Logbuch
WER IN DER PFLICHT?
Weil Bemühungen um eine Berufsarmee gescheitert sind, will man wieder die allgemeine Wehrpflicht einführen. Laut Verfassung geht das nur mit Männern. Frauen wären da nicht in der Pflicht. Man erwägt, das Grundgesetz dieserhalben zu ändern. Damit betritt man, um es militärisch zu sagen, vermintes Gelände.
Ich kann mich dazu aus gleich mehreren Gründen nicht glaubwürdig äußern, was mich nicht daran hindert, eine Meinung zu haben oder mehrere. Ein guter Mann, hat der junge Brecht gesagt, taugt auch für zwei oder drei Meinungen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Eine von mir geschätzte konservative Stimme, weiblichen Geschlechts, macht geltend, dass die Frauen ihren Teil zum Gemeinwohl bereits geleistet hätten, da sie die Kinder kriegten. Da ist ein Argument, ein ziemlich atavistisches, aber ein Argument. Vor dem Rathaus in Zehlendorf gab ich gestern einer Bettlerin mein Hartgeld, die auf einem Pappschild für sich reklamierte, fünf Kinder zu haben. Das ist ein Wert an sich; habe ich ihr auch so gesagt.
Zugleich will die Truppe künftig ein Viertel Soldatinnen, wohl auch weil das der inhärenten Entmenschlichung dieses Gewerbes entgegenwirkt. Man weiß aus der Militärhistorie von Zugewandtheit der Kameraden nach innen und Vergewaltigung als Siegerrecht nach außen, beides zu verschweigende Themen: „don‘t ask, don‘t tell“ in der US-Armee. Aber da würde der Boris P. schon aufpassen; ihm wird zur Zeit viel zugetraut. Sehr viel. Nebenfrage: Lispelt der?
Ich habe nicht gedient und kann wenig an eigener Erfahrung beitragen. Und Kinder zwar gezeugt, aber nicht zur Welt gebracht. Unter Schmerzen, hat meine Frau Mutter an dieser Stelle stets ergänzt. Galt das freiwillige soziale Jahr, dass der amtierende Bundespräsident zwangsweise einführen wollte, auch für Mädchen? Oder gerade für die? Fragen über Fragen. Wie ist das in anderen Hochkulturen, sagen wir bei den Engländern oder Franzosen? Haben die eine Wehrpflicht für Männlein wie Weiblein; ich bezweifle das. Jedenfalls nicht in der Fremdenlegion. Gutes Stichwort.
Ich habe einen Vorschlag: Wer freiwillig dient, egal woher er kommt, kriegt nach fünf Jahren einen deutschen Pass. No questions asked. Oder eine erstklassige Ausbildung. Oder ein Einfamilienhaus mit Doppelgarage. Oder alles drei. Fehlt es mir an Respekt vor den Staatsbürgern in Uniform? Nein, im Gegenteil. Ich bin sehr für großzügigen Sold. Man sollte den Dienst für die Allgemeinheit lohnend machen. Und auch den Ersatzdienst anständig bezahlen. An Geld fehlt es ja ansonsten auch nicht. Go, Boris, go!
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ICH VERBINDE.
Eine beiläufige Nachricht macht mich nachdenklich. Die Telekom stellt ihre Auskunft ein. Damit nimmt eine Epoche ihr Ende, deren Zeitzeuge ich war. Es ist so vieles zwischenzeitlich passiert, dass man ausholen muss.
Ich erinnere mich noch an eine rotlackierte Telefonzelle mitten in dem englischen Dorf, in dem wir unsere Urlaube verbrachten, die einen Münzfernsprecher enthielt, der mit Kupfermünzen zu füttern war, unzähliger Zahl. Von hier suchte ich mein Büro zu erreichen. Die Münzen waren vorher zu sammeln, die eiserne Lady fraß sie wie nichts. Das ging, wenn man die anzurufende Festnetznummer kannte.
Bei einer Verlegenheit konnte man in Deutschland bei der Auskunft ein „Fräulein vom Amt“ bemühen, die einen verband. Ich höre die Stimme noch: „Ich verbinde!“ Übrigens in jüngeren Jahren zuvor noch mit einer automatischen Ansage der Nummer von einem Automaten. In München war es, wer erinnert sich nicht, die „zwounddreißig sechzehn acht“ mit der Konjunktur durch die ganze Nacht. Stichwort Rosi. Es muss dreißig Jahre her sein, dass ich den Spiegel-Chefredakteur Stefan Aust den Telekomboss René Obermann (vulgo Dobermann oder Obermännchen, ferner Stichwort Maybrit) fragen hörte, ob es Festnetz überhaupt noch gebe; heute wäre die Frage beantwortet. Obermann sah ich später gelegentlich in Montabaur; aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.
Neben der Auskunft gab es, jetzt auch eingestellt, die Zeitansage und den Weckdienst, den ich in manchem Hotelzimmer nutzte, um am nächsten Morgen den Flieger nicht zu verpassen. All das hat das Smartphone abgelöst. Und noch viel mehr. Hotelzimmer haben keine Telefone mehr, alle Festnetzgeräte sind auf Handys umgestellt. Es klappert keine Reiseschreibmaschine namens Erika mehr. Stenoblock bleibt leer. Das iPhone kann am Ende alles. Anmerkung für Robert Habeck: Es kostet einen Tausender.
Was noch anders war: Ich habe aus dem Urlaub Fotopostkarten verschickt an die Daheimgebliebenen. Bei den Inglesen gab es regelrechte Shops für Kartengrüße, auch solche des schwarzen Humors. Alles verloren an das kleine Scheißding aus Kalifornien. So wie Rosi und Erika, nur Maybrit, die ist noch da.
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UNMUSIKALISCH.
Gestern in der Berliner Philharmonie eine Meisterleistung dieses grandiosen Orchesters unter seinem Chefdirigenten Kirill Petrenko mit Smetanas „Vaterland“, sechs Symphonien rund um die „Moldau“ in 75 Minuten ohne Pause durchgespielt, am Ende Achtungsapplaus, nicht mehr.
Das Werk ist von hohem Anspruch, Smetana wollte einen Nationalcharakter der Tschechen aus und mit Musik schaffen, aber eben auch erzählerischer Natur, Landschaftsbilder entwerfend, also zu verstehen. Aber ich stutze schon, als ich sah, dass die erste Geige des fabelhaften Japaners Kashimoto zur Seite gesetzt war und die im Orchester ungeliebte Lettin Sareika übernahm.
Kirill hat die Obsession der Präzision. Exakt führt er das Orchester, einem Uhrwerk gleich. Er dirigiert wie KI. Als die Becken an einer einzigen Stelle eine halbe Sekunde zu früh kommen, tadelt er. Auch pompösen Komponisten nimmt er das Pathos; alles ist von aseptischer Klarheit. Ein durch Sir Simon Rattle verwöhntes Publikum fremdelt und erstarrt. Es gibt ihm drei Vorhänge, aber nur eine stille Begeisterung. Der Saal tobt nicht. Vielleicht ist das gut so. Die Blumen gibt er der hochgewachsenen Lettin, eh klar.
Walter Momper war auch da, alt geworden. Und Graf Schulenburg sah ich, mit Gattin, Pumps mit roten Sohlen. Von Musik habe ich übrigens nicht die geringste Ahnung, ein Versäumnis meiner frühkindlichen Sozialisation und dann ganz sicher der schulischen Erziehung. Der Mann ist unmusikalisch. Übrigens auch in Fragen der Heilsgewissheit. Religiös unmusikalisch. Das ist von Max Weber, wenn ich das recht erinnere.
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WACKERSDORF DIE ZWEITE.
Ende Gelände in Hamm. Ist das da, wo ich mich mal um einen Kugelhaufenreaktor bemüht habe? Und der Bruder von Grönemeyer Störfälle in der Gülle eines westfälischen Kuhstalls fand, die es nie gegeben hatte? Man sagt, die Geschichte wiederholt sich nicht; was natürlich Unsinn ist. Laufend.
Mein Gedächtnis ist nicht das Beste, zumindest was Chronologie angeht; ich erinnere vieles nur simultan. Vielleicht ist das ja eine Gnade des Alters, dass man den Babys schon in der Wiege ansieht, auf welcher Bahre sie mal enden. Und oft behält man recht. Mein Herr Vater pflegte zu sagen, dass er daran, wie der Zimmermann den Hammer halte, sehe, ob der Nagel krumm werde. Nun, vieles ist vergessen an krumm geschlagenen Nägeln. Aber das weiß ich noch, wo ich Ostern 1986 war.
Im ländlichen Wackersdorf hatte sich ein Lager gebildet von Aktivisten, die sich dem Willen von Bundes- und Landesregierung widersetzten, dort eine Wiederaufarbeitungsanlage für abgebrannte Kernbrennstoffe (WAA) zu bauen. Das wäre der Eintritt in eine nukleare Kreislaufwirtschaft gewesen. Big Deal. Ich war vor Ort, weil ich mit den Leuten reden wollte und eine Sicherheitsgarantie durch die Veranstalter hatte. Man kann sich vorstellen, dass ich im Flanellanzug und mit Krawatte auffiel, wie ein Schwein auf dem Sofa. Aber man wollte reden und konnte es.
Mein Patron war der Energie-General der VEBA, der legendäre Werner Müller, dessen Sohn der Branche erhalten geblieben ist. Nun, wie immer habe ich hier und heute keine Indiskretionen zu begehen; aber nachzulesen ist, dass unser oberster Kriegsherr, der legendäre Rudolf von Bennigsen-Foerder, danach im STERN sagte, dass man eine Technologie nicht auf Dauer mit dem Bundesgrenzschutz durchsetzen könne. Die WAA wurde aufgegeben. Das Bundeskanzleramt war entsetzt, die bayerische Staatskanzlei tobte. Müller und sein Umfeld hatten den Satz in das Interview reinredigiert. Gespaltene Freude, aber das Leben in der Energiewirtschaft ist kein Ponyhof.
Heute sehe ich die Söhne und Enkel der damaligen Kämpfer ein Zeltlager in Hamm errichten; meine alten Kontakte, obwohl über Jahrzehnte gut geölt, bleiben zurückhaltend. Man wittert Spionage und traut der Industrie nicht, jedenfalls nicht der amtierenden Ministerin und ihrem Freiherrn. An Unternehmern vom Format eines Bennigsen oder Zuschlägern im Charakter eines Müller fehlt es. Obwohl, man weiß es nicht, vielleicht ist das jetzt, fast vierzig Jahre später, nur die etwas dekadente Wehmut alter Kämpfer. Weil man weiß, auf welcher Bahre endet, was da gerade aus der Wiege nach Mutters Brust schreit. Man müsste stillen können.