Logbuch

DER KRIEG DIE MUTTER.

Der Trenchcoat heißt nach dem bösen Schützengraben („trench“) so. Er war Kriegsuniform. His Majesty’s Waterproof. Der Rock des Kaisers, so hieß die Uniform im gegenüberliegenden Graben. Unselige Zeiten.

Der englische Schneider BURBURRY hat ihn dann als zivile Mode berühmt gemacht. So berühmt, dass Touristen aus Asien heutzutage unbedingt ein Teil mit dem Schottenmuster von BURBURRY ergattern müssen. Dabei ist die Erfindung des regendichten Gabardines einem anderen Schneider zuzurechnen. Der Kenner trug schon immer den Raincoat von AQUASCUTUM.

Aqua, das ist das Wasser, beispielsweise der berühmte englische Regen. Und scutum, das ist der Schutzschild des römischen Gladiators. Womit AQUASCUTUM den Kämpfer vor dem Wasser schützt. HM Waterproof. Das Schottenmuster im Innenfutur heißt hier CLUB CHECK und ist ein braun gehaltenes Karo. Auch dieses Teil wurde Mode, und zwar besserer Kreise. Das wussten nur Insider: Der Angeber trug damals BURBERRY, der Gentleman bevorzugte immer AQUASCUTUM.

Beides Früchte des Militärischen. Wie so vieles. Der Krieg als Mutter des Fortschritts. Ich erinnere aus meinem Studium einen Professor Kittler, der das UKW-Radio schon der Rüstungsindustrie zuschob. Ich würde mich nicht wundern, wenn das Internet eigentlich auch daherkommt. Zu sehr wird der nette-Jungs-Garagen-Mythos aus Silicon Valley gepflegt, als das ich diesem Braten traue. Ich traue auch Elon Musk und diesem Bezoss nicht. Die spielen mir zu viel mit Raketen für wirklich Zivile.

Niemand muss heute noch in Europa in feuchten Schützengräben liegen, wie noch mein Herr Großvater. Krieg geht so nicht mehr. Es reicht heute, wenn Du in Kabul auf einem Mohnsack sitzend an Deinem iPhone spielst und schon kommt eine Drone geflogen. Auf den Punkt genau macht es BUMM und das Problem ist gelöst. Ohne, dass Menschen zu Schaden kommen. Also auf der Täterseite, die Opferseite ist ausgelöscht. Fortschritt der (Kriegs-) Technik.

AQUASCUTUM ist als Marke aus meiner Wahrnehmung verschwunden. Das Haus ging in den Siebzigern erst nach Japan, dann vor kurzem nach China. Mein persönlicher Raincoat von denen ist mittlerweile dreißig Jahre alt und wurde noch gestern ins Brauhaus ausgeführt. Mein BURBERRY geht auf die Fünfzig zu und liegt stets hinten im Auto, für alle Fälle. Beides sehr feine Beispiele englischer Kleidungskunst. Halten ewig, werden immer chicer. Wird es nicht mehr geben, weil Krieg ja heute im T-Shirt vom Rechner aus geht.

Bedauert man das? Ich frage den KDV in mir. Der ist noch immer wach. KDV heißt „Kriegsdienstverweigerer“, das war ich nämlich, als der Kaiser mir den Rock verpassen wollte, den mein Großvater mit Stolz und mein Herr Vater mit Widerwillen getragen hatten. Ich habe damals dankend abgelehnt. Das konnte man. Dies war inzwischen ein demokratisches Land. Wirklicher Fortschritt.

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GRAFFITI.

Nichts stehen lassen können. Auf alles eine Antwort geben müssen. Der innere Zwang zur REPLIK. Unkultur des Streitens.

Die Schmierereien an Wänden waren im Alten Rom, es fehlte an Sprayfarbe, Kratzereien im Putz der Wände. Daher das „Gekratzte“, also Graffiti. Ganze Wände waren überzogen. Viel Schmähungen. Und jeder musste noch einen draufsetzen.

„Es liebt, wer dies hier schreibt; ihm wird es besorgt. Wer‘s liest, wer‘s hört, der wird lüstern. Eine Schwuchtel, wer vorbeigeht.“

REPLIK: „So schreibt der Knabenschänder Septumius.“

Aus: Dennis Rausch, Virtuose Niedertracht, Die Kunst der Beleidigung in der Antike.

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SYMBOL.

„Ich lebe im Licht / Ihr aber vom Schatten.“ (eine Sonnenuhr)

Großer Garten eines alten Hotels in Palermo, Sizilien, das gerade von frischem Geld übernommen wurde. Rocco Forte. Fresko auf einer Wand. Der GNOMON fehlt, aber die Inschrift ist noch deutlich zu lesen.

Selbstbewusst verkündet die SONNENUHR ein Motto der Aufklärung. Eigentlich: „Mich regiert das Licht, Euch der Schatten.“ VOS UMBRA REGIT. Welch ein Symbol!

Der Spruch gefällt mir in seiner Mehrdeutigkeit. Er gilt pragmatisch (so zeigt sie lautlos, was die Stunde geschlagen hat); er ist lebensphilosophisch (wir beten die Sonne an und suchen den Schatten); natürlich ein Motto der Aufklärung; zudem sagt der Spruch auch etwas zur stärksten Macht in diesem Jahrhunderte geschundenen Land (zu seiner, da ist das Wort, Schattenwirtschaft). Um nur vier Deutungen anzusprechen.

So belehrt, gehe ich klüger als erwacht zum Frühstück. Das sollte jeder Morgen bieten.

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DIE DOMINANTE HAND.

Ich glaube, dass der Herrgott mit Linkshänder etwas besonderes vorhat, was er uns aber selbstverständlich nicht verrät. Sie sind insgeheim gesegnet. Ein Sonderfall sind übertrainierte Pianisten, aber dazu kommen wir erst am Schluss dieses Eintrags.

In England habe ich bei einem Kurs zur Dinneretikette gelernt, dass man die messerführende Hand dominant nennt und die gabelbewährte „nondominant“; eigentlich müsste sie subdominant heißen. Die Gabel wird übrigens immer mit den Zinken nach unten geführt; es sei keine Schaufel, sagte der Benimm-Experte. Das gälte auch bei „peas“. Bei einer nicht zu verzeihenden Abwesenheit von Hummerbesteck dürfe die Kuchengabel an dem Schalentier zur Anwendung kommen, nachdem die Scheren barhändig gebrochen wurden. Ich habe im Borchardt auch schon Schweizermesser im Einsatz gesehen. Aber das ist, wie Kipling sagt, eine andere Geschichte.

Die subdominante Hand hat lediglich Haltefunktion, während die dominante Kraftakte vollbringt oder Kunstfertigkeiten. Das Schreiben gilt als eine solche Kulturtechnik, die vorwiegend rechts vollführt wird; was angesichts des Tinteverwischens des vermeintlich tölpelnden Linkshänders verständlich ist, wenn nicht gar vererbt dominante Kulturtechnik. Die Handschrift selbst hat eine so individuelle Ausprägung, dass sie nicht nur Identifikation zulässt, sondern sogar als Charakterspiegel gilt. Ich erinnere mich eines Paukers, der seinen Schülern die Sauklaue (Zitat) austreiben wollte. Bei der Menschwerdung des Affen spielt das Manuskript („mit der Hand geschrieben“) eine große Rolle.

Früher lernten künftige Sekretärinnen das 10-Finger-Blind-Tippen; begnadet, wer das am PC noch kann und wie eine Maschine in das Gerät klappert. Heute sehe ich Kids auf dem iPhone blitzschnell mit beiden Daumen simultan schreiben; eine Fertigkeit, die ich biologisch gar nicht habe. Ohnehin ein Mysterium, weil ich als notorischer Rechtshänder meine Glossen mit dem linken Zeigefinger ins Smartphone tippe. Ich vermute, ich bin ein umadressierter Linkshänder. Meiner Frau Mama waren rigorose Dinge zuzutrauen, wenn sie sie als Fürsorge verstand.

Die Hände sollen unterschiedliche Gehirnhälften adressieren, lese ich. Die zu ganz unterschiedlichen Dingen gut seien. Jetzt frage ich mich, ob ich auf unterschiedliche Hirne zurückgreife, je nachdem ob ich mit links oder mit rechts schreibe. Wenn ich das zu Ende denke, könnte ich als klinisch Schizophrener in der Klapse landen. Also, Mozart war Linkshänder. Und Freimaurer. Und spinnert. Das könnte man auch mal zu Ende denken.

Jetzt zu den beidhändig virtuosen Klavierspielern. Der Bruder des Philosophen Wittgenstein, ein leidenschaftlicher Pianist, hat seine zeitgenössischen Komponisten aufgefordert, mehr Stücke für einarmige Pianisten zu komponieren. Er hatte den anderen im Krieg verloren. Da stellen sich die Fragen der Etikette dann ganz anders.