Logbuch
KLUGER KOPF.
Rabenmaske für Jens Spahn? Die SEUCHEN-ÄRZTE im Mittelalter trugen solche VOGELMASKEN. Für jedermann sichtbar, groß mitten im Gesicht. Evidenzbasiert, sozusagen. Man stelle sich vor: Lauterbach als schwarzer Rabe (übrigens gestern wieder mit fettigem Haupthaar im TV, aber das ist eine andere Geschichte). Zurück zu den Rabenmasken. Mir ist klar, warum die Pestärzte die trugen. Der alten Tante FAZ ausweislich der gestrigen Ausgabe aber nicht. Ha! Ich bin also jener kluge Kopf, der angeblich hinter ihr steckt. Das ist ein historischer Werbespruch des Blattes, dass hinter ihm immer ein kluger Kopf stecke. Ausgezeichnete Werbung damals aus mindestens zwei Gründen. Erstens lobt sie den Kunden, nicht den Hersteller. Eigenlob stinkt ja bekanntlich. Den Kunden loben: So klug ist nicht jeder. Zweitens sagt sie klar, was man von ihr hat, wenn man sie erwirbt: Zeitgenossen finden selbst einen durchschnittlichen Tropf genial, wenn er das Blatt vor dem Antlitz hochhält. Man zeigt sich mit der FAZ. Wer will schon beim Lesen der BILD oder von Open Pussy beobachtet werden? Also, das konservative Blatt rätselte gestern über die mittelalterlichen Vogelmasken; die Wissenschaft, schrieb es, rätsele auch. Das stimmt nicht. Die rabenhaften Schnäbel trugen die Kämpfer gegen die Pandemie aufgrund einer sehr aufmerksamen Naturbeobachtung; ihnen war nicht entgangen, dass sich Flöhe wie Ratten wie Menschenkinder mit dem Virus infizierten, aber nicht die Vögel. Und so wollten sie, wenn sie denn nächtens in den engen Gassen des unglückseligen Venedig dem Schwarzen Tod begegneten, von ihm für einen Vogel gehalten werden. Denn die Vögel mied die Pest, wie die Pest. Das nennt man evidenzbasierte Medizin.
Logbuch
WERTE & NORMEN.
Die Wähler haben sich programmatisch entschieden. Nach ihrem weltanschaulichen Zuschnitt, im Sinne dessen, was sie normativ erwarten. Das hat die Pandemie ihnen nun auch wirklich abgefordert, ein klares Bekenntnis dazu, wes Geistes Kind sie sind und wem sie das Gemeinwesen anzuvertrauen wollen. Bei dem Grünen Kretschmann half das Motto „Sie kennen mich.“ Er räumt ein, dies bei Merkel gestohlen zu haben. Und bei der Sozialdemokratin Dreyer, die sich ihrer Freundschaft zum grinsenden Schlumpf Scholz rühmt, griff das Motto: „Wir mit ihr.“ Erinnert mich an den historischen Wahlkampf, den Altmeister Bodo Hombach für Johannes Rau in NRW gemacht hat; Motto: „Wir in NRW.“ Für alle Kandidaten in PRÄSIDIALEN WAHLKÄMPFEN gilt, sie müssen AUTHENTISCH sein. Bloße Chiffren helfen da nicht. Der Charakter des Politikers steht für wünschenswerte Visionen, eine historische Mission, ein bestimmtes Verständnis vom Gemeinwohl. Winfried also und Malu. Götterdämmerung für Angela, höre ich, die sich gerade entzaubere. Ich gönne allen, die gekämpft haben, ihren Wahlsieg; und jenen, die verloren haben, die Niederlage. Aber Werte und Normen? Ist das so? Es marschiert mit uns eine neue Zeit? Warum nur habe ich bei all dem einen so schalen Nachgeschmack?
Logbuch
SCHIZZO.
Ich treffe vor einer Geschlossenen Abteilung eines Kreiskrankenhauses auf einen vollkommen übermüdeten Oberarzt, der eine kubanische Zigarre „auf Lunge“ raucht. Gehörte früher auch zu meinen Angewohnheiten, wenn es des Whiskys eindeutig zu viel war. Anlass zu einem Plausch über COHIBA, so heißen die Dinger, und das wunderbare Venengift Nikotin. Wir mögen uns, er gerät ins Plaudern. Man weiß bis heute nicht, was Schizophrenie ist, außer einem Wort unter dem man einen ganzen Strauß von massiven „disorders“ zusammengefasst hat. Die Wissenschaft findet eine klare Ursache („eineindeutig“) nicht, nicht mal in den Genen, auch nicht in „homologen“ Biographien. Aber es werden von vielen Ärzten viele Rezepte geschrieben, allein in den USA für 15 Milliarden Dollar im Jahr, Opiate für jedermann eingeschlossen. Er meint, das sei wie mit der Diagnose „Fieber“ im 19. Jahrhundert, eigentlich nur eine Verlegenheitsdiagnose; Fieber sei eine unspezifische Reaktion auf diverse Ursachen. Ich bin fasziniert über das, was er „umkehrbar eindeutig“ oder „eineindeutig“ nennt; wenn aus A nicht nur B folgt, sondern aus B auch A. Die Psychiatrie, sagt er mir, habe es nicht mit Mathematik, sondern mit Menschen zu tun, und der Mensch sei aus viel zu krummen Holz... Das ist von KANT und ich kann angeben... Der Zigarrenduft hat mich noch lange begleitet, Suchtgedächtnis.
Logbuch
DEM KARL MARX SEIN MANTEL.
Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.
Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.
Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.
Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.
Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?