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SYMBOL.
„Ich lebe im Licht / Ihr aber vom Schatten.“ (eine Sonnenuhr)
Großer Garten eines alten Hotels in Palermo, Sizilien, das gerade von frischem Geld übernommen wurde. Rocco Forte. Fresko auf einer Wand. Der GNOMON fehlt, aber die Inschrift ist noch deutlich zu lesen.
Selbstbewusst verkündet die SONNENUHR ein Motto der Aufklärung. Eigentlich: „Mich regiert das Licht, Euch der Schatten.“ VOS UMBRA REGIT. Welch ein Symbol!
Der Spruch gefällt mir in seiner Mehrdeutigkeit. Er gilt pragmatisch (so zeigt sie lautlos, was die Stunde geschlagen hat); er ist lebensphilosophisch (wir beten die Sonne an und suchen den Schatten); natürlich ein Motto der Aufklärung; zudem sagt der Spruch auch etwas zur stärksten Macht in diesem Jahrhunderte geschundenen Land (zu seiner, da ist das Wort, Schattenwirtschaft). Um nur vier Deutungen anzusprechen.
So belehrt, gehe ich klüger als erwacht zum Frühstück. Das sollte jeder Morgen bieten.
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STILBRUCH.
Was ein Stil ist, erkennt man, wenn er gebrochen wird. Stilbruch ist ein künstlerisches Verfahren. Aber nicht jeder SCHLECHT GEKLEIDETE ist ein Künstler. Zum Beispiel: Schuhe, Sandalen, Latschen.
Früher trug man im Dienst und sonntags einen anständigen LEDERSCHUH. In schwarz, braun oder, wenn sehr kühn, weinrot. Das war natürlich ein geschlossenes Schuhwerk, keine Sandale. Schon gar keine Latschen. Wir waren hier ja nicht bei den Taliban. Sandalen mit Socken, das ist der Prototyp von schlechtem Geschmack. Kurze Hosen ("Shorts"), Sandale & Socken, so geht man nur auf einem deutschbesetzten Campingplatz. Damit kam man in HARRY'S BAR gar nicht rein; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Dann kam der Einbruch des Sportschuhwerks in die Alltagskultur als modisches Attribut. ADDI DASSLER und andere. Wo bisher ein Fuß atmen und, ja, transpirieren konnte, da wurde er nun in einer Plastikkapsel luftdicht verschlossen. So kam der Terminus der TENNISSOCKE zu weitergehender Bedeutung. Hautärzte berichten von ausführlichem Pilzgeschehen. Mir bleibt der Geruch von Turnhallen (ein absolutes "no go" für mich) in der Durchmischung dessen mit Bohnerwachs ein Leben lang in Erinnerung.
Man sah dann TV-Moderatoren mit Baseball-Schuhen und, ganz wichtig, offenen Schnürsenkeln. Noch bevor die weiblichen Moderatoren dazu übergingen, PUMPS mit Bleistift- oder Pfennigabsätzen zu tragen, die sich sonst bei dem russischen Publikum auf dem Ku-Damm einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Und dann auch Anzugträger mit Sneakern, wie sich die Freizeitware mittlerweile nannte. Als Covid uns die Cravatten nahm und alle auch im Büro so aussahen, als kämen sie gerade aus der gemischten Sauna. Aber immer noch geschlossener Schuh. Ich trug zu meiner Studentenzeit übrigens, peinlich genug, Cowboy-Stiefel (wichtig: schräger Absatz, texanische Ware, direkt importiert) zum Trenchcoat und der RIDER-JEANS (enge Röhren). Aus heutiger Sicht mir eher peinlich.
Deshalb sehe ich der jungen Dame im Restaurant nach, dass sie zu dem Outfit "business smart" (das berühmte KLEINE SCHWARZE) einen englischen Arbeitsschuh mit Luftkissensohle ("Doc Martens") trägt. Ein Stilbruch, gelungen, sehr nett. Übrigens habe ich den Burberry Raincoat aus den Uni-Jahren immer noch; der hat dann bald 40 Jahre gehalten. Aus reiner Baumwolle. Gemacht für den Tommy im Schützengraben; da kommt der Name "trenchcoat" nämlich her.
Was sich aber wirklich gewandelt hat, jenseits der Moden, ist die Politisierung der Materialien: Baumwolle ist nicht mehr unproblematisch. Man fragt, wer sie wo und vor allem wie gepflückt hat. Und Leder ist völlig "raus": man fragt, wessen Haut das mal war. Das geht so weit, dass mein neuer Original Budapester Schuh gar nicht mehr zugibt, dass er aus nordamerikanischem Pferdeleder gefertigt ist. FURY IN THE SLAUGHTERHOUSE. Der Schuh gesteht nur noch verdruckst in einer Ecke der Sohle: "Cordovan". Das meint Rossnappa, also Fury. Politisch nicht mehr korrekt.
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RIKSCHA.
Rikscha also. Ende des 19. Jahrhunderts in Japan erfunden. Übrigens von einem Kolonialherren, der offensichtlich keine Lust hatte, zu laufen. Immer schon waren sie für mich das Symbol des Kolonialismus. Vorne zieht sich ein dünner Mann, ärmlich gekleidet, die Seele aus dem Leib. Hinten sitzt der dicke, fette Wohlstandsbürger und lässt sich durch die Gegend schaukeln. Moralisch verwerflich.
Jetzt aber ziehe ich die Rikscha selbst. Die soziale Frage ist damit gelöst. An die Stelle der Ausbeutung tritt die Selbstausbeutung. Und das alte Problem der körperlichen Arbeit, die die Gesundheit zerstört, auch. Wir alle müssen uns mehr bewegen; wenn schon nicht Sport treiben, so dann doch mindestens tausend Schritte am Tag laufen. Oder waren das zehntausend? Und bei Gepäck oder Kindersegen?
Lastenfahrräder also. Man muss gesehen haben, wie die überforderte Mutter damit drei Kinder ungeschickt durch das Gewühl bugsiert, um zu wissen, welche Opfer sie bringt. Im Hauseingang eines Mehrfamilienhauses versperrt eines dieser sperrigen Monstren fast den Weg, ein zweites ginge noch, aber keine drei oder vier. Aber die Autos versperren ja auch die ganze Stadt. Das ist wahr, ein Auto, das nicht fährt, ist noch ein größeres Hindernis als eines das rollt. Aber auch das ließe sich raumordnerisch ja lösen. Taxis, Busse und Bahnen. Verkehrswende.
Ich bin immer Bahn gefahren, als sie noch fuhr. Es war teuer, es war servicearm, es war unfreundlich, aber ich habe es getan. Die Bahn ist in schlechtem Zustand. Und das ändert niemand. Der Streckenausbau für Schienenfahrzeuge braucht ewig und wird deshalb verschoben. Wie diese Nation Flughäfen baut, das hat sie in der Hauptstadt schon bewiesen. Neuerdings: wie die staatseigene Bahn ihre Tarifkonflikte löst, das wissen wir jetzt auch. Kann ich bitte noch mal die Rikscha sehen?
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FIGAROS HOCHZEIT.
Revolutionen entstehen nicht durch himmelschreiende Missstände. Die gibt es ja immer und fast überall. Sie drohen, wenn der Plebs sich langweilt. Darum galt im Alten Rom das doppelte Motto BROT & SPIELE. Und Spiele!
Als Massenmedien noch aus Papier waren, im Zeitalter der Zeitungen, da war wichtig, was die BILD „auf der Eins über‘m Bruch“ hatte; das meinte die Titelstory, die den Leser schon ansprang, auch wenn das Blatt noch gefaltet am Kiosk lag. Diese Schlagzeile sollte den Kaufimpuls auslösen, war also wichtig. Dort lese ich gestern etwas von einem anstehenden Kanzler-Tausch. Das ist schon sprachlich so schlecht, dass ich nicht mal mehr weiterlese. Selbst BILD kann keinen Boulevard mehr. Man gähnt.
Das ventilierte Gerücht will von einem Plan in der Union wissen, den amtierenden Friedrich Merz durch Henne Wüst zu ersetzen, der in Düsseldorf den Ministerpräsidenten gibt. Er gilt als der Kennedy vom Niederrhein und hat die Haare schön. Politisch kommt er aus der Tiefe des Raums, weiß also, wie das Geschäft geht. Zudem war er mal bei der Lobbyfirma EUTOP, die nun wirklich mit allen Wassern gewaschen ist. Das ist schon Erste Liga. Unsern Henne als Kanzler; echt, jetzt?
Ich bin nicht überrascht, aber doch irritiert, weil ich finde, der Merz macht seinen Job so schlecht nicht. Zumindest nach der Stupidität, mit der der SCHOLZOMAT sein Kabinett vor die Wand gefahren hat, weil, so sein Schwanengesang, die Bubis der FDP böse waren. Allerdings ist das Haupt von Fritze Merz nur noch sehr spärlich von einem Flecken Resthaar bedeckt und glänzt ansonsten wie ein Osterei. Anweisung an die Maske: Bitte regelmäßig mit Puder abdecken.
Meine Frisörin, die fabelhafte Denise, empfiehlt den Kahlen ausgedehnte Besuche in der Türkei, wo man sich, im Urlaub nebenbei Haar von anderen Körperteilen, die noch eine gewisse Buschigkeit aufweisen, auf die Pläthe verpflanzen lassen kann. Das „pubic hair on head“ sei echt in Mode, sagt Denise; sie habe Kunden, die damit wirkten, als seien sie einem Jungbrunnen entsprungen. Ich bin skeptisch. Nach solchen Plattitüden vergeben wir doch nicht das dritthöchste Amt im Staat. Nur, weil unsern Henne die Haare schön hat.
Der Kern meines heutigen Monitums ist aber, dass es keinen kräftigen Boulevard mehr gibt. Die wirklich irren Stories kommen nur noch aus der PR; dabei vorwiegend aus der rechts gestimmten Regierungs-PR. Frech wie Dreck. Und insofern ist der Friedrich Merz vielleicht nur zu vorsichtig. Hülfe es, wenn er noch mehr über das Stadtbild schwadronierte und warum man seine Kinder nicht mehr in die USA schicken kann? Fritze, hau noch einen raus! Ein Volk, das sich langweilt, ist echt gefährlich.