Logbuch
Die Fukushima-Kirmes
Mit dem Jahrestag des Erdbebens in Japan kommt die große Stunde der Klugschwätzer. Das ist recht, aber es ist auch billig.
Katastrophen sind Mahnungen, darüber nachzudenken, was man sich zumuten will. Zuvor jedoch, das rät Immanuel Kant anlässlich eines Tsunami zu seiner Zeit, steht Mitmenschlichkeit. Erst Nächstenliebe, dann Besserwissertum, in dieser Reihenfolge.
Also gilt mein Mitgefühl dem japanischen Volk, den Menschen, die Opfer eines Erdbebens wurden. Wir leben auf einer schlecht erkalteten Feuerkugel in einem riskanten Universum. Die Menschheitsgeschichte ist eine Episode, unser Leben ein Wimpernschlag. Wir suchen Schutz in Höhlen und Hütten, einige in Palästen, aber auch die stürzen ein. Wir scharen uns um Lagerfeuer aus Holz, Kohle, Öl, Gas oder Uran. Ja, auch Sonnensegel und Windmühlen.
Bevor nun die Besserwisserei um die Kernenergie losgeht: Wir hatten ein Erdbeben und in der Folge eine große Flutwelle und in der Folge eine Reaktorhavarie. Nur ein Zyniker wird die Opfer auf die drei Ereignisse fraktionieren; wenn er es aber tut, so gibt es Grund, sich vor Erdbeben zu fürchten, nicht vor Uran.
Gemach, gemach: Die Kerntechnik muss erdbebensicher sein und sie war es in Fukushima nicht. Gemach, gemach: Die Kerntechnik muss in einer partizipatorischen Demokratie möglich sein oder sie hat bei uns keine Zukunft.
Quelle: starke-meinungen.de
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Von italienischen Jungfrauen und spanischen Huren: Warum Lebensmittel krank machen
Spontanes Entsetzen: Eine Freundin hat EHEC, hier und heute. Im Februar 2012, mitten in Berlin. Dabei hat sie Sprossen aus Niedersachsen gemieden und spanische Gurken sowieso.
Ich bin besorgt und sinne auf Rache. Wie kann ich das den Lidls und Aldis anhängen?
Verbrecher allesamt, allemal! Wie oft sind die Zeitungen voll von Beweisen, dass Lebensmittel immer mehr zu Todesboten werden. Nieder mit der Industrialisierung von Landwirtschaft und Nahrungsmittelherstellung. Ich fordere die Agrarwende. Und eine Staatsaufsicht bei den Unternehmen der Food Inc. Die Lösung heißt organic food. So nennt der Engländer Bio. Weg von der Chemie, hin zum Organischen. Zurück zur Natur.
Die englische Presse liebt es saftig. Die Rede ist dort von italienischen Jungfrauen und spanischen Huren oder gar solchen aus Tunesien oder Marokko. Böser Boulevard um schlimme Mädchen? Neue Eskapaden eines ehemaligen Präsidenten? Nein, es geht um Olivenöl. Der Reihe nach. Die ursprüngliche Idylle liegt in Italien, in der Toskana. Goethe wusste es schon, als es ihn in das Land verschlug, in dem die Zitronen blühen. Italien ist für unsere Alltagskultur das Land, in dem Milch und Honig fließen. Und Normalsterbliche wissen es von der schicken hippen Toskana-Fraktion: Pasta plus vino plus, welch ein Versprechen schon im Namen, Eros Ramazotti. Das Paradies auf Erden.
Das italienische Olivenöl steht in unseren Regalen mit einem weitreichenden Versprechen: extra vergine, was so viel heißt wie „besonders jungfräulich.“ Das gefällt uns in einer verdorbenen Welt, in all dem Frevel an Gottes Schöpfung. Gemeint ist mit „vergine“ die erste Pressung der Früchte des Ölbaums, ohne Einsatz chemischer Lösungsmittel. Im kalten Deutsch heißt das Kaltpressung. Danach kommen die miesen Fraktionen. Was dabei gewonnen wird aus den Oliven, nennt der Italiener „lampante“ oder gar „pomace“, unschöne Wörter für ein unschönes Produkt; sagen wir: Lampenöl. Dann doch lieber das Jungfräuliche.
Die Damen vom Gewerbe werden für die Freier mit eigener Kosmetik aufgehübscht. Das überdeckt dann die Chlor-Aromaten, die es braucht, um in den Resten noch Öl zu finden. Wenn das Lampenöl gefärbt wird und mit industriellem Chlorophyll versehen und mit Duftstoffen, reich an chemischen Lösungsmitteln und Rückständen anderer Spülmittel, dann darf man dem Etikettenschwindel auch unkomische Seiten abgewinnen. Lebensmittel als Todesboten. Aber, und hier holt Bartel den Most, der Markt für jungfräuliche Lebensmittel unter italienischer Flagge ist groß. 60 Milliarden Euro im Jahr werden mit „Made in Italy“ erlöst. Hoffentlich kommt wenigstens der „prosciutto di parma“ aus Parma. Sicher sein kann man da nicht. Mit einiger Wahrscheinlichkeit ist es ein belgisches Schwein, gefüttert mit US-Mais, aus dem holländischen Industriestall, das als Eros Ramazotti daherkommt.
Szenenwechsel. Ein Verbandsvertreter der Lebensmittelindustrie brezelt sich in einer hiesigen Talkshow auf: Alles sei gut und fein beim deutschen Billigschwein. Der Schinken-Papst spricht. Man erfährt: Sein eigener Betrieb vertreibt Schwarzwälder Schinken, der so heißt, weil er im Schwarzwald abgepackt wird; das rechtfertigt die Herkunftsbezeichnung, egal, woher das Schwein stammt und wer den Schinken produziert hat. Der Verband der Ernährungsindustrie findet das in Ordnung. Und der ist im BDI, die crème de la crème. Mit solchen Winkelzügen bringt die Industrie sich um; vielleicht nicht ihre Geschäfte, sicher aber ihren guten Ruf. Der schnelle Euro ist erotischer als nachhaltige Ethik.
Auf Lebensmittelskandale reagiert die Öffentlichkeit heftig. Es geht nicht immer um Leib und Leben, es geht aber immer um unseren Seelenfrieden. Die Menschen lassen sich so ungern verarschen. Und was bei Gips oder Reifen, bei Fonds oder Derivaten noch angehen mag, das wird bei Nahrungsmitteln fundamental. Der Mensch ist, was er isst; fürchtet er. Deshalb wüsste er gern, wer ihm was auf den Teller legt. Und ob er aus industrieller Dreistigkeit Objekt eines Etikettenschwindels wird, der sein Misstrauen und seine Larmoyanz als Opfer nur noch weiter anstachelt.
Aber eigentlich schuld ist nicht irgendeine Industrie, schuld sind wir selbst. Als Bürger wie Verbraucher sind wir Schafsköpfe. Die Verbraucher sind schizophren. Wir sind es. Wir sind bio-blöd. Wir wollen die unberührte ursprüngliche Natur auf dem Teller. Eier dürfen nur noch von freilaufenden Hühnern stammen. Das Schwein hat sein Leben streunend in einem Kastanienwald verbracht. Der Fisch ist geangelt und stammt weder aus einem Netz noch aus der Zucht. Der Garten Eden ist uns als Lieferant gerade gut genug. Nur kosten darf das nichts.
Die Preise (tief!) und die Qualität (hoch!) sollen auf einem Niveau liegen, das nur durch eine industrielle Landwirtschaft und eine hoch industrialisierte Nahrungsmittelindustrie gewährt werden kann. So werden die Lebensmittelanbieter zu Psychiatern. Sie geben dem Schizophrenen, was er will: beides! Das Lockwort für die Schizophrenen heißt Bio. Auf gar keinen Fall Genmanipuliertes, bitte nur Organisches.
Eine Hausmacherleberwurst, das ist uns Ursprünglichkeit. Wir erleben mit jeder Stulle Landlust und heile Welt. Wer mag da an eine Fleischfabrik denken, gar an die Massenschlachtungsfabriken, in die Massenhaltungstiere zu Massenwurst werden. Die letzten Landmenschen unter uns wissen, dass es eine größere hygienische Schweinerei als eine Hausschlachtung gar nicht gibt. Aber das wollen wir nicht wissen. Bio-blöd ist schön.
Der Verbraucher will keine Aufklärung. Er belohnt das verlogene Marketing. Seine Wünsche will er erfüllt sehen, nicht die Ängste bestätigt. Wehe, die Viktualien-Psychiater der schizophrenen Verbraucher sagen ihren bio-blöden Kunden die Wahrheit. Dann kommt wirkliche Rache. Wir wollen für unser gutes Geld belogen werden. Heilsversprechen ist doch das Mindeste, was man erwarten kann. Ruft sie herbei, die italienischen Jungfrauen. Stellt sie auf zum Chor. Und nun, all Ihr Schönen, singt uns das Lied von der Bio-Lüge, singt uns in den nächsten Schlaf.
Quelle: starke-meinungen.de
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Obama will das Atom. Yes, he can.
Hundert Reaktoren haben die USA am Netz in sechzig Kernkraftwerken. Jetzt planen sie weitere zwanzig. Das erste neue ist gerade genehmigt. Der Bau läuft schon. Renaissance der Nukleartechnik. Yes, we can.
Wie begründet der amerikanische Hoffnungsträger das? Er will seine Menschen in Lohn und Brot, das geht nicht mit überteuerten Energiekosten. Vom Weltmarkt kaufen die Leute, was sich rechnet, zur Not aus Asien. Wer den Strom zuhause verteuert, exportiert Arbeitsplätze. Da beißt kein Jobcenter den Faden ab.
Obama argumentiert weiter: die Abhängigkeit vom Importöl soll verringert werden. Billiges Erdgas ist zwar auf dem Vormarsch. Aber auch das abgasreiche Abbrennen von fossilen Energieträgern will man reduzieren. Stichwort Klimaschutz.
Sonne und Wind, wo sie scheint und er weht und beide sich rechnen. Aber nicht auf Kosten der Steuerzahler. Alternative Energien verlieren ihre Mega-Subventionen und sollen sich rechnen.
Ein solcher Mix aus Klimaschutz und Wirtschaftspolitik geht nicht ohne Atom. Punkt. Vor allem aber ist dies Industriepolitik. Die Unternehmen werden in ihre Verantwortung gezwungen. Wie schlau ist Amerika, wie dumm Deutschland.
In der Tat, der Obama traut sich was. In das instinktive Aufheulen der Kretschmänner hinein gehört aber ein zweiter Gedanke. Der amerikanische Mut ist nicht vordergründig. Man will wirkliche Lösungen.
Obama traut sich was, aber ist ja nicht doof. Sein Entsandter in der nuklearen Genehmigungsbehörde stimmte gegen die Genehmigung (vier zu eins), weil die Konsequenzen aus der Reaktorhavarie in Fukushima noch nicht gezogen seien.
Das Kalkül der beiden Schlitzohren aus Washington: Die Industrie wird in eine Offensive der technischen Nachbesserung gezwungen bei den hundert alten Reaktoren, dafür gibt es ein, zwei neue Kernkraftwerke, vielleicht zwanzig. Aber die Industrie macht ihre Hausaufgaben, technisch wie wirtschaftlich. Niemand sonst könnte es. Einschließlich der Endlagerung in den Yucca Bergen von Nevada.
Obama macht sich mit seiner atomfreundlichen Energiepolitik keinen schlanken Fuß. Die USA zeigen uns eine reflektierte Industriepolitik, gegen die der bundesdeutsche Kindergarten von Herrn Röttgen (CDU) und Herrn Rösler (FDP) den Atem verschlagen.
Die Energiewende dieser Bundesregierung verkommt zur Posse. Die Unternehmen legen die Hände in den Schoß. Oder sinnen auf neue Geschäftsfelder. Oder andere Kontinente. Die Katastrophe bahnt sich an, für Freunde der Energie wie für ihre Gegner. Es passiert einfach gar nichts. Das ist nicht gut genug.
Nehmen wir an, der deutsche Sonderweg in der Energiepolitik ist richtig. Nehmen wir an, der Rest der Welt irrt. Unterstellen wir, die Renaissance der Kernenergie sei falsch. Nehmen wir an, Europa oder der Westen insgesamt könnte eine alternative Energieversorgung entwickeln. Nicht nur als ideologische Spinnerei, sondern als industrielle Realität. Dann bleibt die Frage der Entsorgung. Sie wird ohne kerntechnische Fähigkeiten nicht zu bewältigen sein.
Quelle: starke-meinungen.de
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ARCHITEKTUR.
Hantavirus? Nie gehört. Aber es gibt erste Tote. Der fliegende Holländer hat die Pest an Bord und liegt vor Teneriffa. Die Technische Universität zu Berlin wird wegen baulichem Verfall geschlossen. Das alles wundert mich in meinem Lehnstuhl auf dem Lande nicht wirklich. Denn alles hängt mit allem zusammen. Heute geht es um Architektur und Hospitalisierung. Was passiert, wenn man eine Horizontale in die Vertikale bringt. Anmerkungen zum baulichen Grundparadox der Moderne. Wir handeln vom Telefunkenhaus und Kreuzfahrtschiffen. Der Reihe nach.
Bevor die Elektronik ein Ami wurde und ein Asiat, hatte hier das Monopol die AEG, die Allgemeine Elektrizitäts Gesellschaft zu Berlin. Für den Vergnügungsteil hatte die AEG eine wunderbare Verbrauchermarke namens Telefunken. Mein ganzer Stolz als Schüler war ein Radio von Telefunken, das mein Vater auf dem Werksverkauf erworben hatte. Meine Familie war nach der GHH (gehört hauptsächlich Haniel) bei der AEG. In Berlin wurde ein schmales Hochhaus mit damals sensationellen 21 Stockwerken zum Werbeträger dessen, das Telefunkenhochhaus am Ernst-Reuter-Platz, Teil der Technischen Universität.
Im obersten Stock die Kantine mit verdecktem Wasserschaden, jahrelang sumpft die ganze Infrastruktur mit Feuchtigkeit zu, heute eine komplette Ruine, wie der Rest der TU auch. Was in einer Horizontalen noch hätte funktionieren können, aber sich vom Kölner Dom die Vertikale abschaute, eine Gotteslästerung, verschimmelt komplett. Merke: Früher war die Feuersbrunst der große Vernichter, heute ist es der Wasserschaden.
Jetzt zu dem Kreuzfahrtschiff mit der Seuche, die sich Passagiere auf einer Müllhalde in Südamerika durch Kontakt mit Nagerkot geholt haben. Man habe die Hundertschaften in ihren Kabinen isoliert, außer zu den Mahlzeiten; das sei nicht anders möglich. Glaube ich sofort. Diese Archen sind nichts anderes als ein stählender Knast mit tausenden Zellen, vertikal gestellt und einem Diesel drunter. Auf diese größten der schwimmenden Knäste passen 10.000 Menschen, ein knappes Drittel als Personal, der Rest in Doppelzellen mit Balkon. Die 30 Restaurants werden in Schichtbelegung betrieben, nicht des Personals, der Gäste. Quarantäne geht da nicht.
Die Massen-Metropole wie der Massen-Musikdampfer sind Vergehen, weil sie eine Gattung, die nur in die Breite gehen kann, in die Höhe bringen wollen. Hätte man die Demut gehabt, die Kantine in die Parterre zu legen, das Telefunkenhaus wäre noch benutzbar. Vielleicht mit einer Pfütze im Keller. Aber so schlau war an der TU niemand. Nicht mal der böse Bolz. Ach so, GHH heißt Gute Hoffnungshütte, ein Montankonzern. Die hat sich verloren.