Logbuch
HAUSSTAND.
Idylle des Landlebens. Die Architektur eines Bauernhauses von 1759 betrachtend sehe ich damals 29 Lebewesen unter einem Dach. Heile Welt. Landliebe.
Eigentlich sind es zwei Dächer, das des kleinen beheizten Wohnhauses und das der großen Scheune mit Stall. Deren riesiges Tor musste dem Heuwagen Platz geben, der die Nahrung für den ganzen Winter heranschaffte. Im Wohnhaus drei Generationen, man war mit sechzig schon alt. Sieben Personen. Kein Knecht, keine Magd, eher arm. Der Familienvater zog mit dem ersten Tageslicht im Nebenerwerb in die nahe Erzgrube, Frühschicht. Spätschicht auf dem Acker.
Im Stall drei Rinder, zwei Säue, vierzehn Hühner. Und der ganze Stolz: ein Pferd, das den Karren zog. Ohne die Mäuse zu zählen also 27 Lebewesen. Die Kinder arbeiteten mit, die glücklichen auf dem Feld, die unglücklicheren unter Tage. Das ist jetzt gerade mal ein Vierteljahrtausend her. Kurze Zeit? Lange Zeit? Das Haus wurde immerhin vor der Französischen Revolution gebaut. Auf dem Speicher eine gemauerte Kammer am Kamin, durch die das Rauchgas zog und so Wurst wie Schinken konservierte, die hier geräuchert wurden. Altes Fett auf den Steinen. Im Keller Einmachgläser. Kaltliegender Wein von der Mosel.
Vergangene Zeiten. Alle sind sie mittlerweile verschwunden, jedenfalls die Haustiere. Versteht man gut. Nur einer nicht, der verdammte Steinmarder, ein Pärchen, das gerade wieder unters Dach eingezogen ist und vom Nachbarn zwei tote Hühner mitgebracht hat, die es, da es Aas liebt, nun noch etwas gammeln lässt. Verdammte Viecher. Von wegen Landliebe.
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FRÜHER WAR MEHR LAMETTA.
Streit mit einem Urgestein. Ein verdienter PR-Manager der SPD, der dieser 45% gebracht habe, hadert mit mir wegen meines Vorwortes zu Bernays „Propaganda“ von 1928. Altersstarrsinn.
Das Urgestein findet es läppisch, dass man heute mit 15% Kanzler werde. Und er preist einen gewissen HARRY WALTER. Den mag ich nicht. Dieser galt als der Spin Doctor hinter Willy Brandt und Helmut Schmidt. Das Genie dieses ungepflegten Zottels bestand darin, dass er ein schlichtes Gemüt war. Er beherrschte die REDUKTION von KOMPLEXITÄT, weil sie ihn beherrschte. Er war ein Werbe-Fuzzi (und eben kein PR-Mann).
Die Zeiten waren so. Es funktionierte noch POLITISCHE WERBUNG. Da konnte ein gelernter Pressefotograf mit Zopf die Boulevardzeitung-Maxime HPS durchsetzen (Headline-Picture-Story). Und Millionen verschalten. Sigmar Gabriel hat mir erzählt, wie Harry Walter ihm ein berühmtes Foto von Brandt („Willy wählen!“) ins Büro stellte und sich rühmte, dass seinerzeit nur noch dieses eine Bild gedruckt wurde. So ginge das. Vorherrschaft. Wie erreicht man das unter den Bedingungen des Internets?
WERBUNG setzt keine Trends mehr. Sie folgt Trends der Sozialen Medien und verstärkt sie, bestenfalls. Wir haben eine Partikularisierung von Meinungsbildung im Internet und das in den Händen weniger Privatpersonen und deren Imperien. Das ist nach außen ein verstreutes WELTPUBLIKUM und nach innen ein strikter MONOPOLKAPITALISMUS. Hier kann man Kampagnen anzetteln oder sie bestellen oder beides. Es braucht IT-kundige Experten in den Händen sehr großer Budgets. Der BOULEVARD kann das nicht, trotz aller Bereitschaft zur Niedertracht. Propaganda geht nur noch smart.
Davon hat man 1969 nichts gewusst. Auch 1972 nicht. Die Urgesteine dieser Zeiten sind längst Fossile. Man misstraue Opa, wenn er vom Krieg erzählt.
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ENERGIE TEUER WIE NIE.
Kostenexplosion bei den Energiepreisen? Seit wann spielt Geld hier eine Rolle? Die Leute haben es doch. Fragen von gestern zur Inflation vom morgen. Der grüne Tunnelblick wird teuer.
Fragestellung vom gestern: IMPORTABHÄNGIGKEIT. Mit den Ölimporten machen wir den Scheich reich, habe ich mal gedichtet. Klang politisch unkorrekt, aber die OPEC war noch ein Thema, das Kartell der Ölproduzenten. Als ich anfing einen PKW zu betanken, zahlte man 49 Pfennig den Liter, das sind 25 Cent. Jetzt rufen die Multis (multinationalen Konzerne) das Sechsfache auf.
Fragestellung von gestern: KARTELLABHÄNGIGKEIT. Ich war mal bei der deutschen ARAL, das ist an die britische BP verkauft. Damals sah man die Kartellbildung der Anbieter bei der Linken kritisch. Es war aber sehr kommod, den Gaspreis an den Heizölpreis zu koppeln, weil die Fördernationen (Norwegen, Russland) sich darauf verlassen konnten, dass das Ölkartell sie mit nach oben nahm. Ich saß bei RUHRGAS und habe so (politisch unkorrekt) unsere Preispolitik begründet (ich war ja aus dem Mineralölgeschäft ja noch in Übung).
Fragestellung vom gestern: PRODUKTABHÄNGIGKEIT. Wenn man möglichst viele Lieferländer sucht und möglichst viele Produkte (Steinkohle, Braunkohle, Öl, Gas, Kernenergie) zu nutzen weiß, kann man nicht nur Mengen regulieren, sondern auch Preise. Ich habe, politisch unkorrekt, bei der RUHRKOHLE begonnen. Motto war neben der heimischen Verfügbarkeit die DIVERSIFIZIERUNG. Kohle zu Öl hydrieren, zum Beispiel.
Fragestellung vom gestern: SICHERHEIT. Zunächst der Versorgung (Mengen und Preise), dann auch des Betriebes. ATOMENERGIE erfordert einen sehr hohen technischen Aufwand, der am ehesten in Großanlagen zu gewährleisten ist. Und unterschiedliche Techniken sind unterschiedlich sicher. Aber das Risiko, politisch unkorrekt angemerkt, ist zu kalkulieren: sehr selten, aber hoch versus gering, aber ständig. Und für meine Begriffe sind Kernkraftwerke nur staatlich zu betreiben. Ich habe die vormalige Industrie vom innen kennengelernt und weiß, wovon ich rede. Die PROLIFERATION von Klein-AKWs ist Irrsinn.
Fragestellung von gestern: NETZQUALITÄT. Leitungsbau. Rohre verlegen, auch durch die Ostsee. Bis vor jede Tür. Man lernt schnell: „retail is detail“. Was bei WLAN jedem Nerd klar, hapert beim Strom. Nicht nur bei dem für die Batterieautos, die jetzt modern werden.
Fragestellung vom gestern: Ab an die Börse! NOTIERUNG IN DEN USA. Da begann, was heute Herrn Elon Musk den Wind unter die Flüge bringt. Hier lag ein großer Fehler, da die Börse alles kann, aber nicht STRATEGIE.
Habe ich in meiner Suade einen Aspekt vergessen? Nein. Keinen wirklich wichtigen. Man schaue sich um, außerhalb des deutschen Sonderwegs. Nirgendwo werden die Verbraucher so zur Kasse gebeten. Aber wir haben es ja. Vorbild sein, das gibt es nicht zum Nulltarif. Am deutschen Wesen…
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WACKERSDORF DIE ZWEITE.
Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.
Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.
Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.
Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.
Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.