Logbuch

EMPFINDSAMKEIT.

Das Mutterland der Modernen Zeiten, die USA mit der Hauptstadt San Francisco, hält nicht nur die Fackel der Freiheit hoch, auch die der Empfindsamkeit. Das ist eine kulturelle Regung, deren Wurzeln im Europa des späten 18. Jahrhunderts liegen und in der Neuen Welt verkommt. Zwei Beispiele.

Kein Roman wird dort auch nur lektoriert, geschweige denn gedruckt, wenn er nicht durch die Zensur eines „sensivity readers“ gegangen ist. Was dem Gebot der Empfindsamen widerspricht, ist zu tilgen. Ich zitiere: „Sensitivity Reading (or a "diversity check") is an editorial process where a manuscript is reviewed by experts with lived experience in marginalized or underrepresented communities. The goal is to identify harmful stereotypes, biases, or discriminatory language regarding race, gender, disability, or mental health before publication.“ Da bleibt nichts.

Zum Zweiten: Dem im Kongo mit Ebola infizierten Arzt amerikanischer Nationalität ist vom Weißen Haus die Heimkehr in die USA versagt worden. Er befindet sich nach üblen Verzögerungen nun mit Frau und seinen vier Kindern in der Berliner Charité. Die deutsche Klinik benennt sich nach dem lateinischen Caritas, was Luther Nächstenliebe genannt hat. Meint Empfindsamkeit. Oder eben deren Abschaffung.

So sehe ich die junge Nationalkultur der Amis in zwei Hälften zerfallen. Zwei kulturelle Ansichten. Beides böse. Auf gut Englisch: Paradise lost.

 

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DEN TON TREFFEN.

Unser allseits geschätzter Bundeskanzler ist kein großer Redner von Format, der die Herzen der Menschen mittels Rhetorik zu erobern wüsste; es kann vorkommen, dass er Buhrufe aus dem Publikum vernimmt. So wie die Vizekanzlerin schon mal vom Saal ausgelacht wird, was sich gegenüber einer Dame nicht gehört.

Redenschreiber, die Vorlagen liefern, die dem Redner Erfolg bescheren, sind selten. Ich habe im Bonner Kanzleramt mal ein solches Genie kennengelernt, der dem damaligen Regierungschef Helmut Schmidt einen Auftritt vor der britischen Labour Party getextet hatte, die diesem das linksgewirkte Auditorium zu Füßen legte. Der teutonische Hunne hatte vor den englischen Sozis den Ton getroffen; das kann nicht einfach gewesen sein. Der Redenschreiber wurde in der Folge aus der Londoner Botschaft an den Rhein befördert und trug fortan zwei Montblanc-Füller in der Weste. Edelfedern der Edelfeder.

Merz sagt den Gewerkschaftlern beim DGB, dass die Reform der Sozialsysteme unbedingt sei, ergebe sich aus Demographie und Mathematik. Butt. Das hat die „alternativlose“ Herzlichkeit der Naturwissenschaftlerin Merkel, gepaart mit der beißenden Arroganz eines Controllers. Ach, Fritze, wer schreibt Dir so was auf? Ich sehe ob dieser blasierten Kühle seinen Chef des Kanzleramtes scheitern; mindestens aber den des Bundespresseamtes. Von beiden weiß ich nicht mal den Namen. Ab dafür.

Obwohl gelernter Redenschreiber war es mir als Redner in eigener Sache selten vergönnt, einen Saal gerührt zu haben. Dazu war die mir mitgegebene Neigung zur barschen Polemik zu ausgeprägt; auch beruflich hat mich die Zahl meiner Feinde immer mehr interessiert als die kollektive Zuneigung für Jedermanns Liebling. Die scharfe Zunge polarisiert; man hat wenige, aber recht gute Freunde, und meinst eine irritierte Meute im Saal. „The nice guys are in the mailroom.“ Die netten Jungs arbeiten in der Poststelle, nicht im Vorstand.

Obwohl die Rhetorische Begabung als Handwerkszeug der Politik gilt, scheinen die großen Könner der Redekunst selten. Johannes Rau war einer, Richard von Weizsäcker und Willy Brandt, auch FJ Strauß. Kohl eben nicht. Der amtierende Bundespräsident ist wie der Dicke ebenfalls gänzlich frei davon. Da frage ich mich oft, ob es eine Verschwörung in seinem Haus gibt, der er selbst angehört, so gänzlich frei von Talent und Ambition, wie er seine grotten-miserablen Zettel verhackstückt. Piet Klocke. Piet Klocke im Amt.

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WOHNDOSEN.

Während mich die Automatiken meines PKW gemächlich von einer Geschwindigkeitsbeschränkung zur nächsten fahren, habe ich Muße, mir die anderen Verkehrsteilnehmer anzusehen. Ich mag diesen ruhigen Stil großer Limousinen, die nur gelegentlich prüfen, ob der Fahrer noch wach; mit leichter Bewegung am Lenkrad oder der zweiten Hand am Volant ist er beruhigt, der Rechner, und man gleitet weiter auf der Bahn: Wir fahrn, fahrn, fahrn auf der Autobahn.

Feiertags fehlen die Laster und man erfreut sich auf der rechten Spur in endlosen Folgen des Parcours von motorisierten Wohndosen. Man nennt sie wohl Wohnmobile, diese Hotelzimmer auf Kastenwägen, und es gibt sie vom kargen Alkoven bis zu großen LKW. Offensichtlich sind die darin Gefangenen zu mäßiger Geschwindigkeit gezwungen, können aber aus riesigen Frontscheiben auf ihresgleichen starren. Die Wohndosen frönen dem Anspruch, dass man in ihnen alles anstellen kann, was die häusliche Wohnung auch biete. Gaskocher, Kühlschrank, Klima, Doppelbett, Dusche und Chemie-WC; ich will es gar nicht wissen. Räder werden immer mitgeführt, oft Roller und gelegentlich ein kleiner PKW für den Nahbereichsausflug.

Ich höre, dass diese prächtigen Zellen der Reisekader ohne weiteres eine Viertel Million € kosten können; dafür muss man, damit sich der Quatsch lohnt, schon sehr alt werden und viele Kilometer über die Autobahn geschlichen sein, um dann auf Abstellplätzen übernachtet zu haben, gegen die ein Knast gemütlich erscheint. Ghettos der Wohndosengreise in selbstgewählten Zigeunerlagern. Vor ihren Dosen auf albernen Campingstühlen hockend, um den Schatten der ausgefahrenen Markise zu genießen. Kleinbürgertum in Reinform. Peinlich.

Jetzt die alles entlarvende Beobachtung: Die Insassen der Wohndose empfinden die Peinlichkeit ihrer Existenz selbst und begegnen dem mit einem grotesken Originalitätszwang. Auf die Rückseiten der Gefährte sind Witzchen gemalt, die Komik verbreiten sollen, aber doch nur Verlegenheit formulieren. Man entschuldigt sich für die Absurdität des mobilen Unterfangens, oft mit Biografischem der internierten Pensionäre oder den Kosenamen der Mobilen. Lediglich die großen Suiten verzichten auf die aufgemalten Entschuldigungsversuche. Hier protzt man implizit mit dem Busfahrerführerschein.

Ich komme zurück auf ein Erlebnis der Vorwoche: Wer allerdings das miefige Elend in Hotels mit einem fünfzigjährigen Sanierungsrückstau kennt, der versteht die Flucht zur Wohndose. Und ich will noch für die obige Pejoration zu Reisenden um Verzeihung bitten, die das aus Not oder Kultur oder beidem tun; Respekt. In der Wahl der Limousine sind wir eh von gleichem Geschmack. Hubraum kann man nur durch Hubraum ersetzen.

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WACKERSDORF DIE ZWEITE.

Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.

Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.

Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.

Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.

Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.