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BIG TIME CRIME.

Mit halbem Auge sehe ich einschlafend noch einen Krimi im Fernsehen, der so läppisch angelegt ist, dass es den Zuschauer beschämt. Dabei ist unsere Zeit doch voller Stoffe ganz großer Verbrechen. Drei Notate dazu.

Die Gattung wurde unter der Engländerin Agatha Christie populär, die in hunderten von tief albernen Erzählungen abgeschmackte Gesellschaftsspielchen abwickelte. Dazu brachte sie eine radikal begrenzte Anzahl von Charakteren in einen strikt geschlossenen Raum und ließ den Leser raten, wer es von denen wohl war, der Tante Käthe das Gift in den Cherry gemixt hatte. Am Schluss immer wieder eine Aufklärungsrunde mit überraschender Wendung. So ging das beim Doppelmord auf Schloss Käsekuchen und anderen Belanglosigkeiten. Ja, und gelegentlich war der Mörder der Gärtner. Eine tuntige Tantenliteratur.

Die amerikanische Tradition bringt das Verbrechen zurück auf die Straße, wo es zuhause ist. Wir lassen uns von Dashiell Hammett und Raymond Chandler nach Amerika entführen, dem Land des Big Time Crime. Der zynische Privatdetektiv Philip Marlow wird uns auf immer durch die Schauspielkunst des fabelhaften Humphrey Bogart präsent sein. Ein Archetyp! Vieles was uns noch heute in den USA irritiert, wird schon hier geschildert; ich ahne, was die „hardboiled school“ zu Trump und Musk und dieser dunklen Welt schriebe. Ich erinnere: „Big time crime does not come from people that hold up liquor stores.“ Wie wahr.

Dann neuerdings die Kategorie „true crime“, das tatsächliche Kriminalfälle erzählen will, zum Teil simultan zu den entsprechenden Gerichtsverfahren. Mit so bitterem Fällen wie Missbrauch, Entführung oder gar Ermordung von Kindern durch ihre Mütter. Ich lese unter den Ghostwritern berühmte Namen von Strafverteidigern und PR-Leuten; nicht alle in tadelloser Mission. True crime? Das wäre mir recht, wenn es ein Raymond Chandler schriebe; es schreibt aber eine Agatha Christie. Did I make myself clear?

Übrigens ist der Chandlersatz bei Diogenes durch Hans Wollschläger falsch übersetzt. Er spricht von Leuten, die einen Schnapsladen „betreiben“; der „hold up“ ist aber ein „rob by gun point“, also ein Überfall mit Mitteln des untersten Milieus. Sagen will er: Das große Verbrechen stammt nicht von den ganz kleinen Leuten. Der Fisch stinkt vom Kopf. Das ist ganz eindeutig ein soziologisches Argument. Klar?

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EMPFINDSAMKEIT.

Das Mutterland der Modernen Zeiten, die USA mit der Hauptstadt San Francisco, hält nicht nur die Fackel der Freiheit hoch, auch die der Empfindsamkeit. Das ist eine kulturelle Regung, deren Wurzeln im Europa des späten 18. Jahrhunderts liegen und in der Neuen Welt verkommt. Zwei Beispiele.

Kein Roman wird dort auch nur lektoriert, geschweige denn gedruckt, wenn er nicht durch die Zensur eines „sensivity readers“ gegangen ist. Was dem Gebot der Empfindsamen widerspricht, ist zu tilgen. Ich zitiere: „Sensitivity Reading (or a "diversity check") is an editorial process where a manuscript is reviewed by experts with lived experience in marginalized or underrepresented communities. The goal is to identify harmful stereotypes, biases, or discriminatory language regarding race, gender, disability, or mental health before publication.“ Da bleibt nichts.

Zum Zweiten: Dem im Kongo mit Ebola infizierten Arzt amerikanischer Nationalität ist vom Weißen Haus die Heimkehr in die USA versagt worden. Er befindet sich nach üblen Verzögerungen nun mit Frau und seinen vier Kindern in der Berliner Charité. Die deutsche Klinik benennt sich nach dem lateinischen Caritas, was Luther Nächstenliebe genannt hat. Meint Empfindsamkeit. Oder eben deren Abschaffung.

So sehe ich die junge Nationalkultur der Amis in zwei Hälften zerfallen. Zwei kulturelle Ansichten. Beides böse. Auf gut Englisch: Paradise lost.

 

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DEN TON TREFFEN.

Unser allseits geschätzter Bundeskanzler ist kein großer Redner von Format, der die Herzen der Menschen mittels Rhetorik zu erobern wüsste; es kann vorkommen, dass er Buhrufe aus dem Publikum vernimmt. So wie die Vizekanzlerin schon mal vom Saal ausgelacht wird, was sich gegenüber einer Dame nicht gehört.

Redenschreiber, die Vorlagen liefern, die dem Redner Erfolg bescheren, sind selten. Ich habe im Bonner Kanzleramt mal ein solches Genie kennengelernt, der dem damaligen Regierungschef Helmut Schmidt einen Auftritt vor der britischen Labour Party getextet hatte, die diesem das linksgewirkte Auditorium zu Füßen legte. Der teutonische Hunne hatte vor den englischen Sozis den Ton getroffen; das kann nicht einfach gewesen sein. Der Redenschreiber wurde in der Folge aus der Londoner Botschaft an den Rhein befördert und trug fortan zwei Montblanc-Füller in der Weste. Edelfedern der Edelfeder.

Merz sagt den Gewerkschaftlern beim DGB, dass die Reform der Sozialsysteme unbedingt sei, ergebe sich aus Demographie und Mathematik. Butt. Das hat die „alternativlose“ Herzlichkeit der Naturwissenschaftlerin Merkel, gepaart mit der beißenden Arroganz eines Controllers. Ach, Fritze, wer schreibt Dir so was auf? Ich sehe ob dieser blasierten Kühle seinen Chef des Kanzleramtes scheitern; mindestens aber den des Bundespresseamtes. Von beiden weiß ich nicht mal den Namen. Ab dafür.

Obwohl gelernter Redenschreiber war es mir als Redner in eigener Sache selten vergönnt, einen Saal gerührt zu haben. Dazu war die mir mitgegebene Neigung zur barschen Polemik zu ausgeprägt; auch beruflich hat mich die Zahl meiner Feinde immer mehr interessiert als die kollektive Zuneigung für Jedermanns Liebling. Die scharfe Zunge polarisiert; man hat wenige, aber recht gute Freunde, und meinst eine irritierte Meute im Saal. „The nice guys are in the mailroom.“ Die netten Jungs arbeiten in der Poststelle, nicht im Vorstand.

Obwohl die Rhetorische Begabung als Handwerkszeug der Politik gilt, scheinen die großen Könner der Redekunst selten. Johannes Rau war einer, Richard von Weizsäcker und Willy Brandt, auch FJ Strauß. Kohl eben nicht. Der amtierende Bundespräsident ist wie der Dicke ebenfalls gänzlich frei davon. Da frage ich mich oft, ob es eine Verschwörung in seinem Haus gibt, der er selbst angehört, so gänzlich frei von Talent und Ambition, wie er seine grotten-miserablen Zettel verhackstückt. Piet Klocke. Piet Klocke im Amt.

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DULCINEA DEL TOBOSO.

Es gibt im Spanischen diesen Ritter, der die Windmühlen seiner Heimat für Ungeheuer hält und sie zu bekämpfen gedenkt. Sein Knecht hält ihn für irre; er dagegen sich selbst für tapfer und schlau. Die Wahrheit kann nicht auf der Mitte liegen, wie immer, wenn sich Wahn und Wirklichkeit gänzlich unterscheiden.

Gestern durfte ich erleben, wie sich der ÖRR, sprich Öffentlich-Rechtliche Rundfunk, rechtfertigt. Vor einem politischen Salon sprach die Intendantin des RBB, Kürzel vom Rundfunk für Berlin und Brandenburg. Man sicherte der ehemaligen Regierungssprecherin Ulrike Demmer zu, dass ihre Ausführungen „unter Drei“ seien, also werde auch ich hier keine Indiskretionen begehen. Es dürfte aber doch im Sinne der guten Sache sein, den Grundgedanken zu wiederholen.

Der ÖRR pflegt einen unabhängigen Journalismus, der den Bedrohungen durch das von Multinationalen Konzernen gesteuerte Internet zu widerstehen weiß, weil er auf einer solidarischen Finanzierung beruht und am Gemeinwohl orientiert ist. Es gibt keinen staatlichen Einfluss. Er ist die Stimme des Gemeinwohls und damit eine der Grundfesten der Demokratie. Im publizistischen Wettbewerb liefert er nicht der immer das Aktuellste, aber er beruht auf Fachredaktionen, die die Dinge durchschauen und deshalb gut erklären können. Sollte es mal zu Fehlern kommen, werden diese freimütig eingeräumt.

Er konzentriere sich auf die Provinz und widerstünde so den modischen Irrungen der Metropole. Man sehe die fundamentale Bedeutung des ÖRR für die Demokratie schon darin, dass autoritäre Regime andernorts seine Führungspersönlichkeiten als erstes abräumten. All das höre ich fast atemlos, auf meine Schuhe starrend, dann auf die der Dame. Oh Mann, Dulcinea. Das ist sehr weit entfernt von den Diskursen über den Staatsfunk, der seine Propaganda zugunsten der herrschenden Klasse durch Zwangsgebühren finanziert, mit denen er ebenso nachlässig wie freigiebig umgeht. Die Moderatorin des Gesprächs fragt, wie soll ich sagen, höflich; das Publikum nimmt sich sein Recht auf Beiläufigkeit. Ich danke abschließend der wirklich netten Intendantin, dass sie sich die Zeit genommen hat.

Der Fall Schlesinger wie der Fall Gelbhaar werden im Salon nicht wirklich Thema, jedenfalls nicht im Sinne einer paradigmatischen Bedeutung, etwa dass diese Ausnahmen die Regel seien. Am Ende gibt es Blumen. Ich habe das bedrückende Gefühl unvereinbarer Welten, die so weit auseinanderliegen, dass man sich höflich, aber mit psychiatrischer Distanz gänzlich verkennt. Es spricht niemand der Gegner aus, dass er den ÖRR ersatzlos abzuschaffen gedenkt. Und das sagen AfD wie FDP und eine ganze Generation ausschließlich Digitaler. Die Intendantin betont, das sei laut Forsa nicht die Mehrheit.