernte TV-Kommentator ist nicht nur Verteidigungsminister im Kabinett Trump II, er ist eine Ikone der Neuen Rechten, die Vor-Herrschaft (sic) will. Harvard wird gerade geschleift. Der ideologische Anspruch dabei ist nicht bescheiden: DEUS VULT; Gott will es.
Das war der Traum der fürsorgenden Mutter, als die sich die Universität versteht: Hier darf erforscht und gelehrt werden, was immer jedes ihrer Kinder sich zutraut. Akademische Freiheit, garantiert von der ALMA MATER. Wertschätzen wird das jeder, der sich historisch das Gegenteil vergegenwärtigen mag. Forscher wurden wegen ihrer Lehrmeinungen vertrieben, verfolgt, verbannt und verbrannt.
Man mag sich an den Zweifel erinnern, ob die Erde als Werk Gottes im Zentrum aller Gestirne steht und Sonne wie Mond um sie kreisen. Daran war ja Zweifel aufgekommen bei denen, die durch ein unseliges Fernrohr blickten oder Schriftgelehrte aus Syrien lesen konnten. Ketzer wurden vernichtet, behielten in der Sache aber Recht. Der kopernikanische Wende.
Jetzt sehe ich eine politische Bewegung in den USA nah der Macht, die die Kreuzzüge als Gottes Wille verehrt; man hat sich das Motto tätowieren lassen. Der Kampf wird dem linken Zeitgeist angesagt: Keine Pronomina, keine Typen in Kleidern, keine Umwelt-Obsessionen mehr. Vielfalt, Gleichheit und Inklusion gelten als Fehlleitung. Mit der Propaganda-Folklore der neurechten Alt-Right werden Universitäten verächtlicht und in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht. Gestählte Oberkörper mit Jerusalemkreuz statt wokem Wahnsinns.
Zu den Pronomina habe ich bereits alles gesagt, was man dazu sagen kann; ein Spuk. Jetzt aber soll ich ernsthaft über Weiße Überlegenheit reden, jedenfalls gegen den Islam und vor allem jedweden Zug des Liberalen tilgen. Man darf der Aufklärung abschwören. Obwohl religiös gänzlich unmusikalisch klingt das Wort des augustinischen Papstes in mir nach, nach dem das Böse in der Welt sei und nicht obsiegen soll. Ich habe Zweifel, dass eine Flucht hinter die Bücher die neuen Kreuzritter beeindruckt.
Jetzt mal ehrlich: Nie war die Uni eine Idylle. Sie ist das Schlachtfeld, auf dem gerade noch gesichertes Wissen mit neuen Horizonten kämpft. Und die großen Weltanschauungen ihre Söldner rekrutieren. Es war bisher nur Konsens, dass dies dort, unter dem Rock der Alma Mater, mit friedlichen Mitteln passieren soll, jedenfalls nicht mit militärischen, schon gar nicht mit geheimdienstlichen oder einem Heckenschützentum widerlichster Art. Dieser Konsens steht zur Disposition. Nicht mehr und nicht weniger.
Mutter der Weisheit, werde wach. Deine Gatten sind mordlustig. Mal wieder.
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DER KLEINE MANN.
Ich habe ein neues Wort gelernt und finde, dass es mir einen frischen Blick auf ein altes Problem eröffnet. Das gibt es ja, dass ein Begriff etwas begreiflich macht. Ich höre andere Schlaumeier von KLASSISMUS reden. Das meint nicht die Kunstepoche „Klassizismus“, sondern ein Phänomen der Klassengesellschaft, sprich der Diskriminierung der eigenen Landsleute unter sozioökonomischen Kriterien. Im Klartext: das ist, wenn ich die Unterschicht verachte, den sprichwörtlichen KLEINEN MANN. Irgendein Schnösel hat mal gesagt: „Eure Armut kotzt mich an!“
In meinem Hinterkopf summt der zynische Song des fabelhaften Randy Newmann über „short people“; der näselnde Star der Achtziger gibt Vorurteilen ungebrochen eine Stimme, um das Unausgesprochene ins Licht zu ziehen. Satire. In einer Kultur des Prahlens verachtet man jene, die es nicht geschafft haben, weil man glaubt, dass der Herr die Auserwählten schon in diesem Leben belohnt. Historisch war es die Arroganz der Adeligen gegenüber den Geschöpfen niederer Geburt, auf die die Hochwohlgeborenen herabblickten. Ein Phänomen der sozialen Ächtung.
Wir kennen das Phänomen mittlerweile, nachdem die Adeligen geköpft oder verbürgerlicht sind, nur noch aus jenen multikulturellen Gesellschaften, in denen ein bestimmter grüner Exotismus herrscht. Wokeness genannt. Der fremde Barbar erlebt Bewunderung als romantischer Wilder, während den eigenen Armen das Stigma des Pöbels aufsitzt. Der fabelhafte Sigmar Gabriel aus Goslar hat das kürzlich seiner Partei vorgeworfen, dass sie für „short people“ nur noch Verachtung habe. Das stimmt insoweit; falsch ist seine darüber hinaus gehende Beschreibung einer „Akademisierung“ der politischen Klasse. Von den neuen Kleinbürgern hat kaum jemand einen ordentlichen Abschluss. Halbbildung, so heißt das Problem. Alles Realschüler.
Vom Kreißsaal in den Hörsaal in die Kreisverwaltung, dann ins Parlament. Bestenfalls bräsige Bafög-Bätscheler. Keine Meister, weder als Handwerker noch als Akademiker. Die soziale Arroganz wohnt im Petit Bourgeois, der nach unten tritt, um oben Speichel zu lecken. Ich bin da mental proletarischer. Man verachte mir nicht den Facharbeiter, den Kumpel vor Kohle. Hohn galt im Bergbau den Obertägigen, die es als halbe Invaliden auf einen Job in der Kokerei geschafft hatten. Spott galt Graf Koks von der Gasanstalt. Recht so.