Logbuch

DEN SPIEGEL VORHALTEN.

Im großen Welttheater, das wir Politik nennen, darf das Publikum die Bühne und ihre Helden bestaunen. Die komischen wie die tragischen. Um sich selbst die Frage zu stellen, wer es denn sei.

Die Grüne Anne Spiegel räumt gestern Abend öffentlich Überforderung ein und erlaubt sich ein BEISEITE-SPRECHEN auf offener Bühne. Tragisch vielleicht, aber nicht verwerflich. Da zögert der Satiriker und begnadigt. Der Rest ist Schweigen.

Der Grüne Anton Hofreiter übt sich kurz vorher als Rüstungsexperte und wird dampfplaudernd zum Kriegstreiber. Ein Gescheiterter sucht Revenge. Das weckt den Satiriker und er zürnt. Dass dieser Butterblumen-Striezi uns zur Kriegspartei drängt und unaufgefordert den Panzerschrott der Rheinmetall verticken will, das nehme ich den Grünen übel. Reaktionär.

Überhaupt ist meine Stimmung angegriffen, weil der TATORT gestern so grausam war, jedenfalls für Menschen, die dem Jagdhandwerk eher fern stehen. Meine Seele wäre lieber Förster denn Jäger. Lieber sähe ich hundertjährigen Eichen beim Wachsen zu, als dass es mich gelüstete, selbst erlegte Wildsäue auszuweiden.

Wenn das bitte für den nächsten TATORT wie die WELTPOLITIK berücksichtigt werden könnte.

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DIE ANSAGE.

Die Lebenslüge der Generation meiner Großeltern und Eltern war, dass man habe nicht ahnen können, wie sehr die Nazis, einmal an der Macht, über die Stränge schlagen. Dabei haben die BRAUNEN klare Ansagen gemacht.

Dazu musste man nicht in den Hinterzimmern der SA gewesen sein; der Zeitgeist erläuterte sich allenthalben. Nur ein Beispiel. Die Bücherverbrennungen der an die Macht kommenden Nazis wurden am 10. Mai 1933 an vielen Universitäten mit sogenannten FEUERSPRÜCHEN begleitet. Unter diesen Parolen wurden die feindlichen Werke den Flammen übergeben. Man hat mir neun davon rausgeschrieben. Wer das liest, kann nicht sagen, dass die akademischen Faschisten einen Hehl daraus gemacht hätten, was sie vorhatten. Man lese:

„Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung. Gegen Dekadenz und moralischen Verfall, für Zucht und Sitte in Familie und Staat. Gegen Gesinnungslumperei und politischen Verrat, für Hingabe an Volk und Staat. Gegen seelenzerfasernde Überschätzung des Trieblebens, für den Adel der menschlichen Seele. Gegen Verfälschung unserer Geschichte und Herabwürdigung ihrer großen Gestalten, für Ehrfurcht vor unserer Vergangenheit. Gegen volksfremden Journalismus demokratisch-jüdischer Prägung, für verantwortlungsvolle Mitarbeit am Werk des nationalen Aufbaus. Gegen literarischen Verrat am Soldatentum des Weltkrieges, für Erziehung des Volkes im Geist der Wehrhaftigkeit. Gegen dünkelhafte Verhunzung der Deutschen Sprache, für die Pflege des kostbarsten Gutes unseres Volkes. Gegen Frechheit und Anmaßung, für Achtung und Ehrfurcht vor dem unsterblichen deutschen Volksgeist.“

Wie verquer, aber aufschlussreich, bis in die Sprache, wie klar die Absicht. Und natürlich ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch.

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POLITISCHE KLASSE.

Unsere politische Klasse hat keine (Klasse). Während eine Naturkatastrophe die Menschen zuhause ersaufen lässt, säuft sie Schampus auf Malle. Dazu lügt sie, als erwischt. Pflichtvergessenes Pack.

Was Nordrhein-Westfalen da Rheinland-Pfalz nachmacht, ist Futter für die AfD. Es betrifft die GRÜNEN (eine Frau Spiegel) und die CDU (eine Frau Hennen-Esser) und empört, weil es so verantwortungslos aussieht. Eine politische Elite, die sorgsam auf ihre Partykultur achtet, der aber das Schicksal der Menschen am Arsch vorbeigeht. Wenn enttarnt, täuscht sie. Ein kräftiges, weil populistisches Bild.

Auch ich habe Fragen: Was genau macht der stets fröhlich gestimmte Herr Holthoff-Pförtner mit der betont wohlgenährten Frau Umweltministerin da auf Malle? Und noch zwei Minister oben drauf. Warum überhaupt Mallorca? Haben die in der Düsseldorfer Altstadt kein Kölsch mehr? Ha! Oder Ahr-Wein? Der soll gerade günstig sein. Ob das alles der juvenile CDU-Spitzenkandidat (ein sehr glatter Herr Wüst) im laufenden Wahlkampf noch weggrinsen kann, das darf bezweifelt werden.

Und plötzlich passt das frühere Unglück des unvermittelten Lachens von Herrn Laschet, dem damaligen CDU-Vorsitzenden und Kanzlerkandidaten, mitten in der Katastrophe auch ins Bild. Die verarschen uns. Der Rechtspopulist sagt: Die Elite hat für das unfassbare Leid der Opfer nur Hohn. Stimmt das? Nein. Na ja, es stimmt nicht und dann wieder doch.
Lehrsatz: In der Politik bist Du für das Maß Deiner Missverstehbarkeit verantwortlich.

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DEM KARL MARX SEIN MANTEL.

Der Bärtige aus Trier lebte im Londoner Exil ist so ärmlichen Verhältnissen, dass er gelegentlich seinen Mantel ins Leihhaus bringen musste, um sich das tägliche Brot vom Mund abzusparen. Oft half der besser gestellte Freund Friedrich Engels aus. Es wird in der Literatur berichtet, dass die Arbeit an seinem Hauptwerk, dem KAPITAL, dadurch stark behindert wurde, da er den Lesesaal des Britischen Museums nur in stattlicher Kleidung betreten durfte. Ohne Mantel gar nicht. Zudem gibt es eine Debatte, ob es sich um einen Wollmantel gehandelt habe oder einen aus Leinen. Diesen Fragen habe ich mich gewidmet.

Die zeitgenössischen englischen Zeitungen bezeichnen den Winter 1858 auf 1859 als arschkalt. Marx musste von seiner Wohnung in Soho bis nach Bloomsbury durch die Kälte stapfen. Ich bin es gestern unter sommerlichen Bedingungen mal abgelaufen und habe eine gute Stunde gebraucht. Es ist völlig unplausibel, dass der Bärtige das in einem Leinenmantel erledigte, einer Naturfaser, die wegen ihrer kühlenden Wirkung im Commonwealth populär war, aber doch nicht im garstigen Wetter an der Themse. Marx wird einen schweren Wollstoff getragen haben.

Wegen der protokollarischen Anforderungen im British Museum wird es ein Blackwatch gewesen sein, ein schweres schottisches Stück blau-schwarzer Art; vermute ich. Keine Militärkleidung in Khaki oder eines der heute noch populären Kleidungsstücke aus dem Schützengraben, sogenannte „trench coats“ (trench ist der Schützengraben). Wolle also. Ich tippe auf „wool melton“. Aber das ist pragmatisch argumentiert. Untersucht man die Anekdoten um den „coat of Marx“ philologisch ergibt sich noch eine andere Spur.

Im KAPITAL verwendet Marx einige Mühe auf die sogenannte Wertanalyse. Er will den Warenfetischismus entzaubern und wählt das Beispiel von einem Ballen Leinwand und einem Mantel. Das mag oberflächliche Leser zu der Annahme verleitet haben, der Mantel sei aus Leinen. Unsinn. Zu doof für das KAPITAL und keine Ahnung vom Wetter im winterlichen London.

Da wir über Regenmäntel sprachen. Ich trage einen fünfzig Jahre alten der Marke Burberry und ein jüngeres Stück von Aquascutum. Beide unverwüstlich, aber der zweite exklusiver. Wurde just in dem Jahr, da Marx in London fror, dort patentiert. Aqua: Wasser. Scutum: Schild.
Wasserdicht. Ja, das Londoner Wetter. Wie sind wir jetzt darauf gekommen?