Logbuch
KATACHRESE.
Der Vorkämpfer neuer Zeiten, kurz Pionier genannt, für das publizistische Gewerbe, die Medien also, hat sich dazu in Berlin einen Ausflugsdampfer angeschafft, ein Bötchen. Bin ich der einzige, dem das als schräge, seltsam übermotivierte Event-PR-Idee erscheint, als veritabler Bildbruch? Wie krampfig.
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VOLKSHERRSCHAFT hatte schon immer das begriffliche Problem, sagen zu müssen, dass man nicht jedweden Pöbel meint, sondern etwas Edleres. Der Begriff des Volkes ist eine komplexe Konstruktion; er meint Gemeinwohl, nicht Druck der Straße. Man versucht in der REPRÄSENTATIVEN Demokratie aus dieser Crux herauszukommen. Schwierig jedwedem Mob zu vermitteln, obwohl ja als VOLKESWILLE gedacht. Breite Bereitschaft zur Irrationalität jetzt gerade auf den Straßen Berlins, vieles mit mundartlicher Färbung und esoterischem Nimbus.
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MASSENPSYCHOLOGIE beginnt als „Wissenschaft“ mit dem Sammeln von Belegen dafür, dass es sich immer um eine unberechenbare Ansammlung von Idioten handelt. Das Gründungswerk von LeBon ist eigentlich ein Prospekt der Rezeption (!) von Massen; er zitiert wertende Beschreibungen von Massenphänomenen; es ist keine empirische Sozialforschung, sondern eine Kulturkritik: wie werden in der Literatur Aufstände gesehen und gewertet. Kern ist immer folgendes Paradox: der einzelne Mensch ist vernunftbegabt, die Masse eine hysterische Horde, die sich dem Irrationalen verschrieben hat, dümmer als Tiere. Daraus ziehen die Gründungsväter der PR in den USA (Bernays) die Schlussfolgerung, dass eine Demokratie ohne gewaltige Propaganda nicht auskomme. Anders kriegt man keinen Verstand in die Massen, sagen sie. Tief paradox.
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DEM KARL MARX SEIN MANTEL.
Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.
Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.
Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.
Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.
Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?